Kritik

Fanfare

„Fanfare“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist Halloween und nach den vielen Feiern fangen die meisten Bars nun an ihre Türen zu schließen, doch J (Im Hwa-yeong) wartet noch in einer auf einen Klienten. Während der noch verbleibende Barkeeper dabei ist aufzuräumen, stürmen plötzlich zwei Männer das Lokal, bedrohen J und fordern den Barmann auf, ihnen Geld zu geben. In einem unglücklichen Handgemenge läuft der junge Mann allerdings einem der Angreifer genau ins Messer und verblutet wenig später. Als sie sich um J gekümmert haben, nehmen Kang-tae (Nam Yeon-woo) und sein Bruder Hee-tae (Park Jong-hwan) die Masken ab, hat sich ihre Lage nun doch verändert und ist von einem Überfall zu einem Mord geworden. Da sein Bruder mit der Lage völlig überfordert ist, beschließt der in Verbrecherkreisen bewanderte Kang-tae einen Bekannten namens Sen (Lee Seung-won) anzurufen, mit dem er nicht nur schon ein paar Mal zusammengearbeitet hat, sondern der auch über Kontakte verfügt, wenn es darum geht, Leichen zu beseitigen. Jedoch ist die Gemeinschaft der Männer brüchig und J versteht es Zwietracht zwischen ihnen zu säen, durch geschickt eingeflochtene Lügen oder indem sie den ohnehin schon nervösen Hee-tae noch mehr beunruhigt.

Brüchiges Machtgefüge
Nach dem Thriller Fatal und dem Drama Entangled ist Fanfare nun der insgesamt dritte Spielfilm des Koreaners Lee Don-ku. Die Mischung aus Thriller und Drama, die auf dem diesjährigen Project K zu sehen ist, überzeugte bereits Publikum wie auch Kritik auf dem Bucheon International Fantastic Film Festival wie auch dem Seoul Independent Film Festival. In Fanfare beweist Lee Don-ku sein Geschick, wenn es darum geht, ein minimalistisches Setting effektiv zu nutzen, um die Machthierarchie und die langsam entstehenden Grabenkämpfe innerhalb einer Gruppe von Menschen zu zeigen.

Da die Handlung sich hauptsächlich in der Bar oder den umliegenden Räumen stattfindet, erhöht dies die sich im Laufe der Geschichte. Das schummrige Licht in Verbindung mit der Kamera, die immer nah an den Figuren ist, steigert das Gefühl der Paranoia unter den Figuren, die eigentlich ein Ziel haben sollten, aber immer mehr sich in Kleinkriegen verlieren, immer vor dem Hintergrund, für sich einen Vorteil herauszuschlagen. Dies erinnert in seinen besten Momenten an das Gangsterkino eines Guy Ritchie aufgrund der farbenfrohen und teils etwas seltsamen Charaktere oder an Werke wie Reservoir Dogs, die ihre Spannung ebenfalls aus der geschickten Inszenierung des Raumes, in dem sich die Figuren bewegen, ableiten.

Als Zuschauer wird man Zeuge, wie der Plan, eine Leiche zu beseitigen, zu einem Machtkampf in der Gruppe wird. Als Abbild einer opportunistischen Gesellschaft sind die Figuren nur auf den individuellen Vorteil bedacht, wobei sie sich dabei mehr und mehr im Weg stehen, was zu katastrophalen Missverständnissen führt. Lee Don-kus Drehbuch beschreibt dies mit einer gehörigen Prise Galgenhumor, wenn sich Figuren durch ihren fatalen Egoismus ihr eigenes Grab schaufeln.

Eine Nacht voller Überraschungen
Interessant ist dabei, dass der eigentliche Protagonist im Hintergrund bleibt. Die von Im Hwa-yeong gespielte J ist, wie der Name bereits andeutet, sowohl für die anderen Figuren wie auch für den Zuschauer so etwas wie eine Chiffre. In Interviews sagte die Schauspielerin, dass sie ihren Charakter als jemanden versteht, der, wie so viele in unserer Welt, unterschätzt werde und deshalb im Hintergrund bleibe. Dieser dezentrale Ansatz innerhalb der Geschichte, der sich von der Fokussierung auf den Protagonisten verabschiedet, ist zwar riskant, ist aber der vielleicht brillanteste Aspekt von Fanfare, der auch ohne diesen sehr unterhaltsam und spannend ist.

Gerade auf erzählerischer Ebene zeigt sich Lee Don-ku damit sein großes Geschick, lässt er seinen Zuschauer, wie auch die männlichen Figuren im Film, sich in einem Netz aus Intrigen und Unfällen verstricken, und hebt sich einen gehörigen Twist für sein Ende auf, der sich mindestens auf demselben Niveau befindet wie der von Bryan Singers Die üblichen Verdächtigen, auch wenn Fanfare die deutlich bessere Geschichte erzählt.

Credits

OT: „Fanfare“
Land: Südkorea
Jahr: 2019
Regie: Don-ku Lee
Drehbuch: Don-ku Lee
Besetzung: Hwa-yeong Im, Yeon-woo Nam, Seung-won Lee, Jong-hwan Park

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Fanfare
„Fanfare“ ist eine unterhaltsame und spannende Mischung von Thriller und Drama. Mittels einer minimalistischen, aber effektiven Inszenierung sowie des erzählerischen Geschicks von Autor und Regisseur Lee Don-ku gelingt ein Film, der für Genrefans ein echter Geheimtipp ist.
9von 10

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