Kritik

Gott du kannst ein Arsch sein

„Gott, du kannst ein Arsch sein!“ // Deutschland-Start: 1. Oktober 2020 (Kino)

Der Schock ist groß bei Steffi (Sinje Irslinger): Gerade erst hat sie den Abschluss gemacht, bereitet sich auf ihre Ausbildung bei der Polizei vor und plant zudem auf der kommenden Abschlussfahrt nach Paris endlich ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Doch dann kommt es anders, ganz anders. Bei der Routineuntersuchung erfährt die 16-Jährige, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Selbst im besten Fall bleiben ihr nur noch wenige Monate. Während ihre Eltern Frank (Til Schweiger) und Eva (Heike Makatsch) darauf drängen, dass sie sich sofort in Behandlung begibt, ist die Jugendliche hin und her gerissen, was sie mit ihrer verbliebenen Zeit noch anfangen soll. Bis sie auf Steve (Max Hubacher) trifft, der in einem Wanderzirkus Motorrad fährt und sie dazu überredet, gemeinsam doch noch nach Paris zu reisen …

Es hat immer eine ganz eigene Tragik, wenn junge Menschen unheilbar erkranken, ihr Leben schon vorbei sein soll, noch bevor es wirklich angefangen hat. Nicht wenige Filme und Serien nahmen ein solches Szenario, um das Publikum zu Tränen zu rühren, vielleicht auch darüber nachdenken zu lassen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Ob nun die Hollywood-Varianten Das Schicksal ist ein mieser Verräter und Drei Schritte zu dir oder die deutschen Pendants Dem Horizont so nah oder Club der roten Bänder, an herzzerreißenden Geschichten mangelte es nicht gerade. Umso mehr, da der nahende Tod oft mit einer jungen Liebe verbunden wurde, der nun keine Zukunft mehr vergönnt ist.

Eine bekannte Reise
Jetzt gibt es mit Gott, du kannst ein Arsch sein! neuen Stoff für die Fans solcher Geschichten, zumindest teilweise. Der Titel an sich dürfte vielen bereits geläufig sein, war das zugrundeliegende Buch von Frank Pape doch durchaus erfolgreich. Um eine tatsächliche Adaption eben dieses Buches handelt es sich hierbei jedoch nicht. Während Pape dort die letzten Monate seiner früh verstorbenen Tochter Steffi festhielt, die ihren frühen Lebensabend auf einem Reiterhof verbrachte, macht der Film daraus einen Roadmovie, der nicht mit Humor und Romantik spart. Aus einer Beschäftigung mit dem eigenen Tod machte man bei der Verfilmung ein Wohlfühlabenteuer, das dem Publikum ein paar schöne Aphorismen mit auf den weiteren Lebensweg geben soll.

Nun kann man sich in so einem Film immer fragen, ob eine derart freie Interpretation eines Buches eine so gute Idee ist – sowohl im Hinblick auf die ethische Dimension wie auch die ursprünglichen Leser, die eigentlich was anderes erwarten durften. Doch selbst wenn man sich nicht an dem Prinzip an sich stoßen sollte, ist es eine ziemliche Verschwendung, zum Zwecke der Vermarktung eine derartige 08/15-Geschichte daraus zu machen. Denn mehr als das ist Gott, du kannst ein Arsch sein! nicht. Dass aus den anfangs so konträren jungen Menschen ein Paar wird, ist ebenso obligatorisch wie die innere Wandlung der Eltern. Alles passiert hier so, wie es immer in solchen Filmen passiert, ohne Mut, ohne Charakter, ohne die Ambition, etwas zu erzählen, das in irgendeiner Form authentisch und lebendig ist. Selbst das, was hier als große Erkenntnis verkaufen werden soll, ist so genormt und standardisiert, dass man sich stattdessen auch ein paar Glückskekse kaufen kann. Die haben in etwa ebenso viel Inhalt.

Bemühter Humor, rührendes Paar
Hin und wieder versuchen Regisseur André Erkau (Das Leben ist nichts für Feiglinge) und sein Drehbuchteam bei Gott, du kannst ein Arsch sein! schon, auch mal ein bisschen aus dem Trott zu kommen, kleine Pointen oder Besonderheiten zu liefern, die stärker in Erinnerung bleiben. Das gilt insbesondere für den Humor, der gerne mal etwas knalliger werden darf. Allerdings wird es dann auch wieder schnell ziemlich bemüht. Wenn in einem Gastauftritt der gleich zum Auftakt gezeigte Benno Fürmann einen cholerischen Brutalo-Tankwart spielt, soll das vermutlich Lacher provozieren. Aber er wirkt wie so manches in dem episodenhaften Film wie ein Fremdkörper. Das Produkt eines Konsortiums, das irgendwie alles reinhauen wollte, was Leuten gefallen könnte, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen, was das aus dem Film macht.

Am besten ist der Mischmasch dann, wenn er sich völlig auf die Figuren konzentriert und das Ensemble einfach mal machen lässt. Vor allem die Paarung von Sinje Irslinger und Max Hubacher (Mario) hilft dem Film ungemein: Die beiden überzeugen sowohl in den krawalligeren Momenten wie auch den leisen, wenn sich ihre Figuren mit ihren Träumen, Sehnsüchten und Ängsten auseinandersetzen. Leider fehlt Gott, du kannst ein Arsch sein! aber der Mut, auch wirklich da mal zu vertrauen. Zu oft kommt es vor, dass die Szenen, wenn es denn interessanter wird, wieder durch einen billigen Witz oder die dauerbeschallende Musik erstickt wird. Wen das bei den vergleichbaren Filmen nicht stört, sondern einfach nur ein schönes Paar sehen will, dazu Anflüge von Emotionalität, ohne sich mit der Hässlichkeit des Todes befassen zu müssen, der kommt auf seine Kosten. Das Ergebnis wird aber weder dem Schicksal noch dem Ensemble wirklich gerecht.

Credits

OT: „Gott, du kannst ein Arsch sein!“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: André Erkau
Drehbuch: Tommy Wosch, Katja Kittendorf
Vorlage: Frank Pape
Musik: Michael Regner
Kamera: Torsten Breuer
Besetzung: Sinje Irslinger, Max Hubacher, Til Schweiger, Heike Makatsch, Nuala Bauch, Jonas Holdenrieder, Jürgen Vogel

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Gott, du kannst ein Arsch sein!
3.92 (78.33%) 12 Artikel bewerten

Gott, du kannst ein Arsch sein!
In „Gott, du kannst ein Arsch sein!“ erfährt eine Jugendliche, dass sie unheilbar krank ist, und reist daraufhin mit einem Zirkusfahrer nach Paris. Der Film hält sich nur marginal an das zugrundeliegende, erfolgreiche Buch, sondern macht aus dem Stoff einen 08/15-Roadmovie, der allenfalls durch den angestrengten Humor auffällt. Dank des Ensembles kann man sich das immer noch anschauen, tatsächlichen Tiefsinn sollte man sich von dem mutlosen Mix aber nicht erwarten.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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