Kritik

I'm Your Woman Amazon Prime Video

„I’m Your Woman“ // Deutschland-Start: 11. Dezember 2020 (Amazon Prime Video)

Bislang führte Jean (Rachel Brosnahan) ein normales Leben als zwar wenig begabte, dafür aber brave Hausfrau, die es gewohnt ist, dass ihr Mann Eddie (Bill Heck) zu Hause das Sagen hat. Das ändert sich eines Tages, als Eddie spurlos verschwindet. Und auch Jean muss ihre Sachen packen, dazu Baby Harry. Möglichst schnell, wie ihr von Cal (Arinzé Kene) mitgeteilt wird, der plötzlich vor ihr steht und sich als ein Partner ihres Mannes ausgibt. Der sei in eine gefährliche Geschichte verwickelt, weshalb alle erst einmal untertauchen müssen, wird ihr erklärt. Während Jean noch damit zu kämpfen hat, diese Informationen und Nicht-Informationen zu verarbeiten, muss sie sich fragen: Wem kann sie jetzt noch trauen?

… und was ist mit der Frau?
Wir haben die Geschichte schon so oft gesehen, in den verschiedensten Variationen: Ein Mann hat sich mit den falschen Leuten angelegt, sei es als Polizist, Verbrecher oder einfach nur Zeuge, weshalb damit auch seine eigene Familie in großer Gefahr ist. Die besteht in der Regel aus Frauen und Kindern, also traditionell als hilfsbedürftig angesehene Leute, und muss schnellstmöglich irgendwo in Sicherheit gebracht werden. Dort sollen sie sich verstecken, während andere, meist bewaffnete Männer sie vor der besagten Gefahr beschützen müssen. Das klappt gewöhnlich nur zum Teil, entdeckt werden sie immer, bei den treuen Schutzherren muss irgendjemand dran glauben, damit auf diese Weise Spannung entsteht.

Das ist beim Amazon Prime Film I’m Your Woman grundsätzlich ganz ähnlich. Wieder hat ein Mann etwas getan, was gefährliche andere Männer auf den Plan ruft, während ein weiterer Mann die verängstigte Ehefrau und das kleine Kind beschützen will. Der Unterschied ist aber, dass der Film eben nicht aus der Perspektive einer dieser Männer erzählt wird, sondern der von der Frau, die in diesem gewalttätigen Umfeld zwischen die Fronten gerät. Dass sie für ein solches Leben nicht geschaffen ist, daran lässt Regisseurin und Co-Autorin Julia Hart (Stargirl: Anders ist völlig normal) keinen Zweifel. Jean ist ja nicht einmal für den ganz normalen Alltag geschaffen, wenn sie schon daheim wie ein Fremdkörper wirkt, der nicht genau weiß, wie er sich zu verhalten hat.

Tatsächlich beginnt I’m Your Woman damit, dass Eddie – nach den vergeblichen Versuchen, auf reguläre Weise ein Kind zu zeugen – mit einem Baby ankommt, das von nun an das von Jean wäre. Die ist verwirrt, zeigt aber nur wenig Widerstand, akzeptiert einfach das, was ihr Ehemann ihr da vorsetzt. Für die eigentliche Geschichte ist das zwar irrelevant, ein eigenes Baby hätte es in der Situation auch getan. Hart zeigt auf diese Weise aber, auf welch groteske Weise ihre Hauptfigur ihrem Mann hörig ist. Dass der Film in den 70ern angesiedelt ist, als trotz erster Erfolge durch die Frauenbewegung das Geschlechterbild noch recht einseitig war, macht diesen Einstieg dabei erträglicher, rückt ihn in einen historischen Kontext.

Atmosphärische Entwicklung vom Nichts zum Jemand
I’m Your Woman begnügt sich aber nicht damit, einen Kommentar zu diesen Bildern abzugeben. Vielmehr ist ihr an einer Art Momentaufnahme gelegen, eine Initialzündung, welche aus der anfangs so wenig selbstbewussten, unterwürfigen Frau ein Individuum macht, das eigene Entscheidungen trifft. Wobei die Entwicklung dabei recht langsam ist, der Film nimmt sich viel Zeit. Gleiches gilt für die Aufdeckung der Hintergründe: Erst nach und nach erfährt man, was genau da eigentlich vorgefallen ist, warum Eddie auf der Flucht ist, aber auch wer Cal und die anderen sind, deren Leben auf einmal mit dem von Jean verbunden ist. Das wird vielleicht nicht jedem gefallen. Der Film steht zwar in der Tradition der Krimidramen aus den 1970ern, lässt dieser aber lange keine Taten folgen. Er erzeugt eher Spannung dadurch, dass Taten folgen könnten, während die Protagonistin und das Publikum durch die Gegend stolpern, ohne zu wissen, wohin der Weg führt. Ein bisschen Paranoia-Thriller also.

Das ist atmosphärisch, zudem schön ausgestattet. An einigen Stellen darf man hier doch ziemlich nostalgisch werden, umso mehr da durch die beschränkten technologischen Mittel der damaligen Zeit leichter ein Gefühl der Isolation erzeugt werden konnte. Hart zeigt auf, wie jemand sich in einer Welt behaupten muss, ohne diese zu verstehen. Das ist auch Rachel Brosnahan (The Marvelous Mrs. Maisel) wegen sehenswert, die hier den Wandel vom eingeschüchterten Reh zur tatsächlichen Person vorlebt, ohne dass dabei gleich wieder in einer Übersprungshandlung eine Powerfrau generiert wird. Sicher wäre da in Hinblick auf die Charakterisierung noch mehr möglich gewesen, die über weite Strecken sehr passive Art der Figur lässt da nicht viel zu. Dennoch ist I’m Your Woman eine interessante, stimmungsvolle Abwandlung der gewohnten Männerkämpfe.

Credits

OT: „I’m Your Woman“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Julia Hart
Drehbuch: Julia Hart, Jordan Horowitz
Musik: Aska Matsumiya
Kamera: Bryce Fortner
Besetzung: Rachel Brosnahan, Arinzé Kene, Marsha Stephanie Blake, Bill Heck, Frankie Faison, Marceline Hugot

Bilder

Trailer

Interviews

Julia Hart Im Your Woman InterviewWas hatte ihr an dem Film gefallen? Und wie ist es, sich in einer Männerdomäne behaupten zu müssen? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarstellerin Rachel Brosnahan in unserem Interview zu I’m Your Woman gestellt. Mit Regisseurin und Co-Autorin Julia Hart haben wir unter anderem über das 70er Jahre Setting und heutige Frauenfiguren gesprochen.

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I’m Your Woman
In „I’m Your Woman“ muss eine Frau sich plötzlich verstecken, nachdem ihr verschwundener Mann in eine gefährliche Geschichte verwickelt ist und auch sie damit in Gefahr gerät. Das Thrillerdrama steht dabei in der Tradition der Filme aus den 70ern, erzählt diese aber aus der ungewohnten Perspektive der zu beschützenden Frau. Das Tempo ist dabei eher gering, spannend ist der Wechsel aber auch so.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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