Kritik

„The Fanatic“ // Deutschland-Start: 14. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Für den autistischen Moose (John Travolta) gibt es nur eins im Leben: Filme! Seine ganze Zeit verbringt er damit, sich irgendwelche Sachen anzuschauen. Vor allem liebt er es, seinen großen Idolen ganz nah zu sein und Andenken an sie zu sammeln. Als er erfährt, dass sein Held Hunter Dunbar (Devon Sawa), der in zahlreichen Actionfilmen mitgespielt hat, zum Signieren in einen Laden kommt, klingt das nach dem schönsten Tag in seinem Leben. Er hat sogar eine viel zu teure Jacke gekauft, die Hunter mal in einem Film getragen hat, in der Hoffnung, darauf ein Autogramm zu bekommen. Als der Schauspieler die Signierstunde jedoch abrupt abbricht, noch bevor Moose zum Zuge gekommen ist, setzt er sich in den Kopf, um jeden Preis doch noch sein Erinnerungsstück zu kriegen – was bald zu einer fatalen Eskalation führt …

Auch wenn man es zuweilen etwas vergisst: Das Wort „Fan“ leitet sich von „fanaticus“ ab, welches im Deutschen in „fanatisch“ weiterlebt. Anders als das Ursprungswort hat der Fan aber erst einmal keine negativen Konnotationen. Für etwas oder jemanden zu schwärmen, sei es nun ein Schauspieler, eine Band oder eine Sportmannschaft, das ist ja nichts Verkehrtes. Nun ist Fan nicht gleich Fan. Was für den einen nur ein Zeitvertreib ist, kann für den anderen quasi zu einer Religion werden, die alles andere überlagert. Ein Lebensinhalt, neben dem nicht viel anderes existiert.

Die Geschichte einer unerwiderten Liebe
Solche extremeren Auswüchse hatte wohl auch Fred Durst vor Augen, als er seinen inzwischen dritten Spielfilm The Fanatic inszenierte. Mag sein, dass er mit solchen Extremisten früher zu tun hatte, als er noch Sänger von Limp Bizkit war, die um die Jahrtausendwende zu den ganz Großen zählten. Um ein realistisches Porträt eines solchen Überfans handelt es sich hierbei jedoch weniger. Vielmehr nutzt er das Thema, um daraus einen typischen Stalkingthriller zu machen. Solche gibt es immer wieder mal, in den unterschiedlichsten Figurenkonstellationen. Oft geht es dabei um romantische bis sexuelle Gefühle wie etwa in der Hitserie You – Du wirst mich lieben. Hier ist es eben die Bewunderung für einen Schauspieler, die dazu führt, dass Grenzen überschritten werden.

Daraus hätte man durchaus etwas Interessantes machen können, gerade in einer Zeit, in der durch soziale Medien die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen nur noch schwer zu ziehen sind. Wie viel von einem Menschen, der in der Öffentlichkeit lebt, gehört dem Publikum? Wann gehe ich in dem durchaus nachvollziehbaren Wunsch, einem Idol nahezukommen, am Ende zu weit? Abgesehen von einer fragwürdigen App, welche es den Menschen erlaubt, die Häuser von Stars anzuschauen und zu finden, wird das Thema jedoch kaum bearbeitet. Auch die Diskrepanz zwischen einem Image der Stars und dem, wer sie wirklich sind, spielt in The Fanatic keine Rolle. Dafür erfährt man auch zu wenig von den Figuren.

Ein Witz von einem Film
Hunter hat familiäre Probleme, wie wir am Anfang sehen dürfen. Das war es aber auch schon. Schlimmer noch aber hat es Moose erwischt, der nicht nur einen lächerlichen Namen hat, sondern auch als Witzfigur gezeigt wird. Einen offensichtlich autistisch veranlagten Mann zu einem Psychopathen zu machen, zeugt eh schon nicht von dem größten Taktgefühl. Ihn dann auch noch in derart groteske Klamotten zu stecken und durch die Gegend torkeln zu lassen, hilft zudem nicht unbedingt dabei, ihn sonderlich ernst zu nehmen. Später wird das Ganze sogar noch derart überzogen, dass man sich insgeheim fragen darf, ob The Fanatic nicht eigentlich eine Satire sein sollte – vor allem bei den bedeutungsschwangeren Voice-overs, die so tun, als würde man hier gerade in wirkliche menschliche Abgründe schauen und etwas echt Tragisches sehen.

Eine tragische Gestalt ist dieser Moose sicherlich, zumindest will The Fanatic ihn als solche darstellen. Und John Travolta ist offensichtlich auch bereit, hier so richtig in die Vollen zu gehen, was ihm dieses Jahr die Goldene Himbeere als schlechtester Schauspieler einbrachte. Nun kann man sich über den Preis jedes Jahr streiten, inwiefern die Schmähauszeichnung tatsächlich mangelnde Qualität bestraft oder nicht doch mehr ein Publicity Gag ist. So oder so: Vergessen wird man die Darstellung des Schauspielers, der immerhin zweimal für den Oscar als bester Hauptdarsteller im Rennen war (Saturday Night Fever, Pulp Fiction) sicher nicht. Sie ist auch das Bemerkenswerteste an dem Thriller, der irgendwie mit dem eigenen Thema nichts anzufangen weiß. Spannend ist das Ergebnis weniger, kein Vergleich zum Duell in Misery, zum Nachdenken regt es ohnehin nicht an. Wenn überhaupt kann man sich den Film als unfreiwillig komische Kuriosität anschauen, in der wirklich niemand gut weg kommt.

Credits

OT: „The Fanatic“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Fred Durst
Drehbuch: Fred Durst, Dave Bekerman
Musik: Gary Hickeson, John Swihart
Kamera: Conrad W. Hall
Besetzung: John Travolta, Devon Sawa, Ana Golja

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Goldene Himbeere 2020 Schlechtester Film Nominierung
Schlechtester Hauptdarsteller John Travolta Sieg
Schlechteste Regie Fred Durst Nominierung

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The Fanatic
3.85 (76.92%) 13 Artikel bewerten

The Fanatic
„The Fanatic“ zeigt einen Mann, der von einem Schauspieler besessen ist und nach dessen Zurückweisung anfängt ihn zu stalken. Der Film schneidet dabei diverse interessante Themen an, interessiert sich selbst aber kaum dafür. Er ist auch nicht wirklich spannend, da die obligatorische Eskalation eher unfreiwillig komisch ist. Erinnerungswürdig ist allenfalls John Travoltas groteske Darstellung eines grenzenlosen Fans.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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