Kritik

Swallow

„Swallow“ // Deutschland-Start: 26. November 2020 (DVD/Blu-ray)

Hunter Conrad (Haley Bennett) führt ein Leben, um das andere sie beneiden würden. Die aus einfachen Verhältnissen stammende junge Frau hat Richie (Austin Stowell) geheiratet, den blendend aussehenden Spross einer vermögenden Familie. Ihr neues Zuhause ist eine luxuriöse Villa, idyllisch gelegen, ein kleines Paradies. Als sie auch noch schwanger wird, scheint das Glück endgültig perfekt zu sein. Sie selbst hat jedoch Schwierigkeiten damit, sich an dieses Leben anzupassen, fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut – bis sie eines Tages eine Murmel findet und einer spontanen Eingebung folgend diese verschluckt. Immer häufiger entwickelt sie in der Folge das Bedürfnis, kleine Gegenstände in dem Haus zu verschlucken, was ihre angeheiratete Familie um jeden Preis zu verhindern sucht …

Die Verstörung der kleinen Dinge
Es braucht nicht zwangsweise zähnefletschende Monster oder Menschen, die dich mit einem Messer in kleine Stücke hacken, um in Filmen Angst und Beklemmung auszulösen. Oder Verstörung. In Swallow reicht dafür eine kleine Murmel. Als Hunter sie gegen das Licht hält, das Schimmern bewundert, wähnt man sich noch in einem strahlenden Prinzessinnen-Traum, so wie die Villa und die Menschen viel zu schön sind, um wahr zu sein. Bis diese Murmel in dem Mund steckt und genussvoll verschluckt wird. Wer zuvor nichts über den Film weiß, der wird an der Stelle vermutlich sehr irritiert reagieren, nicht wirklich etwas mit dem Ganzen anfangen können.

Diese Irritation bleibt im Anschluss, sie verstärkt sich immer mehr, da nach der Murmel noch viel mehr Gegenstände den Weg in Hunters Mund finden werden, zunehmend gefährliche Gegenstände auch. Die Spannung in Swallow besteht dabei einerseits darin, wie weit sie diese Neigung verfolgen wird, ob aus der zunächst wie eine harmlose Spinnerei wirkenden Handlung eine echte Bedrohung für sie und das ungeborene Kind wird. Aber auch die Frage, warum sie das alles überhaupt tut, ist ein wesentlicher Faktor für das Publikum, bei diesem eigenartigen Treiben dabei sein zu wollen, so unangenehm das teilweise auch anzuschauen ist.

Zwischen Selbstbestimmung und Abgründen
Der Film wird dabei gerne mal als Thriller verkauft, wenn nicht sogar als Body Horror. Doch auch wenn Swallow sicherlich Genre-Anleihen hat, die später etwas überflüssig von einer entsprechenden Musik und einer Art Actionszene begleitet werden, so ganz passt die Zuordnung nicht. Stattdessen hat Regisseur und Drehbuchautor Carlo Mirabella-Davis mit seinem ersten Spielfilm ein Psychodrama vorgelegt, das einerseits die persönliche Geschichte seiner jungen Protagonistin erzählt. Gleichzeitig verweist der Film aber auch darüber hinaus, bewegt sich grob in die #MeToo-Richtung, prangert die Objektivierung von Frauen an. Schon die ersten Szenen machen deutlich, dass Hunter von der Familie Conrad nicht unbedingt als ebenbürtiger Mensch angesehen wird. Später kommt noch ein zweiter, erschreckender Faktor hinzu.

Der Versuch, der real existierenden, unter der Bezeichnung „Pica“ bekannten Ess-Störung eine rationale Erklärung zu geben, ist dabei etwas zwiespältig. Zwar ist es durchaus plausibel, was Mirabella-Davis da zusammengetragen hat. Hunter ist zum Ende des Films eben nicht nur ein Freak, sondern jemand, dessen Leben von vielen anderen bestimmt wurde und die auf diese Weise mit der Situation umzugehen versucht. Swallow schießt da aber schon etwas unnötig übers Ziel hinaus, wird deutlich expliziter, als es notwendig gewesen wäre. Da hätte man dem Publikum schon noch ein bisschen mehr zutrauen können, eigene Rückschlüsse zu ziehen.

Dennoch: Das Drama, welches auf dem Tribeca Film Festival 2019 Premiere hatte, ist faszinierend, packend und letztendlich auch bewegend. Dabei sind es nicht zwangsläufig die größeren Momente, die Eindruck hinterlassen. Eine der herzzerreißendsten Szenen ist die, wenn Hunter an einem unerwarteten Ort eine Zärtlichkeit erfährt, die in ihrem Leben zuvor gefehlt hat, man für einen kurzen Augenblick glaubt, glauben möchte, dass jetzt alles wieder gut ist. Haley Bennett (Hillbilly-Elegie, The Devil All the Time) wechselt dabei fantastisch zwischen Verletzlichkeit und Selbstbestimmung, zeigt ein Opfer, das keins mehr sein möchte. Eine Frau, die durch ein Schlucken zu verdrängen versucht, dass sie zuvor zu oft und zu viel schlucken musste, was andere ihr vorgesetzt haben.

Credits

OT: „Swallow“
Land: USA, Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Carlo Mirabella-Davis
Drehbuch: Carlo Mirabella-Davis
Musik: Nathan Halpern
Kamera: Katelin Arizmendi
Besetzung: Haley Bennett, Austin Stowell, Elizabeth Marvel, David Rasche, Denis O’Hare

Bilder

Trailer

Filmfeste

Tribeca Film Festival 2019
NIFFF 2019
Fantasia Film Festival 2019
Filmfest Oldenburg 2019
Sitges 2019
Filmfest Münster 2019
Exground 2020

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Swallow
Eine Frau führt ein absolutes Traumleben – bis sie anfängt, zwanghaft irgendwelche Gegenstände zu verschlucken. Der Film ist ein düsteres Psychodrama über Fremd- und Selbstbestimmung. Das ist anfangs betont mysteriös, baut einiges an Spannung auf, bevor später der Fokus verlagert wird und vor allem die herzzerreißenden Szenen in Erinnerung bleiben.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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