Kritik

Dylda Bohnenstange Beanpole

„Bohnenstange“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Kino)

Iya (Viktoria Miroshnichenko) und Masha (Vasilia Perelygina), zwei Frauen die vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet sind, versuchen 1945 zurück in Leningrad gemeinsam den Weg in ein normales Leben zu finden. Doch die seelischen Narben wiegen schwer und stellen die Frauen vor Herausforderungen, die es kaum möglich machen, den Krieg zu verarbeiten oder zu vergessen.

2019 bereits in Cannes für die Beste Regie in der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet und wenig später auch als russischer Oscarkandidat ins Rennen geschickt, ist Bohnenstange der zweite Film des 29-jährigen Kantemir Balagov, der inspiriert von dem Dokumentarroman Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (1985) ein eindringliches, bewegendes und ebenso faszinierendes Nachkriegsdrama aus Sicht der beteiligten Frauen für die Leinwand erschuf. Der Titel des Film beschreibt dabei nicht nur die in der Größe alle überragende Hauptfigur Iya, sondern nimmt aus der Bedeutung des russischen Titels Dylda heraus vielmehr Bezug auf die Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit, nach der Zerstörung und mit dem immer noch tief sitzenden Schmerz sowie nicht verheilten unsichtbaren Wunden ein neues, normales Leben in der alten Heimat aufbauen zu müssen.

Balagov verarbeitet mit dem Film ein Stück russische Geschichte, für (s)eine Generation, die den Krieg nicht kennt, aber die Auswirkungen, wenngleich auch größtenteils unbewusst noch deutlich spürt.

Die Spuren des Krieges
1945. Es ist Herbst in Leningrad und ein gequältes Schnappen nach Luft und ein alle anderen Geräusche dämpfendes Pfeifen eröffnet bei noch schwarzem Bild den Film. Kurz darauf blicken wir auf Iya, die junge Frau wirkt versteinert, die Augen leer und zu keiner Handlung mehr fähig. Die schlanke, fast schlaksig wirkende hoch gewachsene Frau leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und Balagov zeigt sogleich sehr deutlich, welche Spuren die Kriegserfahrung hinterlassen hat. Es sind dabei unsichtbare Narben, die die junge Frau davon getragen hat. Ebenso wie Masha, die sogar bis an die Front nach Berlin zog und jetzt mit starken Erschöpfungszuständen zu kämpfen hat. Selbst leichte Aufgaben setzten der kleineren rothaarigen Frau zu, die zu Iya gegensätzlicher nicht sein könnte.

Der Regisseur setzt dabei nicht nur auf die äußerlichen Unterschiede der beiden Frauen, die nach Kriegsende nun zusammen in einem kleinen Zimmer wohnen, in dem die verschiedenen Schichten Tapete noch eine ganz andere eigene Geschichte zu erzählen haben, sondern auch auf eine kontrastierende Farbgebung, die den gesamten Film dominieren wird. Masha wird dabei zumeist mit der Farbe Rot in Verbindung gebracht. Eine Farbe, die für das Trauma steht und zugleich auch die kompromisslose Kämpfernatur, die ihr innewohnt und zu Tage tritt, als sie mehrmals mit starren unausweichlichem Blick von Rache spricht, aber auch von dem Entschluss ein Kind haben zu wollen, das sie „heilen“ wird.

Die Grenzen der seelischen Belastbarkeit
Dass Masha nämlich davor, in einer sehr markanten und zudem erschütterndsten Szene überhaupt, ihren kleinen Sohn verliert, stellt die sensible und aus dem Gleichgewicht geratenen Freundschaft (und auch zaghafte Liebe) der Frauen auf eine harte Probe und bringt die beiden im Verlauf auch mehrfach an ihre Grenzen der seelischen Belastbarkeit. Iya hingegen, oft in Grün gehüllt, wird zur zaghaften Symbolik für Hoffnung und Leben. Für die Geschichte und vor allem für Masha damit gar eine Art Schlüsselfigur in Hinblick auf den Kinderwunsch. Sie wird damit allerdings vor eine Herausforderung gestellt, die möglicherweise ganz neue Traumata verursachen wird.

Bagalov besetzt die Charaktere ganz bewusst mit durchdringenden Farben und legt über seine Szenerie zudem noch einen schweres verwaschenes Gelb, das stellvertretend für die Instabilität des Geistes stehen kann, das Geschehen gleichzeitig aber auch in eine tiefe Erschöpfung und Kraftlosigkeit taucht, die für das Publikum auch in Kombination mit dem gezügelten Erzähltempo damit förmlich greifbar wird. Der junge Regisseur zeichnet dabei mit Hilfe seiner beiden Hauptdarstellerinnen, die mit Bohnenstange ein überragendes Leinwanddebüt geben, ein berührendes, zerbrechliches Porträt der Nachkriegszeit und deren Frauen, die viel zu oft ein Schattendasein fristen und in der Geschichte vergessen werden.

Credits

OT: „Dylda“
Land: Russland
Jahr: 2019
Regie: Kantemir Balagov
Drehbuch: Kantemir Balagov, Aleksandr Terekhov
Musik: Jeff Genie
Kamera: Kseniya Sereda
Besetzung: Viktoria Miroshnichenko, Vasilia Perelygina, Andrey Bykov, Igor Shirokov, Konstantin Balakirev, Timofey Glazkov

Bilder

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Bohnenstange
4.06 (81.11%) 18 Artikel bewerten

Bohnenstange
„Bohnenstange“ ist ein sensibler Film, der beeindruckt, berührt und einen mehrfach sprachlos zurücklässt. Dem Regisseur ist, trotz erschütternder Momente ein wunderschöner Film über die Zerbrechlichkeit der Seele gelungen, bei dem Verzweiflung und Hoffnung ganz nah bei einander liegen und das Kriegsende ganz neue Kämpfe entfacht.
9von 10

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