(„Looking – Season 1“ directed by Andrew Haigh and others, 2014)

Looking

„Looking – Die komplette erste Staffel“ ist seit 26. Februar auf DVD und Blu-ray erhältlich

Im Leben der drei homosexuellen Freunde stehen die Zeichen auf Veränderung: Nach diversen verpatzten Dates lernt der 29-jährige Patrick (Jonathan Groff) zufällig Richie (Raúl Castillo) kennen, sein bester Freund Agustín (Frankie J. Alvarez) beschließt, mit seinem Partner Frank (O. T. Fagbenle) zusammenzuziehen. Und Dom (Murray Bartlet)? Der kämpft mit seinem nahenden 40. Geburtstag, träumt davon, sein eigenes Restaurant zu eröffnen. Und als wäre das alles nicht schon Chaos genug, verursacht Patricks neuer Chef Kevin (Russell Tovey) plötzlich allerlei Gefühlsturbulenzen.

Wenn in Filmen oder Serien Homosexuelle dargestellt werden, ist das Ergebnis oft zum Lachen, sei es weil sie bewusst als extravagante Paradiesvögel bis zur Karikaturgrenze überzeichnet werden, sei es weil die Drehbuchautoren beim Versuch der Dramatisierung kein Maß kennen. Das Leben von Schwulen, so das vermittelte Bild, besteht aus einer schnellen Abfolge von Sex, Partys, Modeschauen und Selbstmordversuchen. Looking geht da einen erfrischend anderen, betont unspektakulären Weg. Das eine oder andere Klischee gibt es zwar auch hier – Richie arbeitet als Friseur, es gibt die burschikose beste Freundin –, manchen „Zufall“ muss man als gegeben hinnehmen, und auch das durchweg gute Aussehen der Besetzung hilft nicht unbedingt dabei, die acht Folgen als Abbild des Alltags anzunehmen. Doch dahinter verbergen sich Geschichten, die tatsächlich das Leben schreiben könnte.

Serienschöpfer Michael Lannan, auf dessen Kurzfilm Lorimer die TV-Sendung basiert, vertraute hierbei auf die Erfahrungen seines Teams. Andrew Haigh, der fünf der acht Episoden inszenierte, sammelte für seinen Film Weekend über eine stürmische Begegnung zweier junger Männer eine Reihe von Preisen. Gleich sieben der neun Drehbuchautoren leben offen schwul, auch einige der Darsteller sind homosexuell. Das Gefühl, dass die Erlebnisse der drei Freunde im San Francisco der 2010er tatsächlich so passieren könnten, es kommt nicht von ungefähr. Dabei ist die Serie auch für Zuschauer außerhalb der LGBT-Zielgruppe empfehlenswert, denn Looking ist deutlich universeller, als es das Szenario vermuten lässt.

Wie verhalte ich mich bei einem Date? Was mache ich, wenn meine Freunde meinen Partner nicht mögen? Wann ist der richtige Zeitpunkt, ihn meinen Eltern vorzustellen? Das sind Fragen, die sich jeder bei einer neuen Beziehung schon einmal gestellt haben dürfte. Und das ist es auch, was Looking nicht nur von der sexuell deutlich expliziteren Serie Queer as Folk unterscheidet, sondern sie insgesamt auszeichnet: Nicht die Homosexualität steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen und ihre täglichen Reibereien, die kleinen Triumphe, Hoffnungen, Ängste und Niederlagen. Perfekt ist dabei niemand, alle drei Hauptfiguren zeigen ein wunderbares Talent darin, sich und anderen das Leben schwerzumachen und selbst einfachste Situationen zu versauen. Nicht immer sind sie dabei sympathisch, Lannan und Haigh haben kein Problem damit, die Menschen zwischendurch auch einmal für das zu zeigen, was sie sind: Arschlöcher. Nur dass sie es eben nicht immer sind, man sie mal mag, sie im nächsten Moment auf den Mond schießen will.

Was mit einer Cruising-Szene im Park beginnt, wird so zu einer allgemeingültigen Charakterstudie, die von einer ganzen Reihe wirklich starker Schauspielleistungen getragen wird. Wichtige und relevante Themen werden dabei angesprochen, jedoch nicht breitgetreten. AIDS, sonst ganz gern der Aufhänger für große dramatische Momente, wird hier nur einmal erwähnt, und das auch nur nebenbei. Allzu ernst wird es in Looking aber ohnehin nie, mit einem feinen Sinn für Ironie – beispielsweise wird der Jugendwahn der Schwulenszene mehrfach auf den Arm genommen – darf immer wieder geschmunzelt werden. Richtige Gags wird man hier jedoch vergeblich suchen, trotz des humorvollen Tons ist die HBO-Produktion weit von einer auf Lacher fokussierten Komödie entfernt.

Für manche wird das zu wenig sein: Wenn sich eine Serie weder der Sitcom noch dem großen Drama verpflichtet, sondern sich irgendwo in der Mitte aufhält, dann braucht es schon eine ausgesprochene Vorliebe für die kleinen, leisen Momente, um das Gezeigte genießen zu können. Zudem sind es keine wirklich neuen Geschichten, die Lannan hier erzählt. Nimmt man die vereinzelt skurrilen Situationen einmal aus, hat man alles schon einmal irgendwo anders gesehen. Wer sich daran nicht stört und Authentizität der Überraschung vorzieht, für den vergeht die recht kurze erste Staffel jedoch wie im Flug, man fühlt mit den Chaosjungs, drückt ihnen die Daumen, ist gespannt, was wohl als nächstes passieren mag. Glücklicherweise muss auf die Antwort nicht lange gewartet werden. Eine zweite Staffel wird bereits in den USA ausgestrahlt und wird dann beizeiten hoffentlich ebenfalls ihren Weg hierherfinden.

Looking – Staffel 1
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Looking – Staffel 1
„Looking“ zeigt auf eine angenehm unspektakuläre Weise, was es heißt, ein Leben als Homosexueller zu führen. Trotz einiger weniger Klischees und übertriebener Zufälle überzeugt die Serie gerade durch ihre Authentizität und die vielschichtigen Charakter. Eine Vorliebe für leise Geschichten wird jedoch vorausgesetzt, denn die acht Folgen verzichten auf schrille Komik oder große Dramen.
8von 10

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