Kritik

Blood Quantum

„Blood Quantum“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Im Jahre 1981 ereignen sich auf dem Reservat der Red Crow-Indianer einige seltsame Ereignisse. Eigentliche tote Tiere, wie ein bereits ausgenommener Fisch und ein Hund, erwachen plötzlich wieder zum Leben und greifen die Menschen um sich an. Als wären dies nicht schon genug Probleme, muss sich Sheriff Traylor (Michael Greyeyes) auch noch um seinen Sohn Joseph (Forrest Goodluck) kümmern, der abermals mit seinem Halbbruder Lysol (Kiowa Gordon) von der Polizei verhaftet wurde. Während Traylor zum Gefängnis fährt, geht Taylors Ex-Frau Joss (Elle-Máijá Tailfeathers) ihrer Arbeit als Krankenschwester nach, die alles andere als normal verläuft an diesem Tag, denn es werden immer mehr Menschen mit Bissverletzungen eingeliefert, von denen viele wiederum aggressiv werden und die Ärzte angreifen. Bevor die Lage endgültig außer Kontrolle gerät, gelingt es Traylor, Lysol und Joseph Joss von dort abzuholen über die Brücke zurück zum Reservat zu gelangen. Sechs Monate später hat die Zombie-Epidemie das ganze Land überrollt und das Reservat wurde zu einer Festung umgebaut. Da die Ureinwohner auf seltsame Weise immun gegen das Virus sind und sich auch nach einem Zombiebiss nicht in einen Untoten verwandeln, versuchen viele Überlebende bei ihnen Unterschlupf zu finden, was in letzter Zeit immer wieder zu Disputen innerhalb der Gemeinde geführt hat. Während Lysol dafür ist „unter sich“ zu bleiben, konzentrieren sich Traylor, Joss und Joseph aufs das Überleben der Gemeinde, was täglich schwieriger wird. Als Traylor und einige andere auf der Suche nach Nahrungsmitteln und Munition das Reservat verlassen, beginnt Lysol mit der Umsetzung seines Plans, der die Zahl der Neuankömmlinge drastisch reduzieren soll.

Das reine Blut
In seinem zweiten Spielfilm bezieht sich Regisseur Jeff Barnaby, der außerdem das Drehbuch schrieb und bei der Filmmusik mitwirkte, auf die „blood quantum“-Gesetze, nach denen in den Vereinigten Staaten die Ahnenschaft eines Ureinwohners bestimmt wurde. Barnaby, der selbst Angehöriger der Mi’gmaq ist, behandelte bereits in seinem ersten Spielfilm Rhymes for Young Ghouls die problematische Beziehung der Ureinwohner zu der restlichen Bevölkerung. Blood Quantum ist, nach seiner Aussage, ein Kommentar zum Erbe des Kolonialismus, ein Genrefilm, dessen Geschichte Themen wie Reinheit und Abstammung behandelt.

Im Kontext der Einwanderungspolitik unter Präsident Trump sowie dem Abschotten des Landes erhält ein Film wie Blood Quantum eine gewisse Brisanz und Aktualität. Immer wieder ist in der Geschichte von dem Konzept des „reinen Blutes“ die Rede, welches einen Menschen oder in diesem Fall einen Stamm auserwählt macht. Für manche resultiert daraus ein Alleinstellungsmerkmal, für andere ist es vielmehr ein Zeichen, dass die Ureinwohner in Gottes Plan einfach keine Rolle mehr gespielt haben, sodass er sie einfach vergessen hat. So ist es an ihnen, der Welt bei der allmählichen Auflösung zuzusehen, bei den ersten Schritten zurück in einen Urzustand, in dem Abstammung, Hautfarbe und Ideologie unwichtig sind.

Das Konzept des Blutes führt zu Rivalitäten und zur Eskalation. Dies gilt nicht nur für die immunen Ureinwohner und die „unreinen“ Überlebenden, sondern auch in anderer Hinsicht, beispielsweise für das Verhältnis von Lysol und Joseph, wobei sich Ersterer als minderwertig empfindet, da er im Gegensatz zu seinem Halbbruder keine Mutter mehr hat. Aus diesen Gefühlen entsteht Hass und entspringt die Gefahr für die Gemeinschaft.

Das Scheitern der Gemeinschaft
Wie in so vielen Vertretern des Zombiefilms steht das Scheitern der Gemeinschaft im Zentrum der Handlung. Das mittlerweile abgeschottete Reservat wird zu einer Gesellschaft im Kleinformat, innerhalb derer sich die ansonsten an die Randbezirke abgeschobenen Ureinwohner in einer ungewohnten Rolle wiederfinden, sind sie doch nun diejenigen, die bestimmen dürfen, wer in ihre Gemeinschaft aufgenommen werden darf und wer nicht. Früh ahnt man, dass dies nicht nur zum Wiedererwachen bestimmter Ressentiments führt, sondern auch zu einer Bewegung hin zu Vergangenheit, in der diese das ganze Land für sich beansprucht haben, dem Beginn einer Diktatur der Gewalt und der Grundstein für den Untergang.

Vor allem auf diese thematischen Aspekte konzentriert sich Barnabys Skript, welches das Genre in erste Linie als Plattform nutzt für eine zutiefst pessimistische Sicht auf die Welt, gerade aus gesellschaftlich-politischer Perspektive. Dies ist zugleich Segen wie auch Fluch der Geschichte, denn diese wirkt bisweilen allzu überladen und funktioniert dann besonders gut, wenn sie sich auf die Grundprinzipien des Genres, beispielsweise die Effekte, konzentriert.

Credits

OT: „Blood Quantum“
Land: Kanada
Jahr: 2019
Regie: Jeff Barnaby
Drehbuch: Jeff Barnaby
Musik: Jeff Barnaby, Joe Barrucco
Kamera: Michel St-Martin
Besetzung: Michael Greyeyes, Elle-Máijá Tailfeathers, Forrest Goodluck, Kiowa Gordon, Olivia Scriven, Stonehorse Lone Goeman, Gary Farmer

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Blood Quantum
3.95 (79%) 20 Artikel bewerten

Blood Quantum
„Blood Quantum“ ist ein Zombie-Horrorfilm, der mit vielen sehr provokanten Thesen daherkommt. Außerhalb der recht derben Effekte verhandelt Jeff Barnaby Konzepte wie Blutsverwandtschaft und Einwanderungsgesellschaft, was seine Geschichte etwas überladen und bemüht wirken lässt.
6von 10

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