Kritik

Years and Years

„Years and Years“ // Deutschland-Start: 8. Oktober 2020 (DVD/Blu-ray)

Langweilig wird es bei Familie Lyons nur selten. Während Daniel (Russell Tovey) den Mann fürs Leben gefunden hat, muss sich seine im Rollstuhl sitzende Schwester Rosie (Ruth Madeley) allein um ihre Kinder kümmern. Bruder Stephen (Rory Kinnear) und seine Frau Celeste (T’Nia Miller) sind immerhin zu zweit, haben mit ihren beiden Töchtern dafür jede Menge zu tun – vor allem mit Bethany (Lydia West), die davon träumt, ihren menschlichen Körper loszuwerden. Für Zwischenmenschliches hat Edith (Jessica Hynes), Schwester von Daniel, Rosie und Stephen, gar nicht die Zeit, da die Aktivistin ständig durch die Welt reist. Aber dafür gibt es ja noch Großmutter Muriel Deacon (Anne Reid), in deren Haus sich die Geschwister regelmäßig für Familienfeiern treffen. Dabei gibt es in Großbritannien derzeit nicht viel Grund zu feiern. Das ganze Land steckt in einer Krise, was sich die populistische Politikerin Vivienne Rook (Emma Thompson) zunutze macht, um Stimmen zu sammeln …

Zu einem gewissen Grad sind Filme und Serien natürlich immer ein Spiegel ihrer Zeit. Manche greifen ganz offen aktuelle Themen auf, welche die Welt bewegt, sind zumindest fest in der Gegenwart verankert. Andere verstehen sich als eine Reaktion auf die Welt, und sei es nur, indem man vor dieser zu fliehen versucht. Doch selten hat es so etwas wie Years and Years gegeben: Die britische Serie nimmt nicht nur einen Aspekt der Gegenwart, um diesen zu beleuchten, sondern versucht den großen Wurf, derzeitige Tendenzen in die Zukunft weiter zu spinnen und dabei auch noch die Entwicklung aufzuzeigen. Der Titel ist nicht grundlos gewählt, ganze 15 Jahre werden hier abgehandelt, im Lauf von nur sechs Folgen.

Eine Welt voller Krisen und Katastrophen
Die Bandbreite ist dabei enorm. Da geht es um Politik im weitesten Sinne, um Krieg und Atomschläge, eine Finanzkrise zerbricht die Gesellschaft, Flüchtlinge aus totalitären Staaten müssen irgendwo untergebracht werden, zwischendurch werden auch mal Rassismus und Homophobie thematisiert, Menschen verlieren durch neue Technologien ihre Arbeit, die Klimakatastrophe hat an Fahrt aufgenommen, eine ansteckende Krankheit greift um sich, ein Spiel mit Geschlechteridentität musste auch noch rein. Und damit wir auch wirklich verstehen, dass wir gerade in der Zukunft sind, werden Menschen zunehmend mit künstlichen Organen und sonstigen technologischen Erweiterungen optimiert. Bethany ist das nicht genug, sie will eine rein digitale Lebensform werden, die Fesseln der Körperlichkeit hinter sich lassen.

Das hört sich nach viel an. Ist es auch – und noch viel mehr. Serienschöpfer Russell T Davies, der sowohl für Science-Fiction-Titel (Doctor Who) wie auch LGBT-Dramen (Queer as Folk, Cucumber) bekannt ist, führte alles zusammen, was ihn wohl die letzten Jahre beschäftigt hat, und spekuliert, wie es in Zukunft weitergehen könnte. Grund für Optimismus scheint es dabei nicht zu geben. Der Engländer beschreibt eine Welt, die immer weiter auseinanderbricht, sowohl auf internationaler Ebene wie auch national. Und das in einer rasenden Geschwindigkeit: Indem Years and Years immer mal wieder ganze Jahre überspringt, gibt es kaum Möglichkeit für das Publikum, auch einmal etwas zu verarbeiten. Denn die nächste Katastrophe wartet schon, die nächste erschreckende Entwicklung, die tiefe Spuren hinterlässt.

Eine Familie als Spiegel der Welt
Das Besondere an Years and Years ist jedoch, dass diese Veränderungen nicht im Mittelpunkt stehen, sondern exemplarisch an einer Familie gezeigt wird, was dies für die Einzelnen bedeutet. Das ist überaus geschickt: Wo andere futuristische Geschichten gerne mal etwas abstrakt werden, wenn es um die Demonstration von Konzepten und Visionen geht, da ist diese Serie in erster Linie ein Charakterdrama. Es geht um die Verhältnisse zwischen den Figuren, die Zerwürfnisse und Gemeinsamkeiten. Da sind wunderschöne Momente dabei, aber auch tief traurige, zwischendurch darf es mal komisch werden. Die Höhepunkte sind immer, wenn die ganze Familie zusammenkommt, sei es bei den Feiern in Omas Haus oder den regelmäßigen Telefonkonferenzen. Die Dynamik des verschrobenen, teils dysfunktionalen und doch eng verbundenen Haufens ist Grund genug, sich alles anschauen zu wollen, zumal das Ensemble fantastische Arbeit leistet. Ob nun Russell Tovey (Looking) als gut gelaunter Charmeur, Anne Reid (Romans – Dämonen der Vergangenheit) als bissige Matriarchin oder Ruth Madeley, deren Figur besonders für die Versprechungen Rooks anfällig ist, da sind jede Menge starker Auftritte dabei. Und dann wäre da noch Emma Thompson (Late Night – Die Show ihres Lebens) als faszinierend ungehemmte Politikerin, die nicht einmal mehr so tut, als müsse man sich um Menschen kümmern.

Dass dabei manchmal etwas übertrieben ist, Dialoge als Exposition oder Beschreibung missbraucht werden, das muss man in Kauf nehmen – ebenso, dass diverse Themen kaum ausgearbeitet werden können. Dafür sind die sechs Folgen à 60 Minuten einfach nicht genug. Doch auch wenn man sich zwischendurch wünschen würde, mehr Zeit zu haben, sowohl für die Ideen und Konzepte wie auch die Figuren, die einem mit all ihren Eigenheiten und Schwächen ans Herz wachsen: Years and Years ist eine der interessantesten und zugleich emotionalsten Serien der letzten Zeit. Selbst wenn so manche Vision am Ende nicht eintreffen wird, dürfte die Geschichte der Lyons doch in vielen Jahren noch immer sehenswert sein, und sei es nur als Zeitdokument über das, was im Jahr 2019 die Menschen bewegte und sorgte.

Credits

OT: „Years and Years“
Land: UK
Jahr: 2019
Regie: Simon Cellan Jones, Lisa Mulcahy
Drehbuch: Russell T Davies
Idee: Russell T Davies
Musik: Murray Gold
Kamera: Tony Slater Ling, Stephen Murphy
Besetzung: Russell Tovey, Rory Kinnear, T’Nia Miller, Ruth Madeley, Anne Reid, Jessica Hynes, Emma Thompson, Maxim Baldry, Lydia West, Jade Alleyne, Sharon Duncan-Brewster

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Years and Years
„Years and Years“ entwirft eine düstere Vision einer zukünftigen Welt zwischen Krieg, Populismus, Klimakatastrophe, Technikgläubigkeit und wirtschaftlichem Zusammenbruch, tut dies jedoch auf eine sehr persönliche Weise. Nicht die zahlreichen Konzepte und Visionen stehen im Mittelpunkt, sondern eine Familie, die wir 15 Jahre begleiten. Das ist spannend und bewegend, selbst wenn das wahnsinnig hohe Tempo seine Opfer fordert.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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