Kritik

Lautlos wie die Nacht Mélodie en sous-soi

„Lautlos wie die Nacht“ // Deutschland-Start: 23. August 1963 (Kino) // 4. Dezember 2020 (DVD)

Nach dem Ende seiner letzten Haftstrafe von fünf Jahren ist Charles (Jean Gabin) es endgültig leid, sich nur mit kleinen Jobs als Einbrecher und Räuber zu verdienen. Für seinen nächsten und damit endgültigen Coup will er das noble Casino „Palm Beach“ in Cannes überfallen, und dabei soll ihm der junge Francis (Alain Delon), den er im Gefängnis kennenlernte, helfen. Dank eines Grundrisses, den er von einem seiner früheren Komplizen bekommen hat, sowie der Unterstützung von Francis’ Schwager als Fahrer kann nun die Planung des Raubes stattfinden, an dessen Ende mehrere Millionen Francs für alle Beteiligten herauskommen können. Doch vorher gilt es, die Routinen und die Zugänge des Casinos sowie des dazugehörigen Hotels auszukundschaften, weshalb sich Francis eine neue Identität als reicher Playboy zulegt, mit dem Ziel, sich über eine Liebelei mit einer der Tänzerinnen des „Palm Beach“ Zugang zur Bühne zu verschaffen. Charles reist wenige Tage nach, ebenfalls unter der Maskerade eines wohlhabenden Pensionärs, der nur ein paar ruhige Tage in Cannes verbringen will. Immer wieder kommt es jedoch zu Reibereien zwischen Charles und Francis, welcher seinem älteren Kollegen nach zu viele Risiken eingeht. Doch bald schon ist der Tag des Raubes nah und es dürfen keine Patzer passieren.

Auf Nummer Sicher
Neben Der Clan der Sizilianer (1969) gehört Lautlos wie die Nacht zu bekanntesten und erfolgreichsten Kollaborationen zwischen Regisseur Henri Verneuil sowie den Schauspielern Jean Gabin und Alain Delon. Nicht nur wegen seiner Darsteller, auch wegen seiner erzählerischen wie auch ästhetischen Stilsicherheit gewann Verneuils Film nicht nur den Edgar Allen Poe Award, sondern auch in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ bei der Verleihung der Golden Globes 1964. Die Ehrungen verdient hat der Streifen in jeder Hinsicht, bietet er doch ein sehr unterhaltsames und mit feiner Ironie versetztes Gaunerstück, welches Gabin und Delon auf dem Höhepunkt ihrer Kunst zeigt.

Im Grunde sind Charaktere wie Charles oder Francis Vorbilder für die Gentleman-Schurken, wie sie George Clooney in Filmen wie Ocean’s Eleven oder Out of Sight gespielt hat, wenn auch mit deutlich mehr Grautönen. Während es bei Charles auf den berühmt-berüchtigten letzten großen Coup hinausläuft, wie er selbst sagt, scheint es für Francis um deutlich mehr zu gehen, um Unabhängigkeit, aber auch darum, sich zu beweisen, was man schon alleine daran sieht, dass seine Figur die meiste Arbeit verrichtet, zumindest, wenn man davon ausgeht, wie oft er im Film zu sehen ist im Vergleich zu seinem älteren Kollegen. Gabin spielt den Drahtzieher, den großen Strippenzieher, welcher die Planung wie auch den Ablauf an sich mit eiserner Hand kontrolliert und auch schon einmal ungeduldig wird, wenn es einmal nicht so läuft, wie er es will. Besonders interessant ist hierbei, wie er Francis’ Schwager seinen Willen geradezu aufzwingt, als dieser Charles gesteht, er habe Gewissensbisse bekommen.

In der Kombination der beiden Figuren, im Spiel Delons und Gabins, kündigt sich ein Generationenwechsel an. Für beide geht es um viel, beide verfolgen dasselbe Ziel, doch ihr Wille, Risiken einzugehen, unterscheidet sich und macht ihre Allianz immer wieder auch wacklig.

Urlaub auf Raten
Vor dem Hintergrund der High Society Cannes’ sowie der edlen Promenade mit ihren Hotels und Casinos spielt sich dieses Gaunerstück ab. Elegant und stilsicher von Verneuil und Kameramann Louis Page inszeniert erfolgt die Unterwanderung dieser erlauchten Gesellschaft durch die Diebe, die naturgemäß durch ihren Raub auch bald dazugehören wollen. Interessant und sehr unterhaltsam ist wie mühelos jene Maskerade abläuft, mit der sich die beiden in die feine Gesellschaft einschleichen. Ein besonderer Höhepunkt ist das Eintreffen Francis’ im Hotel, begleitet von den genauen Anweisungen Charles’ aus dem Off, der ihm detailreich sagt, wie er sich zu verhalten habe, damit das Personal wie auch die Zufallsbekanntschaften die Pose des reichen Playboys abkaufe.

Doch letztlich ist es nur ein „Urlaub auf Raten“, wie Charles es gleich zu Anfang auf den Punkt bringt, nur eine Pose oder eine Maske, die man trägt und die am Ende des Jobs von einem fällt. Vielleicht ist das Gerede von Luftschlössern, die man sich baut, mit dem Charles den Plan seiner Frau, doch ein ehrliches Leben als Hoteliers zu verbringen, verwirft, auf zweierlei Weise zu verstehen, nämlich auch als Ahnung, dass eben jener letzte Coup auch nur eine Fantasie ist und es dieses letzte Mal immer und immer wieder geben wird.

Credits

OT: „Mélodie en sous-soi“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1963
Regie: Henri Verneuil
Drehbuch: Michel Audiard
Musik: Michel Magne
Kamera: Louis Page
Besetzung: Jean Gabin, Alain Delon, Maurice Biraud, Carla Marlier, Viviane Romance, Henri Virlogeux

Bilder

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Lautlos wie die Nacht
„Lautlos wie die Nacht“ ist ein elegant gefilmter, sehr unterhaltsamer Kriminalfilm, besetzt mit den beiden wohl besten Darstellern Frankreichs zur Zeit der Entstehung. Henri Verneuil zeigt sich als jemand, der nicht nur sein Handwerk versteht, sondern der durch seine Inszenierung den Figuren die nötige Plastizität gibt, die verständlich macht, auch wenn sie noch so zweifelhaften Jobs nachgehen und wohl auf immer in der Gangsterpose verharren werden.
8von 10

Hinterlasse eine Antwort