Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins Mr. Jones
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Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins

Kritik

Red Secrets Im Fadenkreuz Stalins
„Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins“ // Deutschland-Start: 10. Dezember 2020 (DVD/Blu-ray)

Der walisische Journalist Gareth Jones (James Norton) wittert darin die Chance seines Lebens: Nachdem er bereits Adolf Hitler interviewt hat, will er nun auch ein Interview mit Josef Stalin führen und reist dafür eigens nach Moskau. Vergeblich, wie er dort feststellen muss, zu dem gewünschten Gespräch kommt es nie. Dafür findet er an einer anderen Stelle eine große Story, als er Zeuge der gewaltigen Hungersnot wird, die 1933 in der Sowjetunion herrscht. Eine Story, die aber auf keinen Fall weitererzählt werden darf, da ansonsten die kommunistische Erfolgsgeschichte geschmälert würde. Und so findet sich Jones allein auf weiter Spur, da Journalisten wie Walter Duranty (Peter Sarsgaard) ein ganz anderes Bild des Landes zeichnen …

Die Geschichte der Wahrheit
Wahrheit ist, was du draus machst. Dass man Realitäten durch Worte und Geschichten nicht nur abbilden, sondern auch schaffen kann, das ist nicht wirklich ein Geheimnis. Der Bereich der Fiktion lebt schließlich davon, die Illusion einer Welt zu erzeugen. Aber auch abseits von Kultur und Unterhaltungsindustrie waren schon immer Geschichtenerzähler gefragt, die aus dem Rohstoff tatsächlicher Ereignisse eine bekömmliche Fassung machen konnten. Früher fanden die Manipulationen der Massen noch etwas versteckter statt, wenn die Leute an der Macht das Narrativ bestimmen wollen. Heute ist man da weniger anspruchsvoll: In Zeiten von Fake News und Alternative Facts, von den abstrusen Verschwörungstheorien ganz zu schweigen, hält man sich nicht lange damit auf, Verbindungen zur realen Welt aufzubauen. Warum auch, so lange es genügend gibt, die an die Lügen glauben?

Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins nimmt uns  mit in das Jahr 1933, eine Zeit also, als einige besonders mächtige Faktenverdreher das Sagen hatten und damit den Lauf der Geschichte beeinflussten. Genauer erzählt die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (Die Spur) die wahre Geschichte des Journalisten Jones, der vielleicht zu jung war, zu naiv, zu idealistisch, um wie seine vielen Kollegen einfach wegzuschauen. Ein Mann, der darum kämpfte, die verheerende Hungersnot in der Ukraine öffentlich zu machen, auch wenn das außer ihm keiner wirklich wollte. Während Stalin und seine Schergen aus Imagegründen – es ging schließlich um die Zukunft des Kommunismus – nicht wollten, dass jemand davon erfuhr, fehlte im Westen das Interesse. Zum Teil profitierte man dort auch davon.

Zwischen Ideal und Zynismus
Anders als man vielleicht denken könnte, ist der Film daher nicht allein eine Abrechnung mit den Sowjets, die bewusst Millionen von Menschen in den Tod schickten. Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins ist auch nicht direkt als Absage für den Kommunismus zu verstehen: Zwischendurch begegnet Jones Leuten, die an die Idee des Kommunismus glauben, an die Gleichheit, daran, dass man mit anderen teilen sollte. Umso bitterer ist die Erkenntnis, wie unter dem Deckmantel dieser politischen Ausrichtung die Bevölkerung zur eigenen Bereicherung ausgenutzt wurde. Veranschaulicht wird dies am Beispiel des von Joseph Mawle verkörperten Schriftstellers George Orwell, der selbst überzeugter Sozialist war, später nach und nach desillusionierte und in seinem Werk Aufstand der Tiere – Animal Farm den Verrat dieser Ideale durch Stalin thematisierte.

Der Versuch von Holland, hier und an anderen Stellen einen größeren Kontext zu schaffen, anstatt „nur“ die Geschichte des einsamen Wolfes zu erzählen, ist einerseits nachvollziehbar und schlüssig. Es führt allerdings dazu, dass der Film ein wenig ausufert, zumal trotz allem nicht die Zeit bleibt, das wirklich zu vertiefen. Wer einen reinen Politthriller sucht, bei dem konstant Nervenkitzel herrscht, der ist bei Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins eher falsch. Gerade zu Beginn ist das Tempo recht gering, es dauert eine Weile, bis die Ereignisse Fahrt aufnehmen – was vor allem in der Zeit in der Sowjetunion der Fall ist, wenn Jones mit eigenen Augen geschieht, was da vor sich geht.

Die eindrucksvollsten Szenen sind dann auch gar nicht mal die, in denen von Manipulationen und Unterdrückung die Rede ist, von der Politisierung des Unglücks. Es ist vielmehr die Darstellung des Unglücks selbst, die in Erinnerung bleibt. Die winterliche Sowjetunion, in der die Leute verzweifelt nach Essen suchen, versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit, ist ein surrealer Anblick, einerseits wunderschön, gleichzeitig erschreckend. Holland veranschaulicht das Grauen, ohne sich daran zu weiden. Der historische Thriller, der 2019 im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte, ist dann auch ein Kampf gegen das Vergessen, ein Appel dafür, das Leid der Welt bewusst zu sehen und anderen nicht widerspruchslos die Wahrheit zu überlassen, was in einer Zeit, in der Genozide noch immer tagtäglich stattfinden, so wichtig ist wie vor fast 90 Jahren.

Kritik

OT: „Mr. Jones“
Land: Polen
Jahr: 2019
Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch: Andrea Chalupa
Musik: Antoni Łazarkiewicz
Kamera: Tomasz Naumiuk
Besetzung: James Norton, Vanessa Kirby, Peter Sarsgaard, Joseph Mawle, Kenneth Cranham

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„Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins“ zeigt, wie ein idealistischer Journalist 1933 die Hungersnot in der Sowjetunion thematisierte und dabei gegen großen Widerstände ankämpfen musste. Der Film ist dabei einerseits Erinnerung an einen historischen Vorfall und das erlittene Leid, gleichzeitig aber auch ein Appell, weiter für die Wahrheit einzutreten. Das ist zumindest teilweise spannend, selbst wenn das Tempo oft gering ist und der Film zuweilen etwas überfrachtet.
7
von 10