Kritik

Auferstehen La prière The Prayer Cédric Kahn

„Auferstehen“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Eine Welt ohne Drogen? Das kann sich der 22-jährige Thomas (Anthony Bajon) nicht vorstellen, zu stark ist seine Sucht, zumal er niemanden hat, der ihm dabei helfen könnte loszukommen. Seine letzte Hoffnung ist die Aufnahme bei einer katholischen Gemeinschaft, die zurückgezogen in den Bergen lebt. Dort soll er beten und arbeiten, mithilfe des Glaubens seine Abhängigkeit überwinden und dadurch auf den rechten Pfad zurückzufinden. Doch das ist leichter gesagt denn getan. Der harte Entzug setzt ihm körperlich wie psychisch zu, immer wieder kommt es bei ihm zu aggressiven Ausbrüchen. Als er eines Tages vor allem fliehen möchte, begegnet er der Bauerstochter Sybille (Louise Grinberg), die ihm wieder neue Kraft gibt …

Wenn es in Filmen in abgelegene Gegenden geht, dann gibt es für die Protagonisten und Protagonistinnen meist zwei Möglichkeiten. Entweder führt die Abgeschiedenheit dazu, dass sich die Leute selbst finden, über sich hinauswachsen und in der Begegnung mit sich selbst Existenzielles fürs Leben lernen. Oder sie sind in einem Horrorfilm gefangen, in dem die Weite zur Zivilisation bedeutet, an böse Mächte ausgeliefert zu sein. Im Fall von Auferstehen ist es nicht ganz einfach zu sagen, ob das hier nun ein Positiv- oder Negativbeispiel sein soll. Zwar treiben hier keine Dämonen ihr Unwesen, zumindest nicht im Sinne des Genrefilms, doch der Film gefällt sich in einer Ambivalenz, den Ort irgendwie als beides darzustellen.

Ein gewaltiger Aufbruch
Wobei der Fokus über weite Strecken ohnehin auf Thomas liegt, weshalb vieles vom Drumherum erst mal wenig Beachtung findet. Gespielt wird dieser von dem Nachwuchsdarsteller Anthony Bajon mit einer Mischung aus Grimmigkeit, Sehnsucht und Selbstzweifeln. Gerade zu Beginn kommt es zu gewaltsamen Ausbrüchen, die auch deshalb vor den Kopf stoßen, weil die anderen alle betont friedlich und ruhig sind. Wenn sich der junge Mann Anfang zwanzig in Wutgeheul stürzt, dann nicht nur, weil ihm der Entzug so zusetzt, sondern auch da es ihm nicht gelingt, einen Platz für sich zu finden. Auf der Berlinale 2018, wo Auferstehen im Wettbewerb lief, erhielt der Franzose für diese beeindruckende Leistung den Silbernen Bären als bester Schauspieler. Zudem gab es Nominierungen bei den wichtigsten Filmpreisen seines Heimatlandes, dem César und den Prix Lumières.

Die anderen Figuren des Films, von Sybille einmal abgesehen, hinterlassen da schon deutlich weniger Eindruck. Doch das ist hier mal kein Mangel, sondern Teil des Szenarios: In der isolierten Einrichtung wird alles Persönliche ausgetrieben. Eigene Besitztümer müssen zu Beginn abgegeben werden, die Haare werden wie im Militär geschoren, nicht einmal Privatsphäre haben die jungen Menschen. Hier wird ständig überwacht, was angesichts der Drogenabhängigkeit, unter der sie alle mal litten, einerseits verständlich ist. Aber es weckt doch unangenehme Assoziationen, die von Gefängnis über Sekten bis hin zu dystopischen Überwachungsstaaten reichen. Die Heilung besteht hier nicht daran, sich dem inneren Dämon zu stellen, sondern in der Aufgabe des Inneren.

Zuflucht fernab der Realität
Und doch gibt es hier eine Gemeinschaft, gibt es einen Halt, den die Menschen beieinander, sowie in dem Glauben finden. Thomas, der eine nie ganz ausformulierte, dunkle Vorgeschichte hat, will diesen Halt, trotz der anfänglichen Ablehnung. Er braucht ihn, so wie ihn wohl viele der jungen Männer und Frauen brauchen, die für ein Leben da draußen in der Welt nicht gemacht sind. Auferstehen zeigt einen Zufluchtsort, der zu einer letzten Rettung wurde für eben diese jungen Menschen. Gleichzeitig lässt es Regisseur und Co-Autor Cédric Kahn (Die Familienfeier, Ein besseres Leben) aber offen, ob es sich um einen tatsächlich oder einen eingeredeten Zufluchtsort handelt – und ob das überhaupt einen Unterschied macht.

Allgemein ist das Drama von erstaunlich viel Distanz geprägt. Geradezu dokumentarisch mutet es an, wie Kahn seinen Figuren folgt, voller Interesse zwar, aber ohne ihnen wirklich nahe zu kommen. Auferstehen entwickelt deshalb auch keine emotionale Kraft oder tiefere Einsichten. Zwar macht Thomas eine erstaunliche Wandlung durch in den rund 100 Minuten. Aber da bleibt immer die Frage, wie viel echte Überzeugung ist und wie viel nur der Wunsch, eine solche Überzeugung zu haben. Fragen gibt es insgesamt einige, manche laut ausgesprochen, andere implizit. Doch die dazu passenden Antworten, die muss man außerhalb der Gemeinschaft suchen.

Credits

OT: „La prière“
IT: „The Prayer“
Land: Frankreich
Jahr: 2018
Regie: Cédric Kahn
Drehbuch: Samuel Doux, Fanny Burdino, Cédric Kahn, Aude Walker
Kamera: Yves Cape
Besetzung: Anthony Bajon, Louise Grinberg, Damien Chapelle, Alex Brendemühl, Hanna Schygulla, Antoine Amblard

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 2018 Goldener Bär Nominierung
Silberner Bär – Bester Darsteller Anthony Bajon Sieg
César 2019 Bester Nachwuchsdarsteller Anthony Bajon Nominierung
Prix Lumières 2019 Bester Nachwuchsdarsteller Anthony Bajon Nominierung

Filmfeste

Berlinale 2018

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Auferstehen
In „Auferstehen“ versucht einer Drogenabhängiger Anfang 20, in einer religiösen Gemeinschaft endlich Ruhe und Halt zu finden. Das Glaubensdrama bleibt dabei ziemlich ambivalent, zeigt diese Gemeinschaft als Zufluchtsort, aber auch als Auslöschung des Individuums. Das bringt mehr Fragen als Antworten, bleibt dafür durch einen kraftvoll auftretenden Hauptdarsteller in Erinnerung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Dr. Anne-Marie Fäßler

    Die Gemeinschaft gibt es wirklich, es ist die Gemeinschaft Cenacolo, mit mehr als 60 Häusern weltweit. Die Aufgabe des Inneren besteht hier erst einmal darin, in Distanz zu allen dysfunktionalen Verhaltens- und Denkmustern zu gehen, die vorher zum Teil schon seit früher Kindheit gelebt und erfahren wurden und oft zum ersten Mal die Erfahrung des Geliebt-Seins-wie-man-ist zu machen. Daraus entwickelt sich über einen langen Prozess eine neue (selbst-)wertschätzende Identität, ein Verstehen der Kostbarkeit des eigenen Lebens, das weit in die Familien hineinreicht. Und ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, viel Durchhaltevermögen, umfassende handwerkliche und lebenstüchtige Kompetenzen, vor allem aber die Erfahrung, dass es einen liebenden Gott gibt, für den das jeweilige eigene Leben unendlich kostbar ist.

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