Kritik

Die Frau in Schwarz The Woman in Black

„Die Frau in Schwarz“ // Deutschland-Start: 29. März 2012 (Kino) // 9. August 2012 (DVD/Blu-ray)

Seitdem seine Frau während der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes gestorben ist, ist das Leben des Anwalts Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) aus den Fugen geraten. Was er auch tut, er kann nicht aufhören, an sie zu denken, meint sie sogar immer noch zu sehen und vernachlässigt dabei seine Arbeit. Eine Chance bekommt er aber noch von seinen Arbeitgebern: Er soll nach Crythin Gifford fahren, um dort aus dem Haus der verstorbenen Alice Drablow Papiere zu besorgen. Sonderlich willkommen ist Kipps an dem kleinen Ort jedoch nicht, allein der wohlhabende Sam Daily (Ciarán Hinds) steht ihm zur Seite. Der Rest versucht hingegen alles, um den Fremden von dem Besuch des in einer Moorlandschaft gelegenen Hauses abzuhalten – aus gutem Grund, wie er bald feststellen wird …

Ein bisschen neugierig durfte man ja schon sein, welchen Weg Daniel Radcliffe nach seiner Paraderolle als Zaubererlehrling Harry Potter einschlagen würde. Immerhin acht Mal hatte der Engländer die Figur gespielt, nennenswerte andere Filme hatte es in diesen zehn Jahren nicht mit ihm gegeben – da musste man praktisch davon ausgehen, dass die Karriere danach vorbei war. Inzwischen ist man da schlauer. In Hits hat er danach zwar kaum mehr mitgespielt, dafür aber in jeder Menge Genrefilmen, teils ausgesprochen eigenwilligen. Einen ersten Vorgeschmack lieferte er 2012 in Die Frau in Schwarz, das im Vergleich zu den späteren Titeln zwar relativ gewöhnlich war. Damals war es aber eine tatsächliche Überraschung: Der Kinderstar in einem Horrorfilm? Das hatte wohl kaum einer auf dem Schirm gehabt.

Eine bewährte Vorlage
Immerhin blieb er dem Bereich der Buchverfilmung treu. Genauer basiert Die Frau in Schwarz auf einem bereits 1983 veröffentlichen Roman der Autorin Susan Hill, der einige Jahre später das erste Mal verfilmt wurde, damals noch fürs Fernsehen. Die Vorbilder des Films sind aber noch deutlich älter. Genauer orientierte man sich hier an klassischen Gothic-Horror-Streifen, wie sie einige Jahrzehnte zuvor noch angesagt waren. Düstere, abgelegene Settings, in mehrfacher Hinsicht tief verborgene Geheimnisse, eine Geschichte, die rund hundert Jahre zuvor spielt – der Film bringt die typischen Zutaten mit, die man in einem Fall so braucht, um das Publikum wohlig zum Gruseln zu bringen.

Tatsächlich muss man weder das Buch gelesen, noch die vorherige Adaption gesehen haben, um eine ziemlich genaue Vorstellung zu entwickeln, was hier passieren wird. Überraschungen sind in Die Frau in Schwarz rar gesät, zumindest für das Publikum, das gegenüber dem naiven, trauernden Anwalt immer einen gehörigen Wissensvorsprung hat. Es ist auch nicht so, dass James Watkin wahnsinnig originelle inszenatorische Einfälle hätte, um der Geschichte wenigstens bei der Umsetzung Neues abgewinnen zu können. Unerklärliche Geräusche, Objekte, die scheinbar ein Eigenleben entwickeln, dazu der eine oder andere Jump Scare – das gehört alles zum Standardrepertoire des Gruselgenres.

Solider Grusler alter Schule
Und doch ist Die Frau in Schwarz ein durchaus solider Vertreter seiner Art. Der englische Regisseur, der zuvor durch den harten Survival-Thriller Eden Lake aufgefallen ist, wechselt hier kompetent das Tempo, setzt auf Atmosphäre, weniger auf Handlung. Tatsächlich besteht ein großer Teil der Geschichte darin, dass Arthur einsam durch das Haus schleicht, alternativ die daran anschließende Umgebung, in der man schon vom bloßen Zusehen verlorengeht. Das hat tolle Bilder, Kameramann Tim Maurice-Jones, der mehrere Musikvideos gedreht hatte, aber auch mit Guy Ritchie an Bube, Dame, König, GrAs gearbeitet, fängt sehr schön die nebelverhangene Moorgegend ein, bedrohlich und unwirklich. Das leere, zugleich vollgestopfte Anwesen ist ebenfalls mehr als einen Blick wert.

Das große Meisterwerk ist Die Frau in Schwarz sicher nicht geworden, die durchaus vorzeigbaren Einspielergebnisse sind dann doch in erster Linie auf den prominenten Hauptdarsteller zurückzuführen. Der erledigt seine Sache auch ordentlich: Die von der Geschichte eingeforderte Emotionalität kommt zwar nur streckenweise zum Ausdruck, aber es reicht. Zusammen mit der stimmungsvollen Optik und der angenehmen Grundspannung ist das hier ein sehenswerter Vertreter der alten Horrorschule. Wem diese mehr lag als die doch eher offensiv ausgelegten Genrestreifen von heute, kann hier gleich in mehrfacher Hinsicht eine kleine Reise in die Vergangenheit antreten.

Credits

OT: „The Woman in Black“
Land: UK, Schweden, Kanada
Regie: James Watkins
Drehbuch: Jane Goldman
Vorlage: Susan Hill
Musik: Marco Beltrami
Kamera: Tim Maurice-Jones
Besetzung: Daniel Radcliffe, Ciarán Hinds, Janet McTeer, Liz White

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Die Frau in Schwarz
„Die Frau in Schwarz“ ist nicht nur wegen der zugrundeliegenden Romanvorlage ein Fall für Nostalgiker, auch bei der Umsetzung orientierte man sich am Gothic Horror der alten Schule. Große Überraschungen bringt der Ausflug in ein abgelegenes Anwesen, in dem seltsame Dinge vor sich gehen, nicht mit, dafür aber eine wohlige Gruselatmosphäre und tolle Bilder.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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