Kritik

Der Bär in mir

„Der Bär in mir“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Kino)

14 Jahre ist es inzwischen her, dass der Braunbär Bruno die Grenze zu Deutschland überquerte. Das war eine Sensation, schließlich war er der erste in über 170 Jahren, der sich blicken ließ. Es war aber eine Sensation, die nicht besonders lang hielt: Nachdem er einige Tiere gerissen hatte, die eigentlich Menschen gehörten, wurde er als Problembär eingestuft und erlegt. Aber einfach war das Verhältnis zwischen Mensch und Bär noch nie. Wenn der Mensch nicht gerade damit beschäftigt war, den Vierbeiner als unliebsamen Konkurrenten auszuschalten, jagte er ihn seines Fells oder des Fleisches weg. Anders gesagt: Wo auch immer die beiden aufeinandertreffen, knallt es.

Ein vertrauter Räuber
Dabei geht es auch anders, wie das Beispiel David Bittner zeigt. Seit vielen Jahren reist der Schweizer in den entferntesten Winkel Alaskas, um dort ungestört die pelzigen Kolosse zu studieren. Die haben sich inzwischen auch ganz gut an ihn gewöhnt. Wo andere beim Anblick der Bären vermutlich in Panik ausbrechen würden, da freut er sich. Schließlich kennt er sie, hat vielen Namen gegeben und jahrelang begleitet. Den alten Oliver zum Beispiel, der früher an der Spitze der Rangordnung stand, inzwischen aber nicht mehr so gut sieht und von dem jüngeren Bruno verdrängt wurde. Wann immer er einem von ihnen begegnet, ist da das Gefühl von Vertrautheit.

Brenzlige Situationen gibt es in Der Bär in mir nicht. Das bedeutet aber nicht, dass die Tiere zu harmlosen Kuscheltieren reduziert werden. Trotz besagter Vertrautheit ist sich Bittner, der mehrere Monate mit Regisseur Roman Droux unterwegs war, der Gefahr bewusst, die ein derart gigantischer und starker Räuber mit sich bringt. Immer wieder werden Schutzvorrichtungen gezeigt, die zuweilen auch schon mal elektrisiert sind. Essen ist in speziellen Behältern gut vor den empfindlichen Nasen der Bären versteckt, um sie nicht unnötig in Versuchung zu führen. Nur weil Bittner die Tiere liebt, zu nah soll der Kontakt dann doch lieber nicht sein.

Die grausamen Seiten der Natur
Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist dabei jedoch nur zweitrangig. Auch die kurzen Ausflüge in die Biografie des Bärflüsterers sind lediglich der Auflockerung wegen drinnen. Stattdessen gewährt Der Bär in mir einen Einblick in das Leben der vierbeinigen Giganten. Dieses ist alles andere als einfach. Die Konkurrenz ist groß, immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, dass Bären aufeinander losgehen, um ihre Rangordnung festzulegen oder auch die knappe Nahrung für sich zu erkämpfen. Die Kämpfe an sich sind dabei nicht zu sehen, wohl aber die Auswirkungen. An einer Stelle entdeckt Bittner die Leiche eines Tieres, das wohl eine solche Auseinandersetzung nicht überlebt hat. Vor allem aber ein Jungtier, dem die Durchsetzungskraft fehlt und deshalb dem Untergang geweiht ist, wird lange begleitet.

Der Beitrag vom DOK.fest München 2020 wird an solchen Stellen durchaus emotional, macht dabei aber immer deutlich, dass dies Teil der Natur ist. Das ist dann auch die Stärke des Dokumentarfilms: Er geht nahe an sein Thema heran, ohne es aber beeinflussen zu wollen. Trotz der menschlichen Kosenamen vermenschlicht oder verniedlicht Bittner die Tiere nicht. Vielmehr tritt er ohne große Worte, dafür mit großartigen Bildern, dafür ein, die Natur zu respektieren für das, was sie ist – in ihren schönen wie grausamen Momenten. Das ist informativ, ohne trocken zu sein, spannend, aber nicht effekthascherisch. Wer also mal wieder eine Tierdokumentation ganz klassischer Machart sehen will, der ist hier an einer guten Adresse.

Credits

OT: „Der Bär in mir“
Land: Schweiz
Jahr: 2019
Regie: Roman Droux
Drehbuch: Roman Droux
Musik: Sandra Stadler, Bänz Isler
Kamera: Roman Droux, David Bittner, R. Terry

Bilder

Trailer

Kinotour

Regisseur Roman Droux ist im Rahmen einer Tour durch Deutschland unterwegs und stellt seinen Film persönlich vor:

Sa 10.10. München, City 18.00 Uhr

So 11.10. Stuttgart, Atelier am Bollwerk 13.00 Uhr

Mo 12.10. Frankfurt, Harmonie, 18.00 Uhr

Di 13.10. Köln, Cineplex, 18.00 Uhr.

MI 14.10. Berlin, FAF 20.00 Uhr

Do, 15.10. Hamburg, Abaton 18.00 Uhr

Do, 15.10. Hamburg, Zeise 19.30 Uhr

Fr 16.10. Karlsruhe, Schauburg um 17.30 Uhr

Sa 17.10. Heidelberg, Gloria, 17.00 Uhr

So 18.10. Freiburg, Friedrichsbau 11.00 Uhr

So 18.10 Konstanz, CineStar Konstanz, 18.00 Uhr

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Der Bär in mir
„Der Bär in mir“ begleitete mehrere Monate Bären in Alaska, zeigt deren Leben und Überlebenskämpfe. Das ist informativ und doch auch packend, da man hier wirklich nahe an die beeindruckenden Tiere kommt und Einblicke in eine Natur erhält, die in mehr als einer Hinsicht wild ist.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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