Kritik

Astronaut

„Astronaut“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Kino)

Schon immer träumte Angus (Richard Dreyfuss) davon, einmal ins All zu fliegen, noch immer beobachtet er zusammen mit seinem Enkel Barney (Richie Lawrence) die Sterne. Da bietet sich ihm tatsächlich eine späte Chance, diesen Traum wahr zu machen, als er von einem Gewinnspiel erfährt, bei dem der Preis ein Weltraumflug ist. Die Sache hat nur einen Haken: Teilnahmeberechtigt sind lediglich Leute bis 65 Jahre, er selbst ist aber schon Mitte 70, seine Gesundheit ist ebenfalls nicht die beste. Also beschließt er, bei der Anmeldung einfach ein bisschen zu schummeln und sich jünger auszugeben. Damit hat er sogar Erfolg, er schafft es wirklich in die Endrunde der Bewerber. Doch damit fangen seine Probleme erst richtig an …

Der Traum vom späten Glück
Zuletzt hat es, passend zum demografischen Wandel, eine ganze Reihe von Filmen gegeben über reife Protagonisten und Protagonistinnen, die noch einmal das Leben neu entdecken. Tanz ins Leben und Britt-Marie war hier zeigten beispielsweise Seniorinnen, die feststellen müssen, dass ihre Ehemänner sie betrogen haben, was zum Anlass wird, alles noch einmal zu überdenken. Der Tenor in diesen Filmen ist immer gleich: Man ist nie zu alt, um noch was aus sich zu machen, Neues auszuprobieren oder alte Träume wahr werden zu lassen. Im Fall von Astronaut gilt das gleich doppelt: Nicht nur dass Angus seinem jahrzehntelangen Wunsch nachgeht, als Astronaut durchs All zu schweben. Shelagh McLeod, sonst eigentlich als Schauspielerin unterwegs, gibt hier als Regisseurin und Drehbuchautorin ihr Spielfilmdebüt – mit Ende fünfzig.

Dass die Kanadierin dadurch anderen Mut machen will, ist offensichtlich und auch verständlich. Der Lebenstraum von Angus mag etwas spezieller sein, zudem nicht sonderlich realistisch. Astronaut gelingt es aber ganz gut, die Raumfahrtambitionen zu etwas deutlich Universellerem zu machen. Wenn der betagte Mann alles hinter sich lassen will, dann spricht er eben auch einem Publikum von der Seele, das selbst unerfüllte Träume in sich trägt und gerne noch etwas erleben möchte, weitab vom Alltag. Es muss ja nicht gleich der Weltraum sein. Hauptsache es ist spannend und aufregend, lässt einen noch einmal lebendig fühlen, vermittelt den Eindruck, dass es nicht zu spät ist und dass da draußen etwas auf einen wartet.

Zwischen Abschied und Aufbruch
Diese Aufbruchsstimmung und die Sehnsucht nach neuen (Erfahrungs-)Welten ist der eine große Aspekt des Films. Der Blick ist dabei aber nicht allein in die Ferne gerichtet, auf eine mögliche Zukunft. Das Drama befasst sich auch viel mit der Vergangenheit und dem schmerzlichen Loslassen. Astronaut beginnt damit, dass Angus sein Haus verlassen muss, in dem er viele Jahre gelebt, und ins Altersheim gehen soll. Das bedeutet einerseits bessere Versorgung und auch neue Kontakte. Anders als man erwarten könnte, vereinsamt er dort nicht, sondern findet schnell Anschluss. Aber es bedeutet auch, einen Teil seiner Vergangenheit aufgeben zu müssen, Erinnerungen an seine verstorbene Frau, die an das Haus gebunden sind.

Einen Film zu machen, der gleichzeitig Abschied und Aufbruch sein soll, das bedeutet natürlich einen gewissen Balanceakt, sowohl inhaltlich wie im Hinblick auf die Stimmung. Tatsächlich tut sich McLeod auch ein bisschen schwer damit, eine durchgängige Geschichte zu erzählen, sie zerfasert im weiteren Verlauf ziemlich. Gerade zum Ende hin kommt es bei dem Drama zu etwas abrupten Richtungswechseln, die dem Ganzen nicht unbedingt gut tun. Da wäre es schon schöner gewesen, sich auf einzelne Aspekte stärker zu konzentrieren, vielleicht auch den Nebenfiguren mehr Raum zu gewähren, deren Schicksale zwar angeschnitten, jedoch kaum ausgeführt werden. Dennoch ist Astronaut natürlich schon ein rührender Wohlfühlfilm über die Bedeutung von Träumen und der Familie, den man sich allein für Richard Dreyfuss gut anschauen kann, der mehr als vier Jahrzehnte nach Unheimliche Begegnung der dritten Art noch einmal dieses Gefühl vermittelt, mit weit aufgerissenen Augen eine neue Welt zu bestaunen und Wunder zu erleben.

Credits

OT: „Astronaut“
Land: Kanada
Jahr: 2019
Regie: Shelagh McLeod
Drehbuch: Shelagh McLeod
Musik: Virginia Kilbertus
Kamera: Scott McClellan
Besetzung: Richard Dreyfuss, Lyriq Bent, Krista Bridges, Richie Lawrence, Graham Greene, Colm Feore

Bilder

Trailer

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Astronaut
In „Astronaut“ will ein 75-Jähriger noch einmal seinen Traum des Weltalls wahr werden lassen. Der Film schwankt ein bisschen unentschlossen zwischen Abschied und Aufbruch umher, ist aber ein warmherziges Drama um spätes Glück und die Bedeutung der Familie.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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