In Sylvies Liebe (seit 23. Dezember 2020 bei Amazon Prime Video erhältlich) erzählt Eugene Ashe von der jungen Sylvie, die Ende der 1950er  im Plattenladen ihres Vaters Robert über den Weg läuft und Gefühle für ihn entwickelt, obwohl sie bereits verlobt ist. Wir haben uns mit dem Regisseur und Drehbuchautor über die Wahl des Settings, die Suche nach dem passenden Ensemble und die Wahl der richtigen Liebe unterhalten.

Könntest du uns ein wenig über den Hintergrund von Sylvies Liebe verraten. Wie und wann bist du auf die Idee für den Film gekommen?
Mir kam die Idee beim Anschauen alter Fotografien meiner Familie. Filme, die in der Vergangenheit spielen und von der schwarzen Bevölkerung in den USA erzählen, tun dies meistens aus dem Blickwinkel der Bürgerrechtsbewegung. Ich wollte aber einen Film machen, der sich ganz auf die Figuren konzentriert und ihr Dasein als Menschen zeigt. Die Idee war deshalb, einen Liebesfilm zu drehen, weil Liebe ein universelles Gefühl ist, mit dem sich jeder identifizieren kann. Wir hatten in den 50ern und 60ern eben nicht nur Leute, die für die Rechte der Schwarzen gekämpft haben, sondern auch Leute wie Sammy Davis Jr., Nat King Cole und Miles Davis, große Künstler.

Aber warum gerade diese Zeit? Du hättest auch einen Film zu einer anderen Zeit drehen können. Liebe und Musik gab es auch davor und danach.
Das stimmt. Aber ich finde, dass diese Zeit eine besonders spannende war, in der vieles im Wandel war. Die Frauen versuchten sich zuvor an dieses Heile-Welt-Bild anzupassen, das es in den USA gab, in dem die Frauen zu Hause blieben und die Männer zur Arbeit gingen. Doch dann kam Anfang der 60er Betty Friedans Buch The Feminine Mystique heraus und die Frauen entwickelten den Drang, mehr zu sein als eine Hausfrau, vielleicht auch selbst einer Arbeit nachzugehen. Gleichzeitig tat sich musikalisch sehr viel. Jazz war nicht mehr so angesagt und wurde durch Popmusik und Motown verdrängt. Und ich fand, dass dieser Hintergrund einer sich wandelnden Gesellschaft schön mit den jeweiligen Entwicklungen bei Sylvie und Robert zusammenging.

Du wurdest erst ein paar Jahre später geboren und konntest diesen Wandel daher nicht selbst miterleben. Wie schwierig war es, die Atmosphäre der damaligen Zeit nachzustellen?
Ganz einfach war es nicht. Aber das ist es nie, wenn du eine Welt in einem Film erschaffst. Wenn du beispielsweise eine Geschichte erzählst, die 2005 spielt, darfst du keine Autos zeigen, die erst danach gebaut worden sind. Aber du erreichst schon viel, wenn du die Kulissen verwendest, die du in den alten Filmen von Warner oder Paramount gesehen hast. Wenn du dann noch die richtigen Autos davor stellst und die richtigen Kostüme aussuchst, hast du bereits eine Menge geschafft.

Warum trägt der Film eigentlich den Titel Sylvies Liebe? Normalerweise ist Liebe ja ein Gefühl, das zwei Leute betrifft. Warum also nur sie im Titel nennen?
Weil für mich der Film davon handelt, wie Sylvie die Wahl hat, was sie zum Teil ihres Lebens machen will. Ihre Mutter versucht sie zu dieser perfekten Hausfrau zu machen, von der ich vorhin gesprochen habe. Eine Frau, für die auch vorbestimmt ist, wen und was sie zu lieben hat. Während sie älter und erwachsener wird, entwickelt sie die Souveränität, das für sich selbst zu entscheiden.

Diese Entscheidung bedeutet in dem Film auch, sich zwischen zwei Männern zu entscheiden: Robert und ihr Verlobter. Dabei wird immer impliziert, dass Robert der richtige ist, dass es eine richtige und eine falsche Liebe gibt. Aber woher weiß man, ob eine Liebe die richtige ist, wenn man sie nicht gelebt hat?
Letztendlich liegt es an einem selbst, das für sich herauszufinden. Und das bedeutet auch, vieles in Frage zu stellen, was dir vorgegeben ist. Der Verlobte wurde ja mehr oder weniger für sie ausgesucht. Liebe sollte aber mehr sein als das. Wenn du jemanden nicht absolut liebst, warum mit demjenigen zusammen sein? Dafür musst du dir aber auch bewusst werden, was dir überhaupt wichtig ist und worauf es im Leben ankommt.

Könntest du uns noch etwas zum Casting-Prozess erzählen? Gerade bei einem Liebesfilm ist es ja wichtig, die richtigen Schauspieler und Schauspielerinnen zu finden.
Auf jeden Fall. Am wichtigsten war für mich, dass die Chemie bei den beiden stimmen sollte. Mein Ziel war es, die Chemie vergangener amerikanischer Liebespaare zu rekreieren: Robert Redford und Barbra Streisand, Billy Dee Williams und Diana Ross, Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Beim Dreh habe ich mit den Szenen angefangen, bei denen sich Sylvie und Robert kennenlernen. Die Szenen, bei denen es intimer wird, die kamen erst später, damit sich auf organische Weise eine Chemie zwischen Tessa Thompson und Nnamdi Asomugha entwickeln konnte.

Geplant hattest du den Film ja schon länger, seit einigen Jahren. Was hat so lange gedauert?
Die größte Schwierigkeit war, das Geld für den Film zusammen zu bekommen. Ansonsten hätte ich ihn schon viel früher gedreht. Wobei ich aber während dieser Zeit nicht einfach nur abgewartet habe. Vielmehr habe ich die Zeit genutzt, um kontinuierlich an dem Drehbuch zu arbeiten und es besser zu machen. Die Dialoge sollten perfekt sein und nicht nur gut.

Eugene Ashe Sylvies Love Amazon Prime Video

Zur Person
Eugene Ashe wurde am 19. August 1965 in New York City, USA geboren. Er arbeitete lange als Musiker und war auf zahlreichen Filmsoundtracks vertreten. Sein erster Film Homecoming (2012) erzählte von fünf Freunden, die Jahre nach dem Studium noch einmal ein Wochenende miteinander verbringen. Sein zweiter Film, das Liebesdrama Sylvies Liebe, feierte 2020 beim Sundance Film Festival Premiere. 



(Anzeige)

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort