Kritik

Vitalina Varela

„Vitalina Varela“ // Deutschland-Start: 10. September 2020 (Kino)

Nachdem sie über 40 Jahre von ihrem Mann getrennt gelebt hatte, macht sich Vitalina Varela auf den Weg nach Lissabon, wo Joaquim all die Zeit über wohnte. Jedoch kommt sie zu spät, denn schon nach wenigen Schritten aus dem Flieger wird sie mit den Worten begrüßt, ihr Mann sei nicht mehr am Leben und wurde vor drei Tagen beerdigt. Der Bitte der Freunde ihres Mannes, doch wieder zurück nach Kap Verde, ihrer Heimat, zu gehen, folgt Vitalina nicht, denn sie will nicht nur sehen, wie ihr Mann die Jahre über lebte und wohnte, sondern beschließt zudem, den Rest ihrer Zeit auf Erden in dessen Haus in Portugal zu leben. Dieses ist, wie sie schnell feststellt, kein Vergleich zu ihrem Haus in Kap Verde, welches sie zusammen mit Joaquim baute, sondern eine Bruchbude mit einem undichten Dach und sehr wenig Platz. Ihre Zeit in Portugal ist bestimmt von diversen Besuchen von Freunden ihres Mannes sowie denen eines Priesters (Ventura), der die Beerdigungszeremonie leitete. Von ihm wie auch von ihrer Zeit im Haus erhofft sich Vitalina Antworten auf die brennenden Fragen ihres Lebens, vor allem aber nach dem Grund, warum die Joaquim in Kap Verde zurückließ.

Die Welt der Schatten
Nach Aussagen des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa basiert die Geschichte seines neuen Films, für den er unter anderem den Goldenen Leoparden beim Locarno Film Festival entgegennehmen durfte, auf der Biografie Vitalina Varelas, die daher auch am Drehbuch mitarbeitete. In einer Szene seines letzten Films Horse Money erzählte ihre Figur von ihrem Erlebnis in Lissabon, als sie von Kap Verde dort ankam, nur um zu erfahren, dass ihr Mann verstorben sei, ohne, dass sie von ihm Antworten erhalten hätte, warum er die einst verlassen hatte. So entstand mit Vitalina Varela eine Geschichte, in der es um das Finden dieser Antworten geht und um die Trauer, eingebettet in das Milieu der Armen, die im Schatten der Gesellschaft hausen.

Die Welt, in der sich die Geschichte von Vitalina Varela abspielt, ist eine aus Zement und Ruinen sowie eine der Nacht. Mit Ausnahme zweier Szenen ist der Films ausschließlich bei Nacht gedreht, was den einzelnen Bildern des Film eine gewisse Härte gibt und die Emotionen der Figuren betont. Hierbei überwiegen Erschöpfung, Einsamkeit und Trauer, doch auch eine schon fast existenzielle Hilflosigkeit, die sich gerade in Vitalinas Dialogen mit dem von Ventura gespielten Pfarrer zeigt. Ohne sich in einem dokumentarischen Realismus zu verlieren, beschreibt Costa eine Art Kreislauf, der sich in diesem Milieu abspielt, doch zugleich ein großes Drama, welches in einem der vergessenen Teile der Gesellschaft erzählt wird.

Die Geschichten der Toten
Immer wieder unternimmt Vitalina den Versuch, mit dem Toten zu reden. Während man von draußen die Geräusche der Nacht hört, manchmal ein Weinen und bisweilen ein lautes Gespräch, richtet sie ihre Fragen an den Raum, hält ganze Monologe, die über ihr Leben Auskunft geben, nachdem sie von Joaquim verlassen wurde. Varela, die für ihre Darstellung bereits ausgezeichnet wurde, spielt sehr überzeugend den Schockzustand einer Frau, ihre hilflose Suche nach Antworten auf Fragen, die ihr schon sehr lange auf der Seele lasten. Die für Costa typischen langen Einstellungen heben hervor, wie sich die Figuren den Raum erschließen und die Verwundbarkeit ihres emotionalen Zustandes.

Credits

OT: „Vitalina Varela“
Land: Portugal
Jahr: 2019
Regie: Pedro Costa
Drehbuch: Pedro Costa, Vitalina Varela
Kamera: Leonardo Simões
Besetzung: Vitalina Varela, Ventura, Manual Tavares Almeida, Francisco Brito, Nilsa Fortes, Marina Alves Domingues

Bilder

Trailer

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Vitalina Varela
„Vitalina Varela“ ist ein düsteres, brillant gespieltes Drama Pedro Costas. Dem Regisseur gelingt eine oft sehr nachdenklich machende Geschichte über Trauer und über das hilflose Suchen nach Antworten, die man schließlich bei sich selbst oder in den Räumen des Verstorbenen zu finden hofft.
7von 10

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