Kritik

Source Code

„Source Code“ // Deutschland-Start: 2. Juni 2011 (Kino) // 3. November 2011 (DVD/Blu-ray)

Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) hat keine Ahnung, wie er in den Zug gekommen ist oder was er darin wollte. Noch rätselhafter ist, dass er dort offensichtlich in Begleitung von Christina Warren (Michelle Monaghan) ist, die vorgibt ihn zu kennen, ihn aber dauernd Sean nennt. Noch bevor er wirklich über die eigenartige Erfahrung nachdenken kann, ist sie aber auch schon ihn wieder vorbei, er selbst und alle anderen Passagiere im Zug sind in Folge einer Explosion gestorben. Oder vielleicht doch nicht? Als er wieder zu sich kommt, steckt er in einer seltsamen Maschine und erfährt, dass er der einzige ist, der die Ursache der Explosion und den Bombenleger finden kann. Doch dafür muss er diese acht Minuten wieder und wieder erleben …

Es ist das Schicksal jeden Films, das auf das Konzept einer Zeitschleife zurückgreift – der Protagonist erlebt einen bestimmten Zeitabschnitt immer wieder – mit Und täglich grüßt das Murmeltier verglichen zu werden. Zwar war die Komödie um einen Mann, der immer am Morgen desselben Tages aufwacht, nicht der erste Film, der darauf zurückgriff. Aber sie machte die Idee so populär, nutzte sie auf eine derart unterhaltsame Weise, dass der Titel bei uns zum Sprichwort wurde und alle darauffolgenden Filme sich erst einmal den Vorwurf der Kopie gefallen lassen müssen. Einer der wenigen, die das Konzept stark genug abänderten und etwas Eigenes draus machten, ist Source Code, selbst ein kleiner Klassiker.

Hohes Tempo bis zum explosiven Finale
Die Gemeinsamkeiten sind natürlich da. Wie im Vorbild gibt es eine sich wiederholende Zeitspanne. Colter kann sich zudem an die vorangegangenen Ereignisse erinnern und sein Umfeld mit vermeintlich hellseherischen Kräften verblüffen oder die Zeit auch effizienter nutzen. Und dann wäre da noch die Liebe: Wenn man sich schon einer solchen Tortur aussetzt, dann soll am Ende wenigstens eine schöne Frau rausspringen. In diesem Fall kommt Michelle Monaghan die etwas undankbare Aufgabe zu, immer nur süß zu lächeln und als etwas konturloser Gutmensch die Trophäe spielen zu dürfen. Ob es die Romanze gebraucht hätte, darüber lässt sich streiten. Die interessanteren Aspekte liegen woanders.

Zum einen beträgt die Zeitschleife hier nur acht Minuten, was im Vergleich zu dem Tag in Und täglich grüßt das Murmeltier wenig ist und für einen konstanten Zeitdruck sorgt. Hinzu kommt, dass Colter diese acht Minuten nicht unbegrenzt wiederholen kann, denn außerhalb dieses Strangs geht die Zeit unbeirrt weiter – mit potenziell katastrophalen Folgen. Relativ früh geht Regisseur Duncan Jones deshalb schon in die Vollen. Nach einer kleinen Phase der Verwirrung zu Beginn, sowohl für den Reisenden wie auch das Publikum, erhöht er mächtig das Tempo. Nur selten wird einem hier eine Verschnaufpause gegönnt, selbst in den ruhigeren Phasen wird ständig auf die Uhr geschaut, wie viel noch für die Deadline bleibt.

Wer und was geschieht hier?
Die hohe Spannung von Source Code ist aber auch auf die Mystery- und Krimielemente zurückzuführen, die mit dem explosiven Thriller verbunden werden. Das von Ben Ripley (Der Chor – Stimmen des Herzens) verfasste Drehbuch streut gleich in mehrfacher Hinsicht Rätsel. Die betreffen zum einen die Frage nach dem Täter: Wenn Colter durch den Zug hetzt und à la Mord im Orient-Express Leute befragt und Spuren sucht, dann wird der Film zeitweise zu einem klassischen Whodunnit. Gleichzeitig wird aber auch ein großes Geheimnis daraus gemacht, wer Colter genau ist und was ihn in die Situation gebracht hat. Immer wieder wird dann von einem Thema zum nächsten gesprungen, der Fokus verschoben, auf der Suche nach Antworten, bevor die nächste Bombe hochgeht.

Dass eine solche Vielzahl an Themen und Elementen zu Lasten des Tiefgangs gehen, ist klar, zumal Source Code gerade mal 97 Minuten lang ist. Auf das bizarre Grundszenario wird kaum eingegangen, die philosophischen Implikationen werden ignoriert. Zudem bleibt kaum Zeit für eine Entwicklung, es müssen immer ein paar Schritte übersprungen werden, um noch rechtzeitig am Ziel ankommen zu können – die Ermittlung ist beispielsweise so früh und schnell abgeschlossen, dass Krimifans eher unbefriedigt am Ende zurückgelassen werden. Es ist vielmehr die geglückte Kombination der unterschiedlichsten Genres, die den Sci-Fi-Mystery-Thriller auszeichnet und die Hoffnung stärkte, Duncan Jones würde nach seinem umjubelten Debüt Moon einer der interessantesten Regisseure seiner Generation werden. Und auch wenn daraus nichts wurde – sowohl Warcraft: The Beginning wie auch Mute waren herbe Enttäuschungen –, sein zweiter Film ist Jahr später noch immer ein sehenswerter Rausch und so originell, dass er selbst für Vergleiche kaum taugt.

Credits

OT: „Source Code“
Land: USA
Jahr: 2011
Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Ben Ripley
Musik: Chris Bacon
Kamera: Don Burgess
Besetzung: Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright

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Source Code
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Source Code
Ein Mann wacht als fremder Mann in einem Zug auf, der kurze Zeit später explodiert – und dann doch nicht explodiert. „Source Code“ beginnt als Mystery, hält auch später viele Rätsel Geisel, wenn sich Science-Fiction- und Thrillerelemente in die Geschichte schmuggeln. Das ist auch aufgrund des konstant hohen Zeitdrucks spannend und als Mix sehr originell, selbst wenn am Ende der Tiefgang eher gering ausfällt.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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