Kritik

„I Miss You“ // Deutschland-Start: 8. Oktober 2020 (Kino)

Jorge (Oscar Martínez) ist am Boden zerstört, als sein Sohn sich das Leben nimmt. Zerfressen von Schuldgefühlen reist er daher von Bolivien nach New York, wo Gabriel zuletzt längere Zeit gelebt hatte. Was hat er dort getan? Wie ging es ihm? Vor allem von Sebastian (Fernando Barbosa) erhofft er sich Antworten, der Ex-Freund Gabriels. Der ist jedoch alles andere als begeistert, als er den älteren Herren sieht, macht er doch ihn und seine Frau für das Scheitern ihrer Beziehung verantwortlich. Ihre konservativen Ansichten und die Ablehnung von Homosexualität hatten Gabriel schließlich so sehr zugesetzt, dass er die Partnerschaft beendete. Schließlich lässt sich Sebastian aber doch dazu erweichen, mit Jorge durch die Stadt zu ziehen und mehr zu erzählen, während er selbst an einem Theaterstück über das Leben des verstorbenen arbeitet …

Die ewige Suche nach dem Verlorenen
Fast könnte man meinen, es gäbe gerade Themenwochen im Kino. Zumindest ist es auffällig, dass in kürzester Zeit gleich drei Filme starten, die jeweils eine sehr ähnliche Ausgangssituation haben: Sowohl Stage Mother und 7 Minuten wie auch jetzt I Miss You beginnen mit dem Szenario, dass ein junger homosexueller Mann stirbt und ein Elternteil nun auf Spurensuche geht. Das bedeutet in allen drei Fällen, dass dieses Elternteil in die bunte LGBT-Welt eintaucht, sich mit (Ex-)Partnern austauscht, spezielle Clubs aufsucht und dabei dem Verstorbenen näherkommt. Am Ende steht eine Art Aussöhnung, sowohl mit dem Sohn wie auch sich selbst.

An manchen Stellen ist I Miss You aufgrund der thematischen Nähe zu den anderen Filmen auch eher austauschbar. Nicht nur, dass der grobe Ablauf bekannt ist, Regisseur und Drehbuchautor Rodrigo Bellott findet auch keine neuen Ansätze, um die Szene und die darin umherschwirrenden Menschen zu beleuchten. Zu oft bedient er sich der üblichen Klischees und Stereotype, zeigt schemenhafte Gestalten, die höchstens als Touristenattraktion funktionieren. Dadurch entsteht zwar ein großer Kontrast zwischen dem älteren, steifen Herren und der für ihn fremden Welt. Es fördert aber nur wenig Verständnis, da diese Begegnungen zu sehr an der Oberfläche bleiben. Gerade wenn es darum geht, die Perspektive zu öffnen, hätte es da mehr Tiefgang und wirkliche Auseinandersetzung gebraucht.

Ein Name, viele Gesichter
Interessant ist dafür ein ganz anderer Kniff von Bellott. So besetzte er die Rolle des Gabriel mit verschiedenen Schauspielern, wenn er in Flashbacks immer wieder an dessen Leben erinnert. Wäre da nicht die markante Brille, welche die Darsteller tragen, wüsste man nicht unbedingt, dass es dieselbe Figur sein soll – umso mehr, da I Miss You bei der Vergangenheit keine durchgängige Geschichte erzählt, sondern einzelne Episoden aus der Beziehung zwischen Gabriel und Sebastian herausgreift. Episoden, die oft von einer entwaffnenden Alltäglichkeit sind, wenn sich zwei kennenlernen und langsam ihre Gefühle füreinander vertiefen.

In dem Zusammenhang funktioniert auch das Theaterstück gut, welches Sebastian inszeniert. Rodrigo Bellott adaptiert da sein eigenes autobiografisches Stück aus dem Jahr 2015, in dem er den Selbstmord seines Freundes verarbeitete, der den Druck eines homophoben Umfeldes und seine innere Zerrissenheit nicht mehr ertragen konnte. Wenn Sebastian in seinem Stück im Film seines Partners erinnert, dann tut er das gleichzeitig auch an Bellotts Partner – und an all die Menschen, die in ähnlichen Situationen sind und in einer Atmosphäre der Ablehnung leben. Durch diese verschiedenen Ebenen und Meta-Sprünge wird I Miss You zwar ein bisschen verkopft. Wer einfach nur ein emotionales Drama sehen will, der wird hier womöglich immer wieder herausgerissen, findet durch die fliegenden Wechsel keinen Zugang. Gleichzeitig gewinnt der Film aber auch eine universelle Kraft daraus, wenn in dem gemeinsamen Schmerz auch die Möglichkeit der Heilung liegt, die alle Gabriels dieser Welt zusammenführt.

Credits

OT: „Tu me manques“
Land: Bolivien, USA
Jahr: 2019
Regie: Rodrigo Bellott
Drehbuch: Rodrigo Bellott
Musik: Julia Kent
Kamera: Noah Greenberg
Besetzung: Oscar Martínez, Fernando Barbosa, Rick Cosnett, Dominic Colón, Rossy de Palma, Patricia García

Bilder

Trailer

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I Miss You
In „I Miss You“ versucht ein Vater seinem verstorbenen Sohn näherzukommen, der mit seiner Homosexualität nicht klar kam und sich deswegen das Leben nahm. Während das Eintauchen in die LGBT-Welt recht schematisch ist und zu viele Klischees bemüht, sind die diversen Meta-Ebenen interessant, wenn der Verstorbene viele Gesichter hat und die Kunst zu einer Möglichkeit der Begegnung wird.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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