(„Le Clan des Siciliens“, directed by Henri Verneuil, 1969)

„Ein Muss für jeden echten Cineasten.“ Wenn die Verpackung der von 20th Century Fox herausgegebenen DVD das verspricht, muss es ja stimmen. Allerdings sagt die Jahresangabe auf der gleichen DVD auch, der Film stamme aus dem Jahr 1965, wo er in Wahrheit doch erst 1969 in die französischen Kinos kam. Ja, manchmal kann man sich wirklich fragen, welche „echten Cineasten“ für die Informationsangaben auf diversen Film-Datenträgern zuständig sind. Auch wenn das „Muss“ von 20th Century Fox sehr subjektiv ausgelegt werden kann, so ist Le Clan des Siciliens heute zweifellos ein Klassiker des französischen Gangsterfilms. Wohl auch, weil es der einzige Streifen ist, der alle drei größten männlichen Schauspieler aus Frankreich zu jener Zeit versammeln konnte: Jean Gabin und Alain Delon hatten sich bereits in Lautlos wie die Nacht gegenseitig die Show gestohlen, nun sollte sich Lino Ventura hinzugesellen, der den meisten Zuschauern vielleicht durch seine Rolle als Kommissar in dem Gruselschinken Der Schrecken der Medusa mit Richard Burton bekannt sein dürfte.

Bis auf Alain Delon sind mittlerweile alle Gentlemen gestorben, für welche die Zuschauer in den 60er und 70er Jahren scharenweise in die Kinos strömten und für volle Kassen sorgten. In Der Clan der Sizilianer spielen alle Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein dürften. Delon ist ein eiskalter Killer, Gabin das abgeklärte Oberhaupt einer sizilianischen Familie, die das Töten verabscheut und Ventura ist der sich bemühende, aber oft versagende Kommissar, der versucht, Delon auf die Schliche zu kommen. Dieser hat nämlich zwei Polizeibeamte getötet. Er wurde dem Haftrichter vorgeführt, schaffte es jedoch, auf der Fahrt ins Gefängnis zu türmen. Seine Hilfe kommt aus der Familie Manalese, deren Oberhaupt Vittorio ist. Die Familie gewährt dem Killer Unterschlupf, versteckt ihn für einen hohen Geldbetrag. Doch die Polizei ist dem Geflohenen auf den Fersen. Sein Leben wird immer gefährlicher, als er die sizilianische Familie dazu überredet, teure Diamanten aus einer römischen Galerie zu entwenden. Kann Kommissar Le Gouffe den Plan rechtzeitig vereiteln, oder werden die Gauner davonkommen und ihren Weg mit Leichen pflastern?

Wer diesen Film hinterfragt, ist selber schuld. Natürlich ist Der Clan der Sizilianer höchst unglaubwürdig und unrealistisch, doch darum geht es nicht – es geht schlicht und einfach um den Spaß, den man dabei hat, den drei Herren dabei zuzusehen, wie sie ihre Verbrechen planen bzw. andere daran hindern wollen, ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Mit diesem Konzept ist Henri Verneuil ein sehr unterhaltsamer – wenn auch ein unwesentlich in die Länge gezogener – Krimi gelungen, der die nötige Spannung nicht missen lässt. Die Spannung resultiert u.a. aus der Frage, auf wessen Seite man als Zuschauer stehen soll, denn der Regisseur überlässt das jedem selbst. Man wird über jeden Schritt sowohl der Polizei als auch der Verbrecher auf dem Laufenden gehalten, kann sich selber entscheiden, ob man hofft, dass die Pläne der Sizilianer gelingen oder ob sie vereitelt und die Gauner hinter Gitter landen sollen. Die Verbrecher werden nicht verurteilt oder kritisiert für ihre Taten, neutral und objektiv verfolgt Verneuil ihre Vorhaben, räumt der Polizei auch zahlreiche Chancen ein, den Herren dingfest zu machen.

Zudem haben sich die Drehbuchautoren sichtlich Mühe gegeben, den Charakteren Wärme zu verpassen, sie zu menschlichen Wesen aus dem Volk zu machen, was die Entscheidung für den Zuschauer bzgl. seiner Positionierung nicht einfach macht. Der Großvater Manalese ist ein Familienmensch, der nach einem geplanten Raubzug in ein Spielwarengeschäft geht, um seinem Enkel eine Freude machen zu können, während Lino Ventura als angestrengter Kommissar verzweifelt versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen, indem er sich ständig eine Zigarette in den Mund steckt, diese aber nicht anzündet. Der einzig kalte und flache Charakter ist der Alain Delons. Aufgrund dieses Unterschieds zu den anderen Figuren wirkt seine Person vielleicht sogar übertrieben gefühlslos und klischeehaft, wenn Delon als brutaler Totschläger frisch gefangener Fische porträtiert wird. Sehr geschickt ist auch die Entführung eines Flugzeuges inszeniert worden, ohne dass die Passagiere vor der Landung etwas von der Entführung erfahren. Solche Szenen sind die Highlight dieses Streifens, der in der Mitte etwas an Spannung verliert, nur um bald wieder an Fahrt zu gewinnen.

Le Clan des Siciliens ist empfehlenswert für jeden Liebhaber von Gangsterfilmen. Ein mit leichter Hand und gut aufgelegten Schauspielern gedrehtes Werk, das nicht zuletzt aufgrund der kultigen, treibenden Musik von Ennio Morricone noch immer cool daherkommt und viele moderne, bemühte Gaunerstreifen in die Tasche stecken kann. Kleinere Schwächen kann man hier gut verzeihen, denn mit einigen originellen Einfällen – seien sie auch noch so unglaubwürdig – wird der Zuschauer erfolgreich bei Laune gehalten.

Der Clan der Sizilianer
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