Kritik

Die Aussicht auf die Mauer, die Pälestina von Israel trennt, ist für Mustafa (Ali Suliman) mehr als nur eine rein geografische oder politische Grenze, denn sie trennt ihn auch von seiner Familie, die ihn gelegentlich besuchen kommt, nur um dann vor der Ausgangssperre wieder zurück nach Israel zu fahren. Die 200 Meter zwischen ihren Wohnungen sowie die Geldknappheit der Familie sind immer wieder Streitpunkte zwischen ihm und seiner Frau Salwa (Lana Zreik), die ihren gemeinsamen Sohn gerne auf eine Privatschule schicken würde, wo er wegen seiner sportlichen Fähigkeiten besser gefördert werden könnte. Auch wenn ihn immer noch eine Rückenverletzung plagt, nimmt Mustafa wieder Arbeit an, um das nötige Geld aufzutreiben und erhält eine Arbeitsbescheinigung für Israel. Als ihm eine Grenzbeamtin mitteilt, sein Pass sei abgelaufen, überschlagen sich die Ereignisse in Mustafas Leben, denn nun erhält er einen Anruf Salwas, die ihm mitteilt, ihr Sohn sei in einem Autounfall verwickelt gewesen und nun im Krankenhaus. Aus Zeitdruck gibt Mustafa einem Schlepper Geld, ihn über die Grenze zu bringen, doch die Fahrt ist gefährlich und voller Hindernisse, sodass aus den ehemals 200 Metern eine sehr viel weitere Distanz werden, die Mustafa von seiner Familie trennt.

Bilder einer Mauer, Bilder eines Landes
Mit 200 Meters legt der in Palästina geborene Ameen Nayfeh sein Spielfilmdebüt vor, welches in diesem Jahr bei den Venice Days vertreten ist. In seinem Regiestatement beschreibt Nayfeh, dass die Bilder der Mauer, der Soldaten sowie der Checkpoints die wohl geläufigsten Assoziationen sind, die viele Menschen mit seiner Heimat verbinden, ohne zu verstehen, welche Schicksale hinter diesen Bildern stecken. So ist 200 Meters vor allem ein menschliches Drama über die Überwindung von Distanz, die geografische wie auch die emotionale, zwischen Menschen.

Ein Ritual verbindet Mustafa mit seiner Familie, besonders seinen Kindern. Da sie ihre Häuser über die Mauer hinweg sehen können, geben sie sich vor dem Schlafengehen Lichtsignale, eine Routine, auf die der Vater besonderen Wert legt und die zumindest eine Verbindung über die kurze, aber bedeutende Distanz schafft. Auch wenn es angesichts des Filmtitels so scheint, ist die räumliche Distanz unerheblich, denn es könnten genauso gut 2000 Meter oder mehr sein, die Mustafa von seiner Frau und den Kindern trennt. Das Bild der Mauer dominiert den Alltag und damit auch einen Großteil der Filmbilder, steht für eine schier unüberbrückbare Hürde, was das Schicksal von Mustafas Familie symbolisch macht für das Leben vieler.

Jedoch ist die Mauer viel mehr als nur eine physische Grenze, ist sie doch auch in den Köpfen der Menschen vertreten. Gerade in der Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern, aber auch Einheimischen und Außenstehenden wie der deutschen Amateur-Filmemacherin, gespielt von Anna Unterberger, steht sie für etwas, das zwischen Menschen und Kulturen ist, aber im Gegensatz zu der echten Mauer wesentlich einfacher zu überwinden wäre. Dennoch bleibt sie in den Augen der Mitfahrenden einer Außenseiterin und eine „Touristin“, die sich nur für die Bestätigung ihres Bildes von Palästina interessiert.

Fahrt ins Ungewisse
Während sich die erste Hälfte von 200 Meters auf das Familiendrama konzentriert, behandelt der zweite Teil den Übergang nach Israel. Besonders aus dramaturgischer Sicht ist dieser Teil der Geschichte gelungen, werden hier nicht nur jene bereits angesprochenen Konflikte ausgetragen, sondern es findet zudem eine Eingrenzung des filmischen Raumes statt. Gerade eine quälend lange Sequenz, in der sich Mustafa zusammen mit zwei anderen Männern im Kofferraum eines Autos verstecken muss, als sie einen Checkpoint anfahren, gehört zu den wohl spannendsten des ganzen Films.

Von den Darstellern ist besonders die Leistung Ali Sulimans als Mustafa zu loben, der einen Mann spielt, der versucht das Richtige für seine Familie zu tun, den aber die äußeren Umstände daran hindern, für sie so da zu sein, wie er es gerne hätte. Immer wieder fängt Elin Kirschfinks Kamera sein Gesicht ein, auf dem sich verschiedene Emotionen abzeichnen und ein Kampf tobt zwischen Verantwortung und den in mehr als nur einer Hinsicht begrenzten Möglichkeiten der Situation.

Credits

OT: „200 Meters“
Land: Palästina, Jordanien, Katar, Italien, Schweden
Jahr: 2020
Regie: Ameen Nayfeh
Drehbuch: Ameen Nayfeh
Musik: Faraj Suliman
Kamera: Elin Kirschfink
Besetzung: Ali Suliman, Lana Zreik, Samia Bakri, Anna Unterberger, Mahmoud Abu Eita, Motaz Malhees, Ghassan Abbas

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200 Meters
„200 Meters“ von Ameen Nayfeh ist ein beeindruckend gespieltes Drama über die Überwindung von Grenzen, physischen wie auch emotionalen. Dramaturgisch dicht zeigt Nayfeh das Dilemma eines Mannes, der für seine Familie da sein will, aber durch die äußeren Umstände gehindert wird.
7von 10

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