Kritik

Sylvies Love Amazon Prime Video

„Sylvies Liebe“ // Deutschland-Start: 23. Dezember 2020 (Amazon Prime Video)

New York im Sommer 1957: Eigentlich träumt Robert (Nnamdi Asomugha) davon, als Jazz-Musiker groß Karriere zu machen. Teil einer Band ist er bereits, wo er allerdings etwas im Schatten des Bandleaders steht. Und da das mit dem Erfolg noch ein wenig auf sich warten lässt, hat er in der Zwischenzeit eine Teilzeitstelle in einem Plattenladen angenommen. Dabei sind es nicht allein die vielen Alben, die sein Interesse wecken, sondern auch Sylvie (Tessa Thompson), die Tochter des Besitzers. Von Anfang an verstehen sich die beiden gut, es entwickeln sich schnell erste Gefühle. Die Sache hat nur einen Haken: Sylvie ist bereits verlobt mit einem jungen Mann aus gutem Hause, so wie es ihre Familie von ihr erwartet …

Ein Herzensprojekt mit längerer Anlaufzeit

Wenn du deiner großen Liebe gegenüberstehst, wirst du es schon merken – lautet der in Filmen gerne mal weitergegebene Rat. Was aber wenn nicht? Was, wenn diese Liebe zu einem Zeitpunkt deinen Weg kreuzt, wenn du gar nicht in der Lage bist sie anzunehmen? Von einem solchen Fall berichtet Regisseur und Drehbuchautor Eugene Ashe in seinem romantischen Drama Sylvies Liebe, welches exklusiv auf Amazon Prime Video verfügbar ist. Dass es manchmal etwas Geduld braucht, um an sein Ziel zu kommen, das weiß der Filmemacher selbst dabei nur zu gut. Eigentlich war das Werk bereits Anfang 2014 einmal angekündigt. Doch es sollte sechs Jahre dauern, bis es endlich fertig war, es haperte mal wieder an der Finanzierung.

Dabei dürfte die Geschichte an sich eher nicht Stein des Anstoßes gewesen sein. Dafür ist die zu bewährt. Vom ersten Moment, wenn Sylvie und Robert miteinander sprechen, weiß man als Zuschauer bzw. Zuschauerin bereits, wohin die Reise geht. Dass Sylvie zu dem Zeitpunkt verlobt ist und die Eltern für das Töchterchen eine bessere Partie wollen als einen erfolglosen Musiker, das nimmt man zwar zur Kenntnis. Einen wirklichen Zweifel gibt es aber nicht, zwei Stunden später muss das Happy End kommen. Diese Gewissheit hilft dann auch dabei, bei Sylvies Liebe nicht zu sehr dem Frust zu verfallen, wenn die Figuren dauernd mit Stolpersteinen zu kämpfen. Steine, die sie manchmal sogar selbst erst noch besorgen und vor sich aufbauen, offene und ergebnisorientierte Kommunikation ist weniger die Stärke der beiden Hauptfiguren.

Ein charmantes Paar

Dafür sieht man die beiden gern zusammen. Die Art und Weise wie sie miteinander umgehen, wie sie flirten und gleichzeitig wieder nicht, das hat schon etwas Herzerwärmendes – sofern man sich nicht daran stört, dass Sylvie ihren Verlobten hintergeht, der gerade im Krieg ist. Das liegt auch an der sehr guten Chemie, ein Faktor, der Ashe aus gutem Grund beim Casting sehr wichtig war. Tessa Thompson (Thor: Tag der Entscheidung, Men in Black: International) und der ehemalige Footballspieler Nnamdi Asomugha funktionieren sehr gut als Paar, das keines ist. Vor allem die kleinen Szenen, in denen es eigentlich gar nicht um etwas geht, sind dabei schön anzusehen. Auch wenn der Film natürlich nicht frei ist von dramatischen Ereignissen, sie stehen nicht im Mittelpunkt.

Harmonisch mit diesen alltäglichen gemeinsamen Momenten verknüpft ist ein Porträt der damaligen Zeit. Darin angesprochen werden eine ganze Reihe von Themen. Eines davon betrifft beispielsweise die Rolle der Frau. Ein Handlungsstrang erzählt, wie Sylvie versucht, im Fernsehen Fuß zu fassen und sich dabei mühsam nach oben kämpft. Die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung darf natürlich ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, wobei Sylvies Liebe daraus kein reines Problemdrama macht. Dafür ist die Familie von Sylvie auch zu privilegiert. Außerdem lässt uns Ashe an einer Periode teilhaben, als der Jazz sich auf dem Rückzug befand und langsam durch Motown ersetzt wurde, was den Film für ein musikliebendes Publikum sehenswert macht.

Stimmungsvolles Zeitporträt

Ohnehin: Sylvies Liebe ist eine stimmungsvolle Zeitreise, bei der viel Arbeit und Mühe in die Ausstattung investiert wurde, in Kostüme und Frisuren. Das trägt alles zu der durchaus nostalgisch gefärbten Atmosphäre bei. Der Film ist schwärmerisch, etwas wehmütig, blickt auf eine spannende Phase zurück, in der sich vieles im Umbruch befand. Er ist auch eine Hommage an die Geschichten von damals, an die Melodramen, die seinerzeit gedreht wurden. Das überzeugt durch Detailliebe und Charme und wertet die an und für sich nicht wirklich erwähnenswerte Romanze noch einmal deutlich auf. Die wurde nicht grundlos direkt zu Weihnachten veröffentlicht: Auch wenn der Film, der auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, thematisch nichts mit dem Fest der Liebe zu tun hat, so ist er doch ein gelungener Begleiter für ein Publikum, das sich danach sehnt, wieder träumen zu dürfen und dabei ein wenig das hier und jetzt vergessen zu können.

Credits

OT: „Sylvie’s Love“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Eugene Ashe
Drehbuch: Eugene Ashe
Musik: Fabrice Lecomte
Kamera: Declan Quinn
Besetzung: Tessa Thompson, Nnamdi Asomugha, Ryan Michelle Bathe, Aja Naomi King, Eva Longoria

Bilder

Trailer

Interview

Eugene Ashe Sylvies Love Amazon Prime VideoWarum spielt der Film eigentlich in den 50ern und 60ern? Und wie findet man die wahre Liebe? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur und Drehbuchautor Eugene Ashe in unserem Interview zu Sylvies Liebe gestellt.

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Sylvies Liebe
„Sylvie’s Love“ nimmt das Publikum mit in die 50er/60er und erzählt von einer romantischen Begegnung, die erst keine sein durfte. Das geht mit dramatischen Ereignissen einher, befasst sich aber mehr mit alltäglichen Szenen. Das ist trotz der letztendlich vorhersehbaren Geschichte schön, lebt von der Chemie des (Nicht-)Paares und der stimmungsvollen Ausstattung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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