Kritik

„Kleines Mädchen“ // Deutschland-Start: 2. Dezember 2020 (Arte) // 12. Februar 2021 (DVD)

In den letzten Jahren hat es einen recht erbitterten Kampf zwischen zwei Teilen der Bevölkerung gegeben. Auf der einen Seite stehen die, die in einer komplizierten Welt nach vielfältigen Antworten suchen, die den Lebenssituationen aller gerecht werden. Auf der anderen Seite fordern Menschen eine Welt, die klar und einfach ist, mit eindeutigen Antworten, auf die sie sich verlassen können. Eines der vielen Themen, an denen sich regelmäßig Streit entfacht ist das der Geschlechter. Da gibt es die Männer, da gibt es die Frauen: Das war eine der Grundwahrheiten, auf denen auch religiös geprägte Weltsichten basieren. War schon die Vorstellung, dass manche Menschen das eigene Geschlecht sexuell attraktiver finden, für manche kaum zu ertragen, ist die Infragestellung der Geschlechter als solcher eine Linie, die für sie nicht überschritten werden darf.

Ein Mädchen im Jungenkörper
Sasha ist einer dieser Störenfriede, die  alles durcheinander bringen. Dabei will sie das gar nicht, denn für sie ist ja alles klar: Sie ist ein Mädchen, will gar nichts anderes sein. Das weiß sie schon, seitdem sie drei Jahre alt ist. Nur wurde Sasha im Körper eines Jungen geboren, was für einige dann gleichbedeutend damit ist, dass sie ein Junge ist. Vor allem an der Schule gibt es dadurch immer wieder Probleme, wenn ihr Lehrer und Lehrerinnen, von den Kindern ganz zu schweigen, ihr die Verwendung des weiblichen Pronomens verwehren. Auch bei der Kleidung wird ihr vorgeschrieben, was sie zu tragen hat: Hosen sind okay, Kleider sind es nicht.

Ein Mädchen – alternativ Kleines Mädchen – begleitet nun Sasha, begleitet vor allem aber ihre Familie, welche gegen diese Diskriminierung und die Bevormundung ankämpfen. Dabei ist es besonders die Mutter, die im Mittelpunkt steht und unermüdlich darum streitet, dass ihr Kind eine Tochter sein darf. Tatsächlich interessiert sich Regisseur Sébastien Lifshitz wenig für das, was drumherum ist. Die verschiedenen Gesichtspunkte, unter denen man eine solche Transgeschlechtlichkeit angehen könnte – psychologisch, medizinisch, rechtlich –, werden hier höchstens mal am Rande erwähnt. Die Bedeutung von Geschlechterrollen – warum ist das Tragen von Kleidern weiblich? – vollkommen ignoriert. Wichtiger ist dem Franzosen der persönliche Aspekt: Sei Dokumentarfilm ist das Porträt einer Familie, das sich mit dieser Diskriminierung auseinandersetzt.

Die unbekannte Protagonistin
Wobei ausgerechnet Sasha dabei ein wenig kurz kommt. Das gern zu Marketingzwecken benutzte Bild, in dem das Mädchen ganz frei und in sich ruhend tanzt, taucht in dem Film erst sehr spät auf. Die meiste Zeit über sieht man sie, wie sie bei Gesprächen dabei sitzt und ihrer Mutter das Wort überlässt. Hin und wieder entlocken die jeweiligen Gesprächspartner Sasha ein Statement, etwa zum Umgang mit anderen in der Klasse. Ansonsten bleibt sie aber, vermutlich durch die Situation verunsichert, eine stumme Anwesende, über die in der dritten Person gesprochen wird. Natürlich ist das völlig legitim, niemand sollte zum Sprechen gezwungen werden, gerade kein introvertiertes Kind. Im Rahmen eines Films, das oft von Fremdbestimmung redet, wirkt es dennoch etwas befremdlich.

Der Dokumentarfilm der Berlinale 2020 versteht sich dennoch als Plädoyer für Offenheit und freie Selbstentfaltung, zeigt auf, wie schwierig noch immer die Situation für Betroffene ist. Lifshitz hat in der Hinsicht auch keine Scheu, hält die Kamera drauf, wenn Mutter und Tochter die Tränen kommen und von grausamen Demütigungen berichten. Das droht manchmal in Richtung Voyeurismus abzudriften, wird aber von den Szenen des familiären Zusammenhalts noch aufgefangen. Betroffen macht Ein Mädchen so oder so, wobei die Gefühle zwischen Freude, Trauer und Wut wechseln. Der Film lässt einen abwechselnd hoffen und verzweifeln auf der Suche nach Antworten in einer Welt, die oft nicht wirklich Sinn ergibt.

Credits

OT: „Petite Fille“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Sébastien Lifshitz
Kamera: Paul Guilhaume

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2020 Bester Dokumentarfilm Nominierung
Bester Ton Yolande Decarsin Sieg

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Kleines Mädchen
„Ein Mädchen“ folgt der jungen Sasha, die im Körper eines Jungen geboren wurde, sich selbst aber als Mädchen sieht. Über die schüchterne Protagonistin erfährt man dabei weniger. Stattdessen steht die Familie im Mittelpunkt in ihren glücklichen Momenten, aber auch während des Kampfes gegen Diskriminierung.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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