Kritik

The Wave

„The Wave“ // Deutschland-Start: 27. August 2020 (DVD/Blu-ray)

Das war ein guter Tag! Zumindest dachte Frank (Justin Long) das, hat der Versicherungsanwalt seiner Firma doch jede Menge Geld gespart. Da sein Eheleben jedoch sehr viel weniger Grund zur Euphorie bietet, lässt er sich von seinem Kollegen Jeff (Donald Faison) überreden, gemeinsam einen drauf zu machen. Das bedeutet die Gesellschaft schöner Frauen, jede Menge Alkohol – und zum Ende auch eine Designerdroge, die ganz neue Erfahrungen verspricht. Tatsächlich werden diese Versprechen auch eingehalten, nur nicht ganz so wie erhofft: Nichts ist danach mehr so, wie es einmal war. Selbst Raum und Zeit scheinen keinen Bestand mehr zu haben, während Frank von einer seltsamen Situation in die nächste gerät …

Irgendwie tut es doch immer wieder gut, wenn man in Filmen Leute sieht, die im Laufe der Geschichte erkennen, dass vieles von dem, nach dem wir streben sollen, gar nicht wichtig ist, und sich stattdessen auf das konzentrieren, was wirklich zählt. Das bekannteste Beispiel hierfür ist sicherlich Charles Dickens’ Eine Weihnachtsgeschichte, in der ein alter Geizkragen mithilfe einiger sonderbarer Geister einen Läuterungsprozess mitmacht. Andere Werke verzichten vielleicht auf diese fantastische Komponente rund um übernatürliche Wesen. Meist haben sie dennoch etwas fast schon Märchenhaftes an sich, wenn zum Schluss alles gut ist, die Bösen bestraft oder bekehrt. All das, was man sich von der wirklichen Welt erhoffen würde, dort aber irgendwie nie passiert.

Der Kampf gegen das Klischee
Inwiefern sich Carl W. Lucas, der das Drehbuch für The Wave geschrieben hat, für diese wirkliche Welt interessiert, darüber kann man ausgiebig diskutieren. So richtig real wirkt der Film von Anfang an nicht, wenn die Figuren Klischees entsprechen, teilweise auch Karikaturen sind. Vor allem das berufliche Umfeld von Frank hält sich nicht groß damit auf, Nuancen oder Ambivalenz aufbauen zu wollen. In der Firma laufen lediglich die Versicherungshaie herum, welche dem Stereotyp des amoralischen Gierschlunds entsprechen, die zwar so tun, als würden ihnen Menschen und die Absicherung am Herzen liegen, im Zweifelsfall aber nur deren Geld wollen. Typische und hoffnungslose Antagonisten, die es in einem Film immer zu bestrafen gilt.

Frank selbst bleibt hingegen ein verwaschener Typ, bei dem nicht ganz klar ist, wer er nun sein soll. Einer, der sich herumschubsen lässt, tut, was er soll, dabei aber nicht weiter nachdenkt. Das ist als Charakter nicht sonderlich interessant, ist aber Teil des Plans. Wer so wenig Rückgrat hat, der ist leichter formbar. Außerdem ist Justin Long (Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall) ein solcher Sympathieträger, dass man seine Figur auch dann nicht ganz hassen kann, wenn er gerade eigentlich abscheulich ist. Zumal The Wave Frank die Chance geben wird, das alles doch anders zu machen. Das wird früh klar, größere Überraschungen gibt es in der Hinsicht nicht. Rein thematisch gesehen ist das hier doch recht geradlinig.

Ein lustiger Bilderrausch
Aber es ist ohnehin weniger die dünne Geschichte, welche Anlass gibt, sich The Wave anzuschauen. Viel interessanter ist, wie der Film das mit einem irren Drogentrip verbindet, der Zeit und Raum aushebelt. Frank kann plötzlich überall sein, ohne dass er genau wüsste warum, wenn er munter von Ort zu Ort, von Situation zu Situation springt. Der Spaß beim Film liegt darin zuzusehen, wie Long von Szene zu Szene stolpert, nichts mehr Sinn ergibt, seine Figur aber gleichzeitig darum kämpft, in allem einen Sinn zu finden. So findet er zwar Mechanismen, derer er sich bedienen kann. Doch damit wird das Ganze eher noch konfuser, was einen schönen Kontrast zu den bedeutungsschwangeren Aussagen der diversen Begegnungen steht, die alle das Gefühl geben, dass da deutlich mehr dahintersteckt – ohne aber zu sagen was.

Das ist manchmal recht lustig, The Wave kostet die Absurdität des Szenarios und der Sprünge aus. Auch visuell unterhält der Film ganz gut, gerade im späteren Verlauf, wenn zunehmend die Realität ein Relikt der Vergangenheit ist. So richtig spannend ist das Ergebnis zwar nicht, zumindest nicht in dem Sinne, den man bei einem Thriller erwarten darf. Aber man ist doch neugierig: Auch wenn relativ früh klar ist, worauf das alles inhaltlich hinauslaufen soll, die einzelnen Zwischenschritte sind so willkürlich, dass man schon gern wissen möchte, was als nächstes geschieht. Da der Film mit einer Laufzeit von rund anderthalb Stunden auch nicht überstrapaziert, darf man sich gerne von dieser Welle mitreißen und ein bisschen in dem andauernden Rausch treiben lassen.

Credits

OT: „The Wave“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Gille Klabin
Drehbuch: Carl W. Lucas
Musik: Eldad Guetta
Kamera: Aaron Grasso
Besetzung: Justin Long, Tommy Flanagan, Katia Winter, Donald Faison

Bilder

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4 (80%) 8 Artikel bewerten

The Wave
In „The Wave“ nimmt ein Versicherungsanwalt eine neue Droge und ist plötzlich in einem Trip durch Raum und Zeit gefangen. Das ist schön anzusehen, teilweise auch witzig und zudem mit Justin Long sympathisch besetzt. Inhaltlich sollte man aber nicht so wirklich viel erwarten, trotz einer behaupteten Tiefe ist die bunte Selbsterkenntnisreise eine recht oberflächliche.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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