Kritik

City Hall

„City Hall“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Gerade in der heutigen Zeit, in der man anhand der Corona-Epidemie wieder einmal den Einfluss der Politik auf unser Leben allzeit spürt, gerät speziell dieser Aspekt immer stärker in den Fokus von Protesten und in die Kritik. Doch bereits vor der Pandemie gab es eine Vielzahl von Ereignissen, die in den Köpfen vieler Menschen das Bild betonten von einer Politik, die sich immer mehr von den Bedürfnissen der Bürger distanziert und immer mehr in die eigene Tasche wirtschaftet. Die Tatsache, welche Herausforderung ein politisches Amt mit sich bringt, wenn man es mit großem Ernst und Engagement angeht, wird oft außen vor gelassen, was nicht zuletzt auch der intransparenten Praxis des Politikbetriebs geschuldet ist. Bedenkt man alleine, wie oft in Deutschland Bürgermeister über Burnout klagen oder Gemeinden gar ohne einen auskommen müssen, ist dies vielleicht ein Symptom eines Berufsfelds, welches sich nicht nur ständig ändert, sondern mehr denn je mit Sachverhalten konfrontiert wird, die es kommunal aufzufangen gilt.

Die Idee der Stadtverwaltung mit all ihren diversen Ämtern, Aufgaben und Repräsentanten ist nicht nur ein Sinnbild für den modernen Politikbetrieb, sondern des Raums Stadt, seiner Gegenwart wie auch seiner potenziellen Zukunft. Dies steht im Zentrum der neuen Dokumentation City Hall des US-amerikanischen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman, die nun im Rahmen des Filmfests Hamburg gezeigt wird. Vom Herbst 2018 bis zum Winter 2019 begleitete Wisemans Team die Repräsentanten der Stadt Boston, Massachusetts, insbesondere Bürgermeister Marty Walsh, und beleuchtet diverse Aspekte deren Arbeit, von diversen Treffen mit Geschäftsleuten oder einer Präsentation des Haushaltsbudgets bis hin zu Beamten, die Bürgern direkt helfen, beispielsweise im Standesamt oder bei der Insolvenzberatung.

Dialog und Verhandlung
Wie bereits in seinem vorherigen Werk Ex Libris – Die Public Library von New Yorks geht Frederick Wiseman auch in seiner neuen Dokumentation ins Detail, wenn er seinen Gegenstand erkundet. Ähnlich der diversen Aktivitäten und Angebote der New York Public Library zeigt Wiseman nicht nur die diversen Facetten, sondern auch die Bedeutung der Institution für das soziale Miteinander. In über viereinhalb Stunden deckt sein Film eine Vielzahl an Themen ab, vom Klimawandel bis hin zum Umgang mit der demokratiefeindlichen Politik eines Donald Trump, auf die Walsh und seine Mitarbeiter Antworten finden müssen. Zentral sind dabei der ständige Dialog und die Bereitschaft zur Verhandlung, die immer wieder, egal, in welchem Kontext, eine Rolle spielen innerhalb der Dokumentation.

Ohne City Hall zu einer Art Imagefilm für Marty Walsh oder die Stadtverwaltung Bostons  zu machen, zeigt Wisemans Dokumentation doch eine erfreulich andere Auffassung von Politik als die, welche man gerade vom derzeitigen US-Präsidenten gewohnt ist. Umsichtig, selbstkritisch und auf Transparenz bedacht stellt sich Wisemans Gegenstand dar, zeigt die Politiker in ihren diversen Funktionen und Rollen. Diverse Impressionen des Stadtbildes verdeutlichen den Bezug dieser Entscheidungen und Treffen, betonen, für wen hier Politik gemacht wird. Dies ist die zentrale Bedeutung eines Films wie City Hall und warum sich gerade Politikinteressierte und Politiker an sich diese erhellende Dokumentation unbedingt anschauen sollten.

Credits

OT: „City Hall“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Frederick Wiseman
Kamera: John Davey

Trailer

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City Hall
„City Hall“ ist eine umsichtige und informative Dokumentation über die Herausforderungen moderner Städtepolitik. Frederick Wiseman geht auf die Suche nach demokratischen Tugenden und Transparenz und findet sie in seinen Bildern sowie den Menschen, die er trifft. „City Hall“ ist eine wichtige Dokumentation, die zu unterhalten weiß und auf die komplexen Zusammenhänge heutiger Politik verweist.
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