Kritik

„Pinocchio“ // Deutschland-Start: 16. Oktober 2020 (DVD/Blu-ray)

Geppetto (Roberto Benigni) hat auch schon mal bessere Tage als Tischler gesehen. Obwohl er geradezu hausieren geht mit seinen Fertigkeiten und die Leute dazu drängt, Tür, Tisch und Stuhl zu reparieren, es findet sich einfach niemand, der seine Dienste in Anspruch nehmen will. Als er eines Tages ein vorbeiziehenden Marionettentheater sieht, kommt er auf eine neue Idee: Warum nicht einfach Puppen schnitzen? Kurze Zeit später hat er bereits ein schönes, großes Stück Holz, das ihm zur Verfügung gestellt wurde – ohne ihm zu verraten, dass dieses ein mysteriöses Eigenleben hat. Zu seiner großen Überraschung muss er dann auch feststellen, wie der hölzerne Junge zum Leben erwacht. Überglücklich, nun endlich einen Sohn zu haben, tauft er diesen auf den Namen Pinocchio und schickt ihn zur Schule. Doch von einem normalen Leben kann keine Rede sein, stattdessen stolpert Pinocchio von einem Abenteuer ins nächste …

Neben Lewis Carrolls Alice im Wunderland gehört das 1883 veröffentlichte Pinocchio von Carlo Collodi zu den bedeutendsten Klassikern der europäischen Kinderliteratur. Auf der ganzen Welt kennen sie die Geschichte des Holzjungen, dessen Nase beim Lügen wächst, in über 260 Sprachen wurde das Buch übersetzt. Ganz zu schweigen von den unzähligen Adaptionen fürs Kino und Fernsehen, die im Laufe der Jahre entstanden sind: Von der ersten Verfilmung 1911 über den Disney-Zeichentrickfilm 1940 und Anime-Serien aus den 1970ern bis zum deutschen TV-Zweiteiler von 2013, an Versionen hat es nicht gemangelt. Und damit ist noch nicht Schluss, eine weitere Disney-Verfilmung durch Robert Zemeckis und Guillermo del Toros Stop-Motion-Musical sind bereits in Planung.

Weniger ist mehr
Doch bevor sich Hollywood mal wieder des Stoffes annimmt, platzte eine italienische Produktion dazwischen. Da könnte bei dem einen oder anderen der Reflex eintreten, diese Version erst einmal zu ignorieren. Wenn man schon ein dutzendfach adaptiertes Buch neu verfilmt, dann bitte mit exorbitantem Budget und Weltstars. Dabei zeigt das für angeblich zwölf Millionen Euro produzierte Pinocchio, dass es beides gar nicht braucht. Manchmal reicht es, ein Auge für ungewöhnliche Bilder zu haben. Und dieses wird man Matteo Garrone nicht absprechen können, der hier Regie führte und das Drehbuch mitschrieb. Wo andere Materialschlachten auffahren, da wird hier auf Fantasie und visuelle Kreativität gesetzt.

Das bedeutet, dass der eigentlich für Krimis und Thriller bekannte Italiener (Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, Dogman) wieder seiner Vorliebe für das Fantastische auslebt, die er schon in Das Märchen der Märchen gezeigt hat. Pinocchio ist dabei nicht weniger opulent und ungewöhnlic, der Hang zum Grotesken ist wieder dabei, der sich gerade in der Gestaltung der Figuren zeigt. Sie sind mindestens skurril, oft seltsam, selbst die Menschen scheinen nicht ganz von dieser Welt zu sein. Und auch die Orte, an denen Pinocchio während seines Abenteuers auftaucht, sind sehr märchenhaft gehalten, haben oft eine sehr traumartige Atmosphäre, die leicht ins Unheimliche reicht.

Ein seltsames Abenteuer
Für Garrone ist das dennoch schon vergleichsweise freundlich, sehr viel mehr auf heutige Kinder ausgerichtet, als es Das Märchen der Märchen noch war. Auch anderweitig wurde zurückgeschraubt: War Collodis Geschichte noch mit sehr viel Pädagogik verbunden, wenn der Junge lernen musste, sich an Regeln zu halten, da ist das hier abgeschwächt. Der Film ist weniger über einen ungehorsamen Bengel, der mal gefälligst auf die Erwachsenen hören soll, sondern ein wissbegieriger junger Mensch, der unverschuldet von einem Abenteuer ins nächste stolpert. Die sind auch rund 140 Jahre später noch fantasievoll, zum Teil leicht absurd, ohne dabei natürlich Carrolls Wunderlandwahnsinn zu erreichen.

Die grundsätzliche Schwierigkeit, welche die ursprünglich als Fortsetzungsgeschichte in einer Wochenzeitung veröffentlichten Abenteuer von Pinocchio mitbringt, die zeigt sich natürlich auch hier. Der Film hat keinen wirklichen roten Faden oder auch eine nennenswerte Entwicklung. Stattdessen gibt es eine Reihe von Episoden, die mal aufeinander Bezug nehmen, oft aber auch ganz losgelöst sind. Das bietet sich mehr für eine Serie an als für einen Film. Zwei Stunden am Stück können dann auch schon ein bisschen lang werden, wenn man nicht das Gefühl hat, einem Fortschritt beizuwohnen. Doch auch mit dieser kleinen Schwäche ist der Beitrag der Berlinale 2020 ein sehr schöner Film geworden, der die mal wundersame, dann wieder bedrohliche Welt durch die Augen eines staunenden Kindes aufzeigt.

Credits

OT: „Pinocchio“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 2019
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Matteo Garrone, Massimo Ceccherini
Vorlage: Carlo Collodi
Musik: Dario Marianelli
Kamera: Nicolaj Brüel
Besetzung: Roberto Benigni, Federico Ielapi, Rocco Papaleo, Massimo Ceccherini, Marine Vacth, Gigi Proietti

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2020

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Pinocchio (2019)
„Pinocchio“ ist eine gerade auch visuell überzeugende Adaption des bekannten Kinderbuches um eine Holzpuppe, die zum Leben erwacht und zahlreiche Abenteuer erlebt. Die traumartige Atmosphäre und die ungewöhnlichen Designs von Ort und Figuren tragen dazu bei, dass trotz der bekannten und nach wie vor ziellosen Geschichte hier etwas ganz Eigenes entsteht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort