In U-235 – Abtauchen, um zu überleben (ab 22. Oktober 2020 auf DVD und Blu-ray) spielt Thure Riefenstein die Rolle des deutschen Kriegsgefangenen Franz Jäger, dessen Kenntnisse über die Navigation und Funktionsweise eines deutschen U-Bootes zentral sind für eine geheime Mission der Alliierten. Im Jahre 2019 war das Kriegsdrama der erfolgreichste belgische Kinofilm und belegte wochenlang den zweiten Platz in den Kinocharts, gleich hinter Todd Philipps’ Joker. Im Gespräch unterhalten wir uns mit dem Schauspieler über die Drehbedingungen, seine Rolle sowie die Zusammenarbeit mit Besetzung und Crew.

Schönen Guten Tag, Herr Riefenstein. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben für das Interview mit film-rezensionen.de.
Sehr gerne. Vielen Dank auch für das Interesse an diesem wie ich finde sehr interessanten Projekt. Dafür stehe ich gerne Rede und Antwort. (lacht)

U-235 – Abtauchen, um zu überleben ist eine Mischung aus Kriegsdrama auf der einen Seite, hat aber gerade in der ersten Hälfte auch einen gewissen B-Movie Charme, wie man ihn aus Inglourious Basterds kennt.
Ja, das stimmt. Der Film hat etwas von Das dreckige Dutzend, aber auch etwas von diesem Tarantino-Charme, den Sie gerade ansprechen. U-235 ist ein Drama, hat aber auch viele komische Elemente. Es ist ein sehr vielseitiger Film, der ein breites Publikum anspricht, wie ich finde.

Der Name Ihrer Figur im Film ist Franz Jäger, was, wenn man alleine von ihrem Namen ausgeht, wie der stereotype 08/15 böse Deutsche erscheint. Aber irgendwie ist er doch schon etwas mehr als nur dieses Bild, was man vor Augen hat. Wer ist Ihrer Meinung nach dieser Franz Jäger und was hat Sie gereizt, diese Rolle zu spielen?
Zunächst einmal repräsentiert er eine Funktion, er ist Mitglied der Wehrmacht, auf was Ihre Frage gerade wohl anspielte. Im Kontext der Zeit, in welcher der Film spielt und weil er ein Deutscher ist, hat man sofort eine sehr stereotype Vorstellung dieses Charakters. Das Drehbuch war glücklicherweise so geschrieben, das man sich schnell von diesem Stereotypen des „bösen Deutschen“ entfernt hat, was mir sehr entgegenkam, da ich, selbst wenn ich eine solche Figur, die gerade im internationalen Filmgeschäft sehr beliebt ist, spielen muss, dieser menschliche Züge gebe. Es liegt in der Natur des Ausgangsmaterials, also des Drehbuchs, aber auch am Schauspieler selbst, wie menschlich man so eine Figur darstellt.

Jäger ist Kriegsgefangener, der vorher Kapitän eines deutschen U-Boots war und nun von den Alliierten emotional erpresst wird, einer belgischen Widerstandsgruppe dabei zu helfen, ein U-Boot, wie er es kommandierte, zu navigieren und es soweit flottzumachen, dass sie durch feindliche Linien bis in die USA fahren können. Dazu hat er nur einige wenige Woche Zeit – ein absoluter Wahnsinn. Im Gegenzug wird ihm versprochen, dass er zurück zu seinem Enkel kann, dem einzigen Mitglied seiner Familie, welches den Krieg bis jetzt überlebt hat.

An Jäger interessant fand ich, dass er ein Mensch im Krieg ist. Je mehr die Handlung des Films voranschreitet, desto mehr sieht man den Menschen in ihm, der, wie alle anderen auch, hin- und hergerissen ist zwischen Pflichterfüllung und Menschlichkeit. Jäger ist eben nicht nur der Soldat, den wir zu Anfang noch kennenlernen und das macht ihn in meinen Augen als Figur so interessant.

Abgesehen einmal von der Drehbucharbeit, die Sie schon erwähnten, gab es noch andere Herangehensweisen an diese Figur und diese Welt, beispielsweise über Recherche oder die Besichtigung eines echten U-Boots?
Ich habe für diese Rolle sehr viel recherchiert, viel gelesen und mir alle mir zur Verfügung stehenden Filme über U-Boote angesehen. Darunter war natürlich Wolfgang Petersens Das Boot, alleine schon deswegen, weil das Unterseeboot in U-235 auch jenes war, welches in Das Boot genutzt wurde.

Das Drehbuch bot ein gutes Fundament, aber dennoch musste ich viele Details selbst aneignen. So las ich viele Fachbücher über U-Boote wie auch Anleitungen über deren verschiedene Funktionen und wie man sie steuert. Während der Drehpausen studierte ich diese Lektüren und besprach sie mit der Crew, vor allem Sven Huybrechts, dem Regisseur. Dabei ging es vor allem um Stellen im Drehbuch, die sich nach der Lektüre dieser Fachliteratur als unmöglich herausstellten, was wir dann im Sinne der Authentizität noch korrigierten. Dass natürlich nur so weit es geht, denn im Film dominiert Wirkung immer noch über Authentizität. So weit es aber ging haben wir versucht, das Leben auf einem U-Boot so authentisch wie nur möglich darzustellen.

Jäger ist eine Figur, die immer eingeengt zu sein scheint, ob jetzt auf dem U-Boot oder in dem Verhörzimmer, in dem wir ihn das erste Mal antreffen. Sind solche Bedingungen für einen Schauspieler gleichsam beengend oder empfinden Sie diese als befreiend?
Wir haben den Film in einem Nachbau des Inneren eines U-Boots gedreht, der in etwa 52 m lang war und in einem Hangar in Belgien stand. Über drei Monate lang arbeitete die Crew an diesem Nachbau und griff dabei auf Ersatzteile zurück, die sie auf Schiffsfriedhöfen fand. Das Modell konnte auch geflutet werden, was den Unterwasserszenen eine zusätzliche Authentizität gab, wenn man sich wirklich in Räumen befand, die wegen des Wassers keinen Ausgang mehr hatten. Beim Dreh selbst hatten wir zu diesen Szenen noch zusätzlich zwei Rettungstaucher dabei zu unserer Sicherheit.

Da ich selbst eine Ausbildung zum Rettungstaucher habe, hatte ich einen kleinen Vorteil bei diesen Szenen, was die Atmosphäre aber nicht weniger klaustrophobisch machte. Das Szenario beim Dreh kann man in etwas vergleichen mit Höhlen- oder Eistauchen, was mit Abstand die gefährlichsten Tauchgänge sind, die man machen kann.

Als wir in dem Hangar drehten war es ein sehr heißer Sommer und wir hatten in dem Gebäude so um die 50 Grad Celsius, was die Installation einer Klimaanlage nötig machte, die es uns überhaupt möglich machte, in diesem riesigen Stahlzylinder zu drehen. Dank dieser waren es dort drinnen dann um die 28 bis 32 Grad, was noch gerade so erträglich war. Jede Schweißperle im Film ist also echt.

Zu der Hitze kam die Enge, denn teilweise waren wir mit einem achtköpfigen Team in einem kleinen Raum. Im U-Boot selbst befanden sich meist so um die 30 Leute, wobei um den Nachbau herum natürlich noch mehr Crewmitglieder waren.

Wenn man also in dieses Modell eintrat, musste man eigentlich nichts mehr spielen, denn die Atmosphäre war schon sehr nahe am Leben auf einem echten U-Boot. Man musste durch diese engen Schleusen durch, um zu einem Raum zu kommen und hat sich dabei fast permanent den Kopf gestoßen. Dadurch dass diese circa 200 Tonnen schwere Konstruktion noch geflutet werden konnte, war es schon sehr realistisch, was durch die Hydraulik von außen, welche die Bewegungen des Bootes unter Wasser imitierte, noch verstärkt wurde.

Bei Drehtagen die im Schnitt zwischen acht oder zehn Stunden dauerten, unterbrochen von kleinen Pausen, in denen man nach draußen kam in die vor allem sehr heiße Luft im Hangar, waren dies insgesamt schon sehr authentische Rahmenbedingungen. Es war eine abenteuerliche, physisch äußerst anstrengende, spannende Arbeit und ein großartiges Erlebnis für mich als Schauspieler unter sehr authentischen Drehbedingungen, die eben nicht mittels Green Screen imitiert wurden. Es roch nach Öl, es roch nach Schweiß, es war feucht, es war heiß. Es war anstrengend, aber auch eine Bereicherung solche Bedingungen vorzufinden.

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Sven Huybrechts sowie dem Rest der Besetzung?
Sven ist ein fantastischer und visionärer Regisseur. Über zehn Jahre hat er an diesem Projekt gearbeitet, hat das Drehbuch geschrieben, hat recherchiert und hat an jedem Detail der Inszenierung gefeilt. Er hatte dementsprechend eine sehr klare Vorstellung, wie er etwas haben wollte, gab seinen Schauspielern aber auch den nötigen Freiraum, die Rolle zu finden oder ins Boot zu bringen, wenn man das so sagen kann. Die Arbeit mit ihm ist in gewisser Hinsicht eine Kombination aus seiner Vorstellung zu einer Szene oder einer Figur und wie man sich dies als Schauspieler vorstellt oder wie man es interpretiert hat. Dieses Vorgehen ist der Grundstein für eine sehr fruchtbare Kollaboration, die sich immer weiter nach vorne hin entwickelt.

Innerhalb der Besetzung war ich der Außenseiter. Es gab zwar noch zwei weitere deutsche Darsteller, darunter Martin Semmelrogge, aber diese waren nur für kurze Zeit am Set und ich habe die dort nicht getroffen. Ansonsten bestanden Cast und Crew aus Belgiern, die untereinander nur Flämisch gerochen haben, sodass ich mich bisweilen ausgeschlossen fühlte, was wiederum dem Schauspiel gutgetan hat.

Dies soll aber nicht meine Beziehung zur Crew oder zu den anderen Schauspielern widerspiegeln. Sie waren alle sehr großzügig und wurden zu einem Team, zu einer Mannschaft, wenn man so will, ähnlich der im Film, die eine Mission zu erfüllen hat. Die Drehbedingungen, die ich eben schon geschildert habe, schweißten uns zusammen und wir wurden zu einer echten U-Boot Crew, was schon ein besonderes Erlebnis ist. Es ist auch nicht anders möglich, bedenkt man, dass man über drei Monate lang auf so engem Raum zusammenarbeitet. Da wäre man ja selber schuld, wenn man nicht alles dafür tun würde, dass das Endergebnis dieser ganzen Mühen stimmt oder sich das Leben gegenseitig schwer macht. (lacht)

Vielen Dank für das nette Gespräch.

Zur Person
Thure Riefenstein ist ein deutscher Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Neben seiner Arbeit im Theater, beispielsweise am Hamburger Schauspielhaus oder am Theater des Westens, arbeitete er an zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen mit, unter anderem Alarm für Cobra 11, Polizeiruf 110, Die Wanderhure, Die Kreuzritter und Tatort: Unter Wölfen. Auch in internationalen Produktionen wie Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll oder der Serie 12 Monkeys spielte Riefenstein mit. Für seine darstellerischen Leistungen war Riefenstein unter anderem für den Bambi-Publikumspreis nominiert.



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