(„Il Racconto dei Racconti“ directed by Matteo Garrone, 2015)

Das Maerchen der Maerchen

„Das Märchen der Märchen“ läuft ab dem 5. August im Rahmen des Fantasy Filmfests und ab dem 27. August regulär im Kino

Nichts wünscht sich die Königin von Longtrellis (Selma Hayek) sehnlicher als ein Baby, ist dafür auch zu allem bereit. Selbst als ein Wahrsager ihr rät, von ihrem Mann (John C. Reilly) ein Seeungeheuer erlegen zu lassen und anschließend dessen Herz zu essen, schreckt sie das nicht besonders. Der König von Strongcliff (Vincent Cassel) hingegen interessiert sich kaum für einen eigenen Nachwuchs, nur für dessen Produktion: Keine schöne Frau, die der Monarch nicht ins Bett zu zerren versucht. Heiraten? Wozu? Bis er sich eines Tages in eine liebreizende Stimme verliebt, und deren Besitzerin ehelichen möchte, ohne zu ahnen, dass es sich dabei um die besonders hässliche Dora (Hayley Carmichael) handelt. Über derlei fleischliche Begierden ist der König von Highhills (Toby Jones) längst hinweg, bei ihm steht vielmehr die Verheiratung seiner Tochter Fenizia (Jessie Cave) auf dem Programm. Ganz bei der Sache ist er dabei jedoch nicht, viel zu sehr ist er von einem riesigen Floh fasziniert, der ihm zugelaufen ist und den er heimlich großzieht.

Wer nur mit den Disney-Versionen aufgewachsen ist, könnte schnell zu der Ansicht kommen, Märchen bestünden alle aus farbenfrohen Welten, strahlenden Helden und singenden Tieren. Dabei erzählte man sich früher gerne ganz andere Geschichten: rau, dreckig, brutal, voller Abgründe und alptraumhafter Wesen. Ein bisschen davon ist auch in Das Märchen der Märchen noch zu spüren, das lose auf der 1634 erschienenen Sammlung „Das Pentameron“ von Giambattista Basile basiert. Von der dortigen Rahmenhandlung ist hier jedoch nichts mehr übrig geblieben, was den Zugang gerade zu Beginn etwas erschwert: Namen tragen hier die wenigsten, die Übergänge zwischen den drei ständigen wechselnden Episoden sind so nahtlos, dass man eine Weile braucht, um die Protagonisten und Handlungsstränge auseinanderzuhalten.

Doch die Verwirrung geht nicht etwa mit Frustration einher, wie man vielleicht erwarten könnte, sondern vor allem mit Faszination. Einen erheblichen Anteil daran hat die opulente Optik, die zwar nicht mit den Spezialeffekten amerikanischer Märchenverfilmungen konkurrieren kann, dies aber mit satten Farben, ausschweifenden Kostümen und fremden Orten ausgleicht. Teilweise unterstützen die recht altmodischen in Handarbeit gefertigten Wesen und Masken das Gefühl, hier außerhalb der Zeit zu stehen. Und außerhalb der Realität. Vieles ist so surreal angehaucht und kurios, dass man etwas ungläubig auf die große Leinwand da vorne anstarrt.

Die Wirkungen auf den Zuschauer sind dabei nicht ganz einheitlich. Manches ist erschreckend, physisch und psychisch schmerzhaft – vor allem zum Ende hin dürfte manch einer mehrfach zusammenzucken. Anderes ragt dafür so weit ins Groteske hinein, dass immer wieder ein Lachen durch den Kinosaal geht. Eine wirkliche Moral hat Das Märchen der Märchen daher nicht. Sicher darf man über manche Entwicklung hier länger nachdenken, nach einer Relevanz für das eigene Leben suchen, bis auf diverse Gemeinplätze – Alles hat eine Konsequenz! Schönheit ist vergänglich! – wird man hier jedoch nichts finden, Kinder haben in dem Film eher nichts verloren, pädagogisch wertvoll ist das alles weniger.

Ein Wunder ist es daher nicht, dass die europäische Koproduktion teilweise während des Fantasy Filmfests gezeigt wird, bevor Ende August der offizielle Kinostart ansteht. Doch gleich in welchem Rahmen, man ihn sich anschauen mag: Freunde des Ungewöhnlichen, für die düster und komisch nicht zwangsweise einen Widerspruch darstellt, sollten sich den Film auf ihre persönliche Watchlist aufnehmen. Es ist vielleicht nicht das bewegendste Märchen, das man hier zu sehen bekommt, perfekt ist es schon mal gar nicht, dafür aber unterhaltsam und eine Erinnerung daran, welche wunderlichen Geschichten man sich früher einmal erzählt hat.

Das Märchen der Märchen
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Das Märchen der Märchen
Drei Märchen werden hier ohne großen Zusammenhang präsentiert, die lediglich ihre Neigung zur grotesken Komik und Düsternis eint. Das ist anfangs verwirrend, schwankt auch etwas stark zwischen Alptraum und Klamauk hin und her. Dennoch sollten sich Freunde des Ungewöhnlichen die optisch opulente, teilweise brutale Sammlung nicht entgehen lassen.
7von 10

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