Kritik

Madame Hyde

„Madame Hyde“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Madame Géquil (Isabelle Huppert) hat es echt nicht leider bei der Arbeit. Die Physiklehrerin wird von ihrem eigenen Schulleiter (Romain Duris) verspottet, auch die Kollegen nehmen sie nicht sonderlich ernst. Am schlimmsten ist für sie jedoch, dass die im Unterricht nichts auf die Reihe bekommt. Das liegt jedoch weniger an einem fehlenden Fachwissen. Vielmehr ist es ihr Durchsetzungsvermögen, das zu wünschen übrig lässt. Vor allem ihr Schüler Malik (Adda Senani), der aufgrund seiner Gehbehinderung kaum Anschluss findet, nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um den Unterricht zu stören und die Klasse gegen die Lehrerin aufzuhetzen. Doch dann wird Géquil eines Tages von einem Blitz getroffen und entdeckt dadurch völlig neue Kräfte in sich …

Der Titel deutet es bereits an, später wird es auch explizit erwähnt: Madame Hyde nimmt natürlich Bezug auf Robert Louis Stevensons berühmten Roman Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, in dem ein Wissenschaftler aufgrund eines Experiments die böse Seite in sich weckt und diese nun unabhängig von ihm sein Unwesen treibt. Die Geschichte ist so bekannt, dass man nicht einmal das Buch gelesen oder eine der zahlreichen Adaptionen gesehen haben muss, um sie zumindest in Ansätzen zu kennen. Jekyll und Hyde wurde im Laufe der Zeit zu einem Synonym für gespaltene Persönlichkeiten, aber auch den Widerspruch zwischen äußerer Fassade und dem Inneren, zwischen der Normalität, die wir von außen sehen und den Abgründen, die sich dahinter befinden.

Eine ungewohnte Schwäche
Das bringt im Fall von Madame Hyde natürlich gewisse Erwartungen mit sich, umso mehr, da Isabelle Huppert die Hauptrolle spielt. Und niemand sonst steht wohl wie die Französin für unterkühlte, distanzierte Figuren, die auch ziemliche Abgründe in sich tragen können – siehe etwa Elle oder Greta. Es geht daher schon mit einer gewissen Verwunderung einher, wenn wir sie zu Beginn des Films so unerwartet unterwürfig sehen, so schwach und hilflos. Eine Frau, die unentwegt von anderen durch die Gegend geschubst wird und die Hilfe ihres Mannes braucht, um anschließend wieder auf die Beine zu kommen. Gut gespielt ist das natürlich, das geht bei der Actrice auch gar nicht anders. Zudem erhöht das die Fallhöhe, wenn sich die unscheinbare Géquil – ausgesprochen klingt das wie Jekyll – später in ihr Gegenstück verwandeln darf.

Doch Madame Hyde tut einem diesen Gefallen nicht. Regisseur und Co-Autor Serge Bozon erzählt zwar schon die Geschichte einer wundersamen Verwandlung. Es gibt sie auch, die Momente, in denen Hyde, nun mit sonderbaren Kräften ausgestattet, diese zu nicht gerade menschenfreundlichen Zwecken einsetzt. Mit dem Horror, den man mit der Vorlage in Verbindung bringt, hat dies jedoch nichts zu tun. Auch wegen der kuriosen Spezialeffekte, die in diesen Szenen zum Vorschau kommen, ist der Film einer Komödie deutlich näher, wenn auch einer schwarzen Komödie. Zumal sich vorher schon Humor findet, beispielsweise wenn Romain Duris (L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr) einen selbstverliebten Schulleiter mit eigenwilligem Kleidungsstil spielt.

Zwischen schwarzem Humor und Tragik
Und doch ist Madame Hyde, das auf dem Locarno Film Festival 2017 Premiere hatte und dort auch ausgezeichnet wurde, eben keine reine Komödie. Immer wieder schleichen sich ernste Themen in den Film, seien es die erwartbaren Ausführungen zur Schule oder auch Rassismus und Klassenunterschiede. Géquil ist ebenso wie Malik, der nur als pöbelnder Klassenclown Beachtung findet, eine tragische Figur, für die es auf der Welt keinen Platz gibt. Beide sind sie auch von einer Sehnsucht getrieben, Malik etwa durch die Rap-Musik, welche ihm das Gefühl gibt, endlich einmal selbst lebendig zu sein. Bozon hat also auch einen Film über Selbstbehauptung gedreht, der schon irgendwie zu Herzen geht.

Nur ist er an der Stelle nicht konsequent, so wie dem Film allgemein eine klar zu erkennende Richtung fehlt. Es gibt mal hier etwas Komisches, dort etwas Ernstes, da wird vom Realistischen zum Fantastischen gesprungen, ohne dass daraus eine Linie würde. Es ist nicht einmal so, dass Bozon das Ganze mit einer Aussage verbinden würde. Wobei der Mix gerade aufgrund seiner konfusen Art und diffusen Unschärfe  seinen Reiz hat. Es hätte so viele naheliegende Möglichkeiten gegeben, was man aus dem Stoff hätte machen können. Doch Madame Hyde verweigert sich sämtlicher dieser Möglichkeiten und macht etwas Eigenes, etwas betont Eigenartiges daraus, das nie sein Potenzial nutzt – so wie Malik –, es aber vielleicht auch gar nicht will.

Credits

OT: „Madame Hyde“
Land: Belgien, Frankreich
Jahr: 2017
Regie: Serge Bozon
Drehbuch: Axelle Ropert, Serge Bozon
Vorlage: Robert Louis Stevenson
Musik: Benjamin Esdraffo
Kamera: Céline Bozon
Besetzung: Isabelle Huppert, Romain Duris, José Garcia, Adda Senani, Guillaume Verdier

Bilder

Trailer

Filmfeste

Locarno Film Festival 2017
Französische Filmtage Tübingen-Stuttgart 2017
International Film Festival Rotterdam 2018

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Madame Hyde
„Madame Hyde“ weckt die Erwartung, eine weibliche Fassung von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ zu sein, ist stattdessen aber ein sonderbarer Genremix irgendwo zwischen Drama, schwarzer Komödie und Fantasy. Das hat seinen eigenen Reiz, zumal Huppert wie immer sehenswert ist, bleibt aufgrund der diffusen Unschärfe jedoch unter den offensichtlichen Möglichkeiten.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: das einzige was an diesem Film interessant ist, ist die sprachliche Annäherung an den Titel von R.L. Stephenson ‘Dr. Jekyll & Mr. Hyde‘, der seit den 30er Jahren über die Leinwände flimmert.
    Inhaltlich hat diese Madame Hyde hier aber mit der Stephenson Verfilmung soviel zu tun wie Apfel mit Apfelsine.
    Selbst als groteske Farce weiß man nicht, ob es die hundertste Adaption zum Thema Schule sein soll: Schüler-Lehrer Problematik, wobei am Ende aus Bengeln Engel werden oder eine sozialkritische Auseinandersetzung, mit dem Thema: bildungsferne oder wie hier behinderte Schüler haben es doppelt so schwer?
    Wenn man sich nicht entscheiden kann, lass doch mal die Fantasy ran. Die Physiklehrerin Madame Géquil (Aussprache ähnelt Jekyll) ist der Witz der Schule: keiner mag sie, alle verarschen sie und sie leidet darunter. Bis sie der Blitz trifft. Jetzt läuft sie als buchstäblich ‘strahlende Erscheinung‘ durch die Gegend (nur wenn‘s passt!). Sie berührt manchen und bringt ihm den Tod oder schwere Verbrennungen, bricht mehrmals zusammen und schwadroniert ewig lange über Phänomene der Physik. Sie bekommt einen Orden!? Wird verhaftet…etc. Trotz der kunterbunten Folge wird es zusehends langatmiger und zäh. Das Ende ist eine Lobrede auf Madame. Auf dem Film oder seinen Regisseur Serge Bozon kann es ja wohl kaum so etwas geben. Er hat alles zusammengetragen, was ihm zum Thema Schule so einfiel: Kollegen und Direktoren-Schelte, Referendar in ihrer Ausbildung, der noch schlimmer dran ist als Madame, Lehrproben etc.
    Mein Nachbar hätte gesagt: Sinnfreie Verarsche der Zuschauer. Ein Film, den die Welt nicht braucht.

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