Kritik

Therese

„Thérèse“ // Deutschland-Start: 2. August 2013 (DVD/Blu-ray)

Frankreich in den 1920ern: Als Thérèse (Audrey Tautou) den wohlhabenden Bernard (Gilles Lellouche) heiratet, hat das mit Liebe nur wenig zu tun. Vielmehr ist es für sie eine reine Zweckgemeinschaft, wurde sie ihm doch schon vor langer Zeit versprochen. Entsprechend freudlos ist die Ehe auch, gerade für die freiheitsliebende Frau, die sich in diesem Arrangement wie eine Gefangene fühlt. Doch es kommt noch schlimmer mit der Zeit: Was als reine Langeweile begann, ist zunehmend von Aggressivität geprägt. Bernard beginnt, eine despotische Seite an sich zu zeigen, unter der auch seine Schwester Anne (Anaïs Demoustier) zu leiden hat, der eine Liebesheirat verwehrt bleibt. Bis sich Thérèse zu einer Verzweiflungstat hinreißen lässt …

Die Vorstellung, dass eine Hochzeit mit Glück und Liebe verbunden ist, die mag uns heute selbstverständlich erscheinen. Doch früher sah das ganz anders aus, da gab es andere Ansprüche und Interessen, die ausschlaggebend waren. Darunter hatten vor allem die Frauen zu leiden, die nicht mehr als Besitztümer waren, die hin und her geschoben wurden und diverse Funktionen zu erfüllen haben. Erst im 19. Jahrhundert gab es ein Umdenken, das sich in vielen Romanklassikern widerspiegelt. Jane Austen romantisierte, Theodor Fontane und Gustave Flaubert erzählten von Frauen, die in freudlosen Ehen gefangen waren und zu teils drastischen Mitteln griffen, um sich hieraus wieder zu befreien.

Kein Grund für Liebe
François Mauriacs 1927 erschienener Roman Thérèse Desqueyroux geht da in eine ganz ähnliche Richtung. Zwar spielt die Geschichte einige Jahrzehnte nach denen der berühmten Kollegen. Sehr viel besser ist die Situation da aber doch nicht geworden: Wenn die Titelheldin einwilligt, Bernard zum Mann zu nehmen, dann tut sie das in einer Mischung aus Fatalismus und Pflichtbewusstsein. Ein Großteil der Verfilmung besteht dann auch aus Ausführungen dazu, wie monoton ihr Alltag ist. Versöhnliche Charaktereigenschaften hat Bernard nicht. Er ist weder spannend noch freundlich. Schon die wenige Zeit, die man als Zuschauer mit ihm zu verbringen hat, ist Grund genug, das Weite zu suchen – sofern die Füße nicht schon eingeschlafen sind.

Das nötigt das Publikum natürlich zu einem gewissen Mindestmaß an Mitgefühl Thérèse gegenüber, die zwar kein wirklich schlechtes Leben führt – sie hat keine finanziellen Sorgen, muss sich um nichts kümmern, wird größtenteils in Ruhe gelassen –, aber auch keines, das unbedingt neidisch machen würde. Gleichzeitig ist sie jedoch, vergleichbar zu anderen unglücklichen Frauen der Literaturgeschichte, nicht die größte Sympathieträgerin. Eigentlich vegetiert sie nur vor sich hin, lässt sich von der Monotonie anstecken, bis sie selbst ein träges Grau in der farblosen Weite des Landes wird. Dass sie mehr will als das, das wird klar. Aber was genau? Wer ist die Frau eigentlich, der ein ganzer Film gewidmet ist?

Die Qual der Langeweile
Thérèse gibt darüber keine wirkliche Auskunft. Je länger sie in der Ehe gefangen ist, umso stärker wird alles Leben, jede Persönlichkeit aus ihr herausgezogen. Das ist einerseits überzeugend gespielt. Die etwas überraschend dafür besetzte Audrey Tautou (Die fabelhafte Welt der Amélie) unterdrückt ihren quirligen Charme und wird stattdessen zu einer blassen Frau, die gequält durchs Leben schlurft. Es ist nur nicht so wirklich spannend, zumindest nicht auf Dauer. So schön es ist, wenn Dramen mal nicht ganz manipulativ tiefe Gefühle aus dem Publikum pressen wollen und sich nicht in demonstrativem Herzschmerz ergeben, ein bisschen mehr Leben hätte dann doch nicht geschadet, um die Figuren etwas nahbarer zu machen.

Das Drama, welches 2012 als Abschlussfilm der Filmfestspiele von Cannes lief, ist dabei durchaus sehenswert. Regisseur Claude Miller (Das Verhör), der nach Fertigstellung der Romanadaption verstarb, führt vor Augen, nach welchen Regeln die Bourgeoisie funktioniert, zeigt menschenverachtende Traditionen und ein Korsett der Erwartungen, in dem jegliche Individualität erstickt. Auf Dauer ist das Grau in Grau, welches kaum Möglichkeiten des Ausbruchs gewährt, aber doch auch irgendwie zu wenig. So wie die Protagonistin darauf hofft, irgendwie aus allem befreit zu werden, schaut man selbst etwas ungeduldig auf die Uhr, wann das alles denn nun vorbei ist.

Credits

OT: „Thérèse Desqueyroux“
Land: Frankreich
Jahr: 2012
Regie: Claude Miller
Drehbuch: Natalie Carter, Claude Miller
Vorlage: François Mauriac
Musik: Mathieu Alvado
Kamera: Gérard de Battista
Besetzung: Audrey Tautou , Gilles Lellouche, Anaïs Demoustier, Catherine Arditi, Isabelle Sadoyan, Francis Perrin, Stanley Weber

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 2012
Toronto International Film Festival 2012

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Thérèse
„Thérèse“ zeigt uns eine Frau, die aus Pflichtbewusstsein einen Mann heiratet, den sie nicht liebt, und anschließend in einer freudlosen Ehe vor sich hin vegetiert. Das ist gut gespielt, führt zudem vor Augen, nach welchen Regeln die Bourgeoisie funktioniert. Auf Dauer ist es aber eher weniger spannend, da man nur wenig Zugang zu der Protagonistin findet.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Schwaab

    Was in diesem Film gezeigt wird ist literarisch schon öfters diskutiert worden .
    Die gute Theresen langweilt sich zu Tode, weil sie zu dem
    Stand gehört, die nur deshalb so gut leben konnten, weil andere
    Menschen von ihnen gnadenlos ausgebeutet wurden.

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