Kritik

Das Geheimnis der falschen Braut Jean-Paul Belmondo Catherine Deneuve La sirène du Mississipi

„Das Geheimnis der falschen Braut“ // Deutschland-Start: 19. Dezember 1969 (Kino) // 30. Januar 2020 (DVD/Blu-ray)

Auch wenn Louis Mahé (Jean-Paul Belmondo) sie noch nie zu Gesicht bekommen hat, so ist er doch voller Hoffnung, dass sie die Richtige sein könnte. Schließlich hatten sie sich nach einer Zeitungsannonce viele Monate geschrieben und dabei ihre Gefühle füreinander entdeckt. Als dann eines Tages Julie Roussel (Catherine Deneuve) tatsächlich mit dem Schiff auf der Insel La Réunion ankommt, wo Louis als Tabakpflanzer arbeitet, übertrifft sie seine kühnsten Erwartungen, zumal sie ihm vorher ein falsches Bild geschickt hat. Auch die folgende Ehe ist sehr harmonisch, es scheint, als habe er tatsächlich sein Glück gefunden – bis zu jenem Tag, als sie mit einer großen Summe des gemeinsamen Kontos plötzlich verschwindet …

Mehr als 50 Jahre ist Das Geheimnis der falschen Braut inzwischen schon alt. Und doch ist die Anfangssequenz erstaunlich zeitgemäß. Auch wenn direkte Heiratsannoncen in Zeitungen aus der Mode gekommen sind, so erinnern die Erfahrungen von Louis und Julie doch an heutige Gepflogenheiten in Online-Dating-Portalen. Da werden falsche Bilder hochgeladen, die Wahrheit immer wieder gebeugt, bis niemand mehr weiß, wer der andere ist – oder man selbst. Im Film machen sich die beiden Figuren zwar schlechter, als sie sind – Louis macht sich ärmer, Julie hässlicher –, was das ziemliche Gegenteil der heutigen Selbstoptimierungspropaganda ist. Doch das Phänomen, dass das Äußere und das Innere nicht zusammenpassen, wenn die Menschen ihre eigenen Geschichten erfinden, das ist zeitlos.

Filmische Grenzüberschreitungen
Dieses doppelte Spiel aus Fassade und Inhalt gilt aber auch für den Film als solchen. Tatsächlich ist die Adaption eines Romans von Cornell Woolrich nicht ganz leicht zu fassen, wenn die Grenzen zwischen den Genres aufgelöst werden. Die Einordnung in den Krimi ist zwar naheliegend, wenn es hier bald um mehr geht als kleine Abweichungen im Lebenslauf. Dass da etwas nicht stimmt mit Julie, das wird früh klar, ohne aber dass verraten wird, was genau es ist. Je näher wir der Wahrheit kommen, umso schrecklicher werden die Entdeckungen. Dass sie mit dem Geld verschwindet, ist nur der Anfang, die Spurensuche bringt eine Reihe von Abgründen ans Tageslicht.

Doch es geht eben nicht nur darum, wer welche kriminellen Taten vollbracht hat. Das Geheimnis der falschen Braut ist ein Film über Verbrechen und Unmoral. Aber es ist eben auch ein Film über die Liebe. Regisseur und Drehbuchautor François Truffaut (Jules und Jim, Die Braut trug schwarz) zeigt, wie komplex und widersprüchlich Gefühle sein können. Dass sie Ausdruck einer Sehnsucht sind, deren man sich selbst nicht immer bewusst ist und die man rational nicht erfassen kann oder soll. Liebe, so wird hier an mehreren Stellen klar, bedeutet selbst die finstersten Orte in Kauf zu nehmen. Bedeutet auch dann noch zu vertrauen, während sich andere bereits entsetzt an den Kopf greifen, wie man denn so schrecklich blöd sein kann.

Eine Liebe trotz allem
Um Glaubwürdigkeit geht es hier dann auch nicht, darüber kann man sich an vielen Stellen streiten. Nicht einzelne Details stehen im Mittelpunkt, sondern etwas viel Grundlegenderes. Es ist ein tragisches Bild, welches der Film hier vermittelt, von einer verhängnisvollen Liebe, die nur Unglück bringt, im besten Fall Unsicherheit. Der anfängliche Krimi verschiebt sich daher stärker in den Bereich des Dramas und des Liebesfilms, ohne sich aber des Kitsches zu bedienen. Wenn hier zwei Menschen zusammenkommen, dann hat das wenig mit dem üblichen Herzkino gemeinsam. Das Geheimnis der falschen Braut lockt zwar mit schönen Menschen und schönen Kulissen. Doch dahinter befinden sich, ganz im Thema, eben nicht unbedingt die schönsten Gefühle und Absichten.

Das ist allein schon für diese besagten schönen Menschen – die französischen Weltstars Jean-Paul Belmondo (Außer Atem) und Catherine Deneuve (Die Familienfeier) – ohne Zweifel sehenswert. Hinzu kommt, dass die Jagd auf die Verschwundene durch die unterschiedlichsten Gegenden führt und entsprechend visuell abwechslungsreich ist. Tatsächlich spannend ist der Genremix hingegen weniger, er hat eher eine traumartige Qualität, so als wäre nichts von dem hier real. Aber was bedeutet schon real in einem Geflecht voller Lügen und Täuschungen, voller verdrängter Gefühle? Bei Das Geheimnis der falschen Braut heißt es, sich fallen und treiben zu lassen, auf einem turbulenten Strom, bei dem nie ganz sicher ist, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet – und ob diese Ecke überhaupt gibt.

Credits

OT: „La sirène du Mississipi“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1969
Regie: François Truffaut
Drehbuch: François Truffaut
Vorlage: Cornell Woolrich
Musik: Antoine Duhamel
Kamera: Denys Clerval
Besetzung: Jean-Paul Belmondo, Catherine Deneuve, Nelly Borgeaud, Marcel Berbert, Roland Thénot, Michel Bouquet

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Das Geheimnis der falschen Braut
In „Das Geheimnis der falschen Braut“ heiratet ein Mann eine Frau, die er über eine Heiratsannonce kennengelernt hat und die nicht ganz die ist, für die sie sich ausgibt. Die Romanadaption beginnt als Krimi, ist aber doch eher ein Drama über die Natur der Liebe, die selbst dann noch Vertrauen einfordert, wenn diese keine Grundlage mehr hat. Das ist nicht unbedingt spannend, aber doch sehenswert, auch wegen der Weltstars Belmondo und Deneuve sowie der abwechslungsreichen Kulissen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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