Kritik

Terror 2000 Intensivstation Deutschland

„Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ // Deutschland-Start: 30. Oktober 1992 (Kino) // 23. Oktober 2020 (DVD)

In der kleinen Stadt Rassau haben sich die Gangster Jablo (Udo Kier) und Bösler (Alfred Edel) versteckt vor der Polizei. Statt sich allerdings unauffällig zu zeigen, mischen beide in einem lokalen Aufruhr gegen das Asylantenheim mit, marschieren mit den Nazis mit und tragen auch sonst ihren Teil dazu bei, das Leben der Heimbewohner und deren Leitung so unbequem wie nur möglich zu machen. Ihnen gefolgt sind jedoch zwei Kriminalbeamte, Körn (Peter Kern) und Margret (Margit Carstensen), die versuchen beide zu überführen, was ihnen jedoch bislang noch nicht geglückt ist. Gerade jetzt, da sich die Stimmung in der Stadt immer mehr erhitzt, finden sich die beiden Beamten allein auf weiter Flur vor, in völliger Unterzahl gegenüber einem Heer fremdenfeindlicher, rassistischer Menschen. Als wäre dies alles nicht schon genug entzündet sich die Stimmung im Ort noch zusätzlich am Mord an einer polnischen Einwandererfamilie sowie ihres deutschen Sozialarbeiters. Nicht zuletzt um von sich als Tätern abzulenken, steigern sich die Gangster in ihre Rolle als Rädelsführer des Aufstandes hinein und es kommt zu weiteren Gewalttaten. Schließlich mischt sich gar ein hoher deutscher Politiker in die Angelegenheit ein, doch ohne den Beamten, die schon jetzt nah am Nervenzusammenbruch sind, zu helfen.

Deutschland – deine Wunden
Nach 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker und Das deutsche Kettensägenmassaker ist Terror 2000 – Intensivstation Deutschland der dritte Teil der Deutschland-Trilogie Christoph Schlingensiefs. Dem Abschluss einer Filmreihe angemessen wagt Schlingensief einen Blick auf den Zustand Deutschlands nach der Wiedervereinigung, doch lässt auf die Diagnose der Gegenwart immer wieder Anklänge folgen, wie wohl eine Zukunft aussehen könnte. Wie schon seine vorherigen Filme ist auch Terror 2000 ein formal wie ästhetisch schwer zu ertragender Film, was weniger als Kritik gemeint ist, sondern den Themen geschuldet ist, denen sich Schlingensief widmet.

Einem Krimi gleich, beginnt Terror 2000 mit einem Mord, einer unbeschreiblichen Bluttat, gefolgt vom Auftritt der beiden Beamten, die mit der Aufklärung beauftragt wurde. Jedoch ist dies eigentlich schon eine Absurdität, leben die beiden Täter, gespielt von Udo Kier, in einer seiner vielleicht manischsten Rollen, und Alfred Edel mitten unter den Passauern, geben sich noch nicht einmal Mühe, sich zu verstecken. Ganz im Gegenteil mischen sie bei den Aufmärschen gegen das im Ort so verhasst Asylantenheim kräftig mit, brüllen Parolen und „Sieg Heil“ und stimmen bei allen Gesängen mit ein. Die Beamten, selber von der Konstitution her nahe am Rande des Nervenzusammenbruchs gebaut, erscheinen wie wirkungslose Pappkameraden, so hohl wie die Phrasen von Freiheit und Einigkeit auf den Wahlkampfplakaten, welche immer mal wieder im Hintergrund zu sehen sind.

Wie schon in Das deutsche Kettensägenmassaker geht es Schlingensief nicht um einer Verarbeitung von Themen, sondern um ein Offenlegen von Wunden. Gerade mit Blick auf die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sowie die nach wie vor eiternde Wunde des Extremismus, der Fremdenfeindlichkeit und der Xenophobie wirken viele der Bilder in ihrer Aktualität unerträglich.

„Woher kommt der ganze Hass?“
Einem Mantra gleich hört der Zuschauer immer wieder die Frage nach der Ursache, der Quelle für diesen unaussprechlichen Hass. Von den Charakteren braucht man keine Antworten erwarten, sind sie viel zu sehr mit der Auslebung dieser Aggressionen beschäftigt, ihrer Vulgarität und natürlich der Gewalt, die sich im Film mehrere Male in übertriebenen Blutfontänen entlädt. Dies sind die Elemente der Filmwelt, die Schlingensief in allen drei Teilen der Deutschland-Trilogie beschreibt, doch gleichzeitig erscheinen sie als Aspekte einer Wirklichkeit, auch wenn sie die Figuren in Terror 2000 in übertriebenem Maße ausleben. Der Hass ist also nicht auf einmal da, sondern er liegt schon seit Jahren in der Luft und entlädt sich in Tragödien wie denen des Gladbeck-Geiseldramas oder den Attacken auf Asylantenheimen.

Allerdings ist Terror 2000 weitaus mehr als bitterböse Gesellschaftssatire. So richtet sich der blick auch auf die Ordnungshüter, die nur noch das Chaos verwalten können, den sensationsgeilen Medienvertretern, welche nach der nächsten Tragödie lechzen, sowie den Politikern. Gerade der Auftritt des Innenministers anlässlich der Beerdigung der polnischen Familie dürfte wohl zu düstersten Abschnitten dieses Films gehören, wenn sich dieser in einer Trauerrede in hohlem Politikersprech und nichtssagenden Plattitüden ergeht.

Credits

OT: „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“
Land: Deutschland
Jahr: 1992
Regie: Christoph Schlingensief
Drehbuch: Christoph Schlingensief, Uli Hanisch, Oskar Roehler
Musik: Kambiz Giahi, Jacques Arr
Kamera: Reinhard Köcher
Besetzung: Margit Carstensen, Peter Kern, Udo Kier, Susanne Bredehöft, Alfred Edel, Artur Albrecht, Kalle Mews

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Terror 2000 – Intensivstation Deutschland
„Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ ist eine bitterböse Gesellschaftskomödie, deren drastische Bilder teils schwer ertragbar sind. Dennoch läuft die Provokation Christoph Schlingensiefs keinesfalls ins Leere, lässt sie uns doch mit der Frage zurück, warum wir es zulassen, dass Hass und Gewalt zu Elementen eines Alltags geworden sind, wenn auch nicht in diesen Extremen wie sie der Film zeigt.
7von 10

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