Kritik

The Cloud in Her Room Ta Fang Jian Li De Yun

„The Cloud in Her Room“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist ein kalter, nasser Winter in Hangzhou. Wie immer kommt die 22-jährige Muzi (Jin Jing) zum chinesischen Neujahr nach Hause, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, mit den geschiedenen Eltern und ihrer jüngeren Halb-Schwester. Ein solcher Besuch ist natürlich immer mit Erinnerungen verbunden. Dieses Jahr sogar noch ein bisschen mehr: Als sie ihre Schwester zur Schule begleitet, begegnet sie einem Mann, der sie an einen Ex-Freund erinnert, der eines Tages spurlos verschwand. Während sie darüber nachdenkt, kommen ihr die Bilder aus dieser Zeit wieder in Erinnerung. Aber es wird ihr auch bewusst, wie viel sich allgemein geändert hat, wie sehr sich die Welt weiterbewegt, die ihr nun vertraut und doch auch fremd vorkommt …

Das Gedächtnis ist schon eine komische Sache. Da wäre zum einen die Willkürlichkeit, welche Ereignisse darin gespeichert werden, während andere wieder verschwinden. Die Art und Weise, wie die Szenen und Gespräche, die darin aufbewahrt sind, sich verändern können, eine eigentlich statische Vergangenheit dem Wandel unterworfen ist. Faszinierend ist aber auch, wie alte Erinnerungen, von denen man gar nicht mehr wusste, dass man sie noch hat, spontan wieder da sind, oft ausgelöst durch völlig zusammenhanglose Situationen. Das berühmteste literarische Beispiel ist sicher Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, in dem der Autor durch den Biss in ein Gebäck sich in seine Kindheit zurückversetzt fühlt.

Zwischen gestern und heute
In The Cloud in Her Room ist es der Besuch der alten Heimat, der die Protagonistin dazu zwingt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, diese und die Gegenwart irgendwie in Einklang zu bringen. Das ist nicht ganz so wortgewaltig wie bei der französischen Romanreihe. Stattdessen verlässt sich Regisseurin und Drehbuchautorin Zheng Lu Xinyuan auf die Kraft der Bilder, um ihre Geschichte zu erzählen. Wobei man in diesem Fall Geschichte nicht mit einem roten Faden gleichsetzen sollte. Vielmehr besteht der Film aus einer losen Aneinanderreihung von Szenen, die sich mit der Gegenwart beschäftigen, dem, wie es früher einmal war, oft auch mit dem Wandel.

Eine Konstante ist dabei das Thema der Beziehung. Mal denkt Muzi über ihren früheren Freund nach, von dem sie bis heute nicht weiß, was er für sie empfunden hat. Damit einher geht zumindest implizit: Was wäre gewesen wenn? Ein anderes Beispiel sind ihre Eltern, die sich vor Jahren haben scheiden lassen und nun unabhängige Leben führen. Immer wieder kehrt die junge Frau zu den Orten von einst wieder, lässt deren Atmosphäre auf sich wirken, versucht etwas zu greifen, das schon längst nicht mehr da ist. The Cloud in Her Room ist dabei aber nicht allein nostalgisch, trauert unbedingt der Vergangenheit nach. Vielmehr zeigt der Film, wie ein Mensch versucht, aus allem schlau zu werden und dabei irgendwie auch einen Platz für sich selbst zu finden.

Alles verkehrt herum
Dieses Gefühl der Desorientierung überträgt sich auch auf das Publikum. Das liegt nicht allein an der fragmentarischen Erzählweise, die nur wenig Möglichkeiten gibt, sich jemals ganz in der Geschichte wiederzufinden. Es liegt auch maßgeblich an den vielen Verfremdungen, welche die Filmemacherin hier so einbaut. Während die ersten Bilder aufgrund der fehlenden Farbe zwar auffallen, aber doch ihre Entsprechungen haben – Schwarzweiß-Filme werden schließlich immer mal wieder gedreht –, experimentieren sie und der belgische Kameramann Matthias Delvaux (Old Beast) später kräftig. Des Öfteren werden die Aufnahmen ins Negative verkehrt, wenn dunkel zu hell wird und umgekehrt. Die sonderbarste Sequenz ist jedoch die, die in einem Schwimmbad aufgenommen wurde und Muzi durch einen Trick als über dem Wasser schwebend zeigt.

Das ist visuell sehr spannend. Der Film, der auf dem International Film Festival Rotterdam 2020 Premiere hatte, ist allein schon für seine Experimentierfreude sehenswert. Er beschränkt sich damit aber auch auf ein reines Arthouse- bzw. Festival-Publikum. Während die Themen, die hier verhandelt werden, sehr universal sind und eigentlich dafür geeignet, eine breitere Masse anzusprechen, schafft The Cloud in Her Room eine größere Distanz zwischen den Figuren und den Zuschauern und Zuschauerinnen. Bittersüße Wohlfühlmomente, wie man sie in thematisch ähnlichen Tragikomödien gerne mal findet, sind hier nicht vorgesehen. Wer diese gar nicht braucht, sondern einen etwas anderen Zugang zu einem bekannten Thema sehen möchte, der sollte sich dieses nachdenkliche und kunstvolle Drama einmal anschauen, das gleichzeitig die Vergangenheit sucht und mit dieser bricht.

Credits

OT: „Ta Fang Jian Li De Yun“
Land: Hongkong, China
Jahr: 2020
Regie: Xinyuan Zheng Lu
Drehbuch: Xinyuan Zheng Lu
Musik: Tseng Yun-Fang
Kamera: Matthias Delvaux
Besetzung: Jin Jing, Dan Liu, Zhou Chen, Ye Hongming, Dong Kangning, Liang Cuishan, Wang Ruiwen

Bilder

Trailer

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The Cloud in Her Room
In „The Cloud in Her Room“ kehrt eine junge Frau für das Neujahrsfest in ihre alte Heimat zurück, trifft ihre Familie und muss sich dabei mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Thematisch ist das bekannt, dafür aber ungewöhnlich umgesetzt: Das Drama verwendet eine fragmentarische Erzählweise und sorgt auch durch die visuellen Experimente für interessante Verfremdungseffekte.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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