Kritik

Ein Kind wird gesucht

„Ein Kind wird gesucht“ // Deutschland-Start: 11. Januar 2019 (DVD)

Als der 10-jährige Mirco eines Abends nicht vom Sport nach Hause kommt, sind seine Eltern Sandra (Silke Bodenbender) und Reinhard Schlitter (Johann von Bülow) in heller Aufregung, machen sich zudem schwere Vorwürfe, dass sie erst am nächsten Morgen sein Verschwinden feststellen. Ingo Thiel (Heino Ferch), der Leiter der eingesetzten Sonderkommission, ist sich schon früh sicher, dass der Junge Opfer eines Verbrechens wurde und dass die Chancen gering sind, ihn noch lebend zu finden. Umso verbissener kämpft er jedoch darum, den Verantwortlichen aufzuspüren und herauszufinden, was wirklich mit Mirco geschehen ist. Doch dabei stößt er immer wieder an seine Grenzen, während der mediale Druck immer größer wird …

Reale Kriminalfälle zu verfilmen, das ist immer so eine Sache. Auf der einen Seite gibt es natürlich den Wiedererkennungswert, aus Marketingsicht ist der Hinweis „basiert auf einer wahren Geschichte“ schon ein Pluspunkt. Gleichzeitig besteht aber auch immer die Gefahr, dass reales Leid von Menschen ausgenutzt wird, um Kasse zu machen. So manche True Crime Doku, die sich zuletzt großer Beliebtheit erfreute, ist nicht viel mehr als Voyeurismus. Insofern durfte man im Vorfeld von Ein Kind wird gesucht skeptisch sein, wenn hier der Fall Mirco verbildlicht wurde, ein Mordfall, der sich 2010 zugetragen hat und deutschlandweit großes Aufsehen erregte.

Ein Verbrechen und seine Auswirkungen
Wer diesen seinerzeit verfolgte, der weiß natürlich schon, wie die Geschichte ausging. Doch Ein Kind wird gesucht ist nur begrenzt ein Krimi im traditionellen Sinn, bei der es um die Suche nach dem Mörder ging und Spuren verfolgt werden. Das geschieht hier natürlich auch, nicht zu knapp sogar. Tatsächlich gehörten die Ermittlungen zu den aufwendigsten der deutschen Kriminalgeschichte. Das bedeutet einerseits der Einsatz zahlreicher Beamten und Beamtinnen. Aber auch wissenschaftliche Untersuchungen, technologische Überwachungen und die Einbeziehung von Medien gehörten dazu: Der Film zeigt, wie gefühlt eine ganze Nation mitsuchte, um den vermissten Mirco zu finden.

Der Schwerpunkt liegt jedoch stärker auf den beteiligten Figuren. Ingo Thiel beispielsweise, auf dessen Buch der Film auch basiert, wird als Polizist porträtiert, der sich so sehr in die Aufgabe verbeißt, das Verbrechen aufzuklären, dass er zunehmend die Beherrschung verliert und wild um sich schlägt – von Heino Ferch (Unterm Radar) mit einer unheimlichen Intensität verkörpert. Aber auch den streng gläubigen Eltern, die versuchen, in ihrer Religion Trost zu finden, und sich dabei selbst schwerste Vorwürfe machen, wird viel Laufzeit eingeräumt. Ein Kind wird gesucht begleitet sie während alltäglicher Szenen mit den Schwestern des Jungen, zeigt dabei, wie die Familie an dem Schicksalsschlag zu zerbrechen droht.

Gefühle aus der Distanz
Dies geschieht jedoch ohne das große Melodram, wie man es aus dem TV-Bereich oft gewohnt ist. Regisseur Urs Egger (Kranke Geschäfte) greift zwar auf emotionale Momente zurück, wenn Vater und Mutter an ihrem Schmerz verzweifeln, bleibt dabei jedoch auf Distanz. Tatsächlich ist sein Krimidrama von einer bemerkenswerten Nüchternheit geprägt. Sachlich schildert er die einzelnen Schritte, lässt sich nicht dazu verführen, das Publikum noch weiter zu manipulieren und etwa mittels dramatischer Musik Gefühle erzwingen zu wollen. Er vertraut auf die Geschichte, auf die Dringlichkeit der Ereignisse, darauf, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen auch ohne Zwang folgen und miteifern werden.

Insgesamt geht dieser Plan auf. Obwohl der Ausgang bei Ein Kind wird gesucht bereits feststeht, basierend auf den wahren Ereignissen, ist der Weg dorthin durchaus spannend. Man will hier nicht nur wissen, wie das Ganze abgelaufen ist, sondern auch, welche Auswirkungen dies auf die beteiligten Personen hatte. Abgerundet wird der Film durch einige Kommentare auf die Menschen da draußen, auf ausbeuterische Medien, welche die Familie belauern, aber auch normale Mitbürger und Mitbürgerinnen, bei deren Reaktionen von aufrichtiger Anteilnahme über eigenes Geltungsbedürfnis bis zu gefühlloser Abscheulichkeit alles dabei ist, was die Bandbreite so hergibt. Ein Kind wird gesucht ist deshalb nicht allein Kriminalfall, sondern zugleich Porträt einer Gesellschaft, welches einiges infrage stellt.

Credits

OT: „Ein Kind wird gesucht“
Land: Deutschland
Jahr: 2017
Regie: Urs Egger
Drehbuch: Katja Röder, Fred Breinersdorfer
Musik: Ina Siefert, Nellis Du Biel
Kamera: Lukas Strebel
Besetzung: Heino Ferch, Silke Bodenbender, Johann von Bülow, Felix Kramer, Julika Jenkins, Christian Beermann

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Ein Kind wird gesucht
„Ein Kind wird gesucht“ zeichnet den wahren Fall des 10-jährigen Jungen Mirco nach, der eines Abends verschwand und monatelang von der Polizei gesucht wird. Der Film ist dabei jedoch kein reiner Krimi, sondern zugleich das nüchterne Porträt von Angehörigen wie auch der ermittelnden Polizei, bei denen die Zeit deutliche Spuren hinterlässt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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