Kritik

Flucht aus Pretoria

„Flucht aus Pretoria“ // Deutschland-Start: 26. November 2020 (DVD/Blu-ray)

Südafrika in den 1970ern: Das Apartheid-Regime hat das Land fest in der Hand, unterbindet jeden Versuch, der schwarzen Bevölkerung gleiche Rechte zuzugestehen. Doch nicht alle Weißen wollen dem rassistischen System tatenlos zu sehen. So beteiligen sich Tim Jenkin (Daniel Radcliffe) und Stephen Lee (Daniel Webber) an Aktionen, die sich gegen die Trennung richten. Der Preis dafür ist hoch: Als sie erwischt werden, wie sie Flugblätter produzieren, werden sie zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, welche sie im politischen Gefängnis Pretoria verbüßen sollen. Dort treffen sie unter anderem auf Denis Goldberg (Ian Hart) und Leonard (Mark Leonard Winter), zwei weitere Gefangene, und schmieden bald schon Pläne, wie sie aus dem Knast entkommen könnten …

Ein politisches Gefängnis ohne Kontext
In einem Jahr, in dem der systemimmanente Rassismus auf der ganzen Welt wieder verstärkt angeprangert wurde, überall die Menschen auf die Straßen gingen, um beispielsweise gegen Polizeigewalt zu demonstrieren, da ist es nur passend, wenn ein Film herauskommt, der an ein besonders rassistisch motiviertes System erinnert. Schließlich war die unter dem Begriff der Apartheid forcierte Rassentrennung in Südafrika international berüchtigt und geächtet. Wobei sich Flucht aus Pretoria nur am Rande mit dem Thema beschäftigt. Dass es dieses menschenverachtende, unterdrückende System gibt, das ist hier war klar, wird auch erwähnt. Im Mittelpunkt steht aber vielmehr die bereits im Titel angekündigte Flucht aus dem politischen Gefängnis.

Im Grunde ist das hier deshalb auch nicht wirklich mehr als nur ein weiterer Vertreter des beliebten Prison-Break-Subgenres, in denen Leute, meist Männer, aus irgendwelchen finsteren Gefängnissen zu entkommen versuchen. Papillon und Die Verurteilten kommen einem beispielsweise in den Sinn. Regisseur und Co-Autor Francis Annan, der hier die wahre Geschichte des Ausbrechers Tim Jenkin dramatisiert, sieht es auch nicht wirklich als seine Aufgabe an, sich zu sehr von der thematisch verwandten Konkurrenz abheben zu wollen. Das zeigt sich gerade bei den Figuren, die entweder Stereotypen entsprechen wie dem sadistischen Wärter oder aber recht blass gestaltet sind.

Viel Spannung, überschaubare Tiefe
Vor allem bei den Protagonisten wäre doch deutlich mehr möglich gewesen. So erfährt man nahezu nichts über sie, über ihre Herkunft und Vorgeschichte, darüber, was sie antreibt, bei dem Freiheitskampf mitmachen zu wollen. Zum Teil wird das durch die jeweiligen Schauspieler wieder wett gemacht. Daniel Radcliffe, der nach seinem Harry Potter Ruhm mit Vorliebe Genrefilme dreht (Die Frau in Schwarz, Guns Akimbo), mimt hier ein nerdiges Genie, Daniel Webber (The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock’n’Roll) dient als eine Art Sunnyboy-Kontrast, Mark Leonard Winter darf noch ein bisschen Tragik in die Geschichte bringen, wenn seine Figur allein der Emotionalität wegen hineingeschrieben wurde. Ein Mann, der sein Kind nur eine halbe Stunde im Jahr sehen darf? Das geht nicht!

Anders als bei so manchem Prison-Break-Film, wo man sich noch darüber streiten darf, ob das jetzt Helden sind, die man anfeuern sollte, da ist die Sachlage hier klar. Das hilft dabei, bei den diversen Versuchen des Trios mitzufiebern, wenn sie mithilfe nachgemachter Schlüssel ihr unfreiwilliges Domizil zu verlassen gedenken. Anlass zur Spannung gibt es hierbei mehr als genug. So eigenwillig die Unternehmungen der drei sind, so nah sind sie immer wieder daran, dass ihr Plan auffliegt. Das ist dann vielleicht nicht überraschend oder übermäßig einfallsreich. Manchmal ist das grotesk überhöht, als hätte das hier eigentlich eine Komödie sein sollen. Aber es funktioniert: Man kann sich schon ganz gut die Zeit vertreiben, wie hier drei Männer den Wahrscheinlichkeiten zu trotzen versuchen. Wer etwas über das System der Apartheid erfahren möchte, der ist an der falschen Stelle. Dafür gibt es gute und geradlinige Unterhaltung bei einem Film, der weiß, was er will, und das gnadenlos durchzieht.

Credits

OT: „Escape from Pretoria“
Land: UK, Australien
Jahr: 2020
Regie: Francis Annan
Drehbuch: Francis Annan, L.H. Adams
Vorlage: Tim Jenkin
Musik: David Hirschfelder
Kamera: Geoffrey Hall
Besetzung: Daniel Radcliffe, Daniel Webber, Ian Hart, Mark Leonard Winter

Bilder

Trailer

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Flucht aus Pretoria
„Flucht aus Pretoria“ folgte drei Männern, die während der Zeit der Apartheid aus einem politischen Gefängnis in Südafrika fliehen wollen. Vom drumherum bekommt man etwas wenig mit, die Geschichte um einen geplanten Ausbruch hätte praktisch überall und zu jeder Zeit spielen können. Aber auch wenn der Thriller etwas oberflächlich ist, so bietet er doch gute, geradlinige Unterhaltung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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