Stell dir vor, du müsstest von einem Moment dein komplettes Leben hinter dir lassen und woanders von vorne anfangen. In I’m Your Woman (seit 11. Dezember 2020 auf Amazon Prime Video) spielt Rachel Brosnahan eine gewöhnliche Hausfrau, die wegen der geheimen Aktionen ihres Mannes plötzlich auf der Flucht ist und sich mit einer neuen Identität verstecken muss. Wir haben die Schauspielerin zu ihrem Thrillerdrama befragt, über die Herausforderungen, welche sie dabei zu überwinden hatte, und wie es ihr selbst als Frau in einer von Männern dominierten Branche geht.

Du bist nicht nur Hauptdarstellerin in I’m Your Woman, sondern auch Produzentin. Wie und wann bist du zu dem Projekt dazugestoßen?
2018 haben Julia Hart, die auch Regie geführt hat, und ihr Mann Jordan Horowitz das von ihnen geschriebene Drehbuch an mein Management geschickt. Ich war den beiden sehr dankbar für die Möglichkeit, bei ihrem Film das erste Mal auch als Produzentin tätig zu sein, zusammen mit Jordan. Das war etwas, woran ich vorher schon seit einer ganzen Weile Interesse hatte.

Und was hat dir an dem Projekt so gefallen, dass du auch Teil davon sein wolltest?
Mir hat gefallen, dass es um eine stille Actionheldin ging. Meine Figur Jean ist eine ganz gewöhnliche Frau, die sich auf einmal in einer sehr ungewöhnlichen Situation wiederfindet und irgendwie mit dieser fertig werden muss. Ich mochte dabei auch, dass ich Jean zunächst nicht so wirklich verstanden habe und dass ich erst für mich herausfinden musste, wer sie eigentlich ist und wie ich sie zu spielen habe. Das liebe ich am meisten bei Projekten: die Angst am Anfang, eine Figur nie so ganz zu verstehen, und erst durch viele Gespräche dorthin zu gelangen.

Und wann hat es dann Klick gemacht? Während dieser Vorabgespräche oder beim Drehen?
Tatsächlich erst beim Drehen. Während der Proben für den Filmen haben Julia und ich viele Ideen und einen Rahmen entwickelt. Aber bevor ich das erste Mal dann vor der Kamera stand und meinen Mund aufmachte, gab es nur die Hoffnung, dass das am Ende auch wirklich aufgeht. Das tat es dann, hoffe ich zumindest. (lacht) Auf jeden Fall war es eine chaotische Reise, aber auch sehr aufregend.

Die Geschichte spielt ja in den 1970ern. Seither hat sich natürlich viel getan, für Frauen im allgemeinen, aber auch Frauenfiguren in Filmen. Würde die Geschichte, so wie sie ist, auch in einem heutigen Setting funktionieren?
Das ist eine gute Frage. Eine Figur wie Jean kann es heute schon noch geben, denke ich. Was aber die Geschichte so spannend macht, ist dass es damals eben keine Handys oder Internet gab. Es war damals noch einfacher, ein wirklich isoliertes Leben zu führen und jemanden auch zu isolieren, versteckt vor der Familie, Freunden und deinem Umfeld. Du konntest verschwinden und nichts mehr von der Welt da draußen mitbekommen. Das ist heute deutlich schwieriger. Du kommst heute sehr viel leichter an Informationen heran, während Jean ja wirklich gar nicht weiß, was los ist und was da geschieht.

Jean bewegt sich in einer Welt, die von Männern dominiert wird, sei es von ihrem Mann oder den Verbrechern, und muss lernen, sich da durchzukämpfen. Wie sehr kannst du dich damit identifizieren als jemand, der als Schauspielerin in einer ebenfalls von Männern dominierten Branche arbeitet?
Natürlich ist das bei mir nicht ganz auf demselben Level wie bei ihr. Ich muss nicht um mein Leben rennen oder lernen, wie man mit einer Waffe umgeht – zumindest nicht außerhalb meiner Rolle. Aber es ist definitiv schon so, dass Frauen es immer noch schwerer haben in meiner Branche. Inzwischen hat sich da einiges getan und ich denke, dass Frauen heute eher bereit sind, Chancen von sich aus zu ergreifen, wenn man sie ihnen nicht anbietet. Oder sich die Chancen gleich selbst zu schaffen. Aber es bleibt eine Herausforderung. Es gibt Berge an Filmen über ganz gewöhnliche Männer, welche in irgendeiner Form die Welt erleben, und das Publikum durch sie dann mit. Aber es ist immer noch mit Herausforderungen verbunden, einen solchen Film mit einer gewöhnlichen Frau als Hauptfigur umzusetzen. Das mochte ich auch so an I’m Your Woman, dass wir mit Jean die Welt kennenlernen, in der sie sich bewegt. Ich denke, dass wir mit jedem Film, der eine solche Frau zeigt, einen Schritt weiterkommen.

Wie lässt sich dieses System überhaupt verändern? Sollten Männer den Frauen mehr Platz einräumen oder sollten Frauen sich diesen Platz nehmen, wie du gesagt hast?
Beides. Momentan sind Männer einfach an der Machtposition und können beeinflussen, wie das System aussieht. Sie sollten Frauen aber nicht nur mehr Platz einräumen, weil sie es müssen, sondern weil Frauen wertvoll sind, weil sie eigene Fertigkeiten und Talente mitbringen, welche zu einer Verbesserung beitragen können. Gleichzeitig sollten Frauen aber natürlich auch von sich aus mehr tun und einfordern, das eine schließt das andere nicht aus.

In I’m Your Woman muss sich Jean eine neue Identität zulegen, um vor den anderen in Sicherheit zu sein. Wenn du dir eine neue Identität aussuchen könntest oder müsstest, welche wäre das?
Ich würde mir den Namen Charlotte geben, weil ich den Namen mag, und als Grundschullehrerin arbeiten.

Zur Person
Rachel Brosnahan wurde am 12. Juli 1990 in Milwaukee, Wisconsin, USA geboren. Als Jugendliche spielte sie in mehreren Musicals mit, später studierte sie an der Tisch School of the Arts der New York University. Ihre erste Filmrolle hatte sie in dem Horrorfilm The Unborn (2009). Zeitgleich begann auch ihre Karriere auf der Bühne. Berühmt wurde die Schauspielerin jedoch in erster Linie durch mehrere Serien, allen voran das Politdrama House of Cards sowie die Tragikomödie The Marvelous Mrs. Maisel, für die sie einen Primetime Emmy Award und zwei Golden Globe Awards erhielt.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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