Kritik

The Climb

„The Climb“ // Deutschland-Start: 20. August 2020 (Kino) // 14. Januar 2021 (DVD)

Eine kleine Auszeit wollten sich die beiden nehmen, gemeinsam mit dem Rad durch das bergige Hinterland der Côte d’Azur strampeln. Doch was für die zwei besten Freunde Mike (Michael Angelo Covino) und Kyle (Kyle Marvin) ein schöner Urlaub hätte sein sollen, wie ihn Männer eben machen, nimmt ein unerwartetes Ende. Erst platzt es aus Mike heraus, dass er mit Ava (Judith Godrèche) geschlafen hat, der Verlobten von Kyle. Und dann machen sie auch noch die unangenehme Begegnung mit einem brutalen Autofahrer, der die zwei erst einmal richtig fies schneidet und im Anschluss Mike krankenhausreif prügelt …

Was macht eine echte Freundschaft aus? Wofür brauchen wir sie? Wie können wir sie uns bewahren? Das sind alles Fragen, die wir uns im Laufe unseres Lebens mehrfach stellen dürften, wenn wir uns mal wieder gezofft haben, versöhnt haben oder vielleicht auch aus den Augen verloren. Anders als bei Familie oder den Kollegen und Kolleginnen bei der Arbeit, an denen kein Weg vorbei führt, können wir uns meistens schon aussuchen, wen wir in unserem Freundeskreis haben. Und das bedeutet eben auch, dass so eine Freundschaft immer mal wieder auf den Prüfstein kommen kann, um sie fortzuführen, zu beenden oder vielleicht auch einschlafen zu lassen.

Unterwegs mit zwei Freunden
The Climb ist ein Film über eine solche Freundschaft, bei der sehr oft ganz grundsätzlich darüber nachgedacht wird, warum es sie eigentlich gibt. Kyle Marvin und Michael Angelo Covino, die jeweils die Hauptrollen übernahmen und das Drehbuch schrieben, Covino führte zusätzlich Regie, erzählten schon 2018 indem gleichnamigen Kurzfilm von diesen beiden Männern und ihrem eigenartigen Verhältnis. Das Werk bestand aus der oben geschilderten Szene rund um die turbulente Fahrradtour und wurde so begeistert aufgenommen, dass schon bald die Diskussion um einen ganzen Spielfilm im Raum stand. Anstatt die Tour nun aber mühsam auf anderthalb Stunden ausweiten zu müssen, nehmen Marvin und Corvino die Szene hier nur als Einleitung, um die Freunde in mehreren Abschnitten über einen längeren Zeitraum zu begleiten.

Das erinnert an Der Chaos Cop – Thunder Road, das ebenfalls einen gefeierten Kurzfilm in ein fragmentarisches Gesamtwerk einfügte und so die Themen ausbaute. Beiden Filmen gemeinsam ist zudem, dass sie auf tragikomische Weise Männer porträtieren, bei denen ganz viel im Argen liegt, die es aber nicht auf die Reihe bekommen, diese Probleme tatsächlich mal zu lösen. Während die Geschichte um den Polizisten jedoch ein Einzelporträt über einen Mann in der Krise war, zieht The Climb diese Darstellungen anhand der Beziehungen zwischen den beiden Protagonisten auf. Als Einzelperson treten sie praktisch nie auf, stattdessen definieren sie sich immer durch ihr Verhältnis zueinander, manchmal durch das Verhältnis zu anderen Figuren, die gelegentlich auftauchen.

Zwischen Herz und Gift
In insgesamt acht Episoden, die mal direkt aneinander anschließen, mal auch Jahre auseinander liegen können, folgen wir so den zwei Männern und einer Freundschaft, die ständig zwischen herzlich und toxisch wechselt. Eine Freundschaft, bei der man sich immer wieder fragt, warum es sie überhaupt noch gibt. Antworten darauf gibt es, mal schöne, mal weniger schmeichelhafte. Doch sie gehen meistens im Trubel unter, wenn doch wieder das Chaos ausbricht. Denn auch das ist ein Merkmal von The Climb: Selbst ganz alltägliche Situationen wie eben eine Radtour oder Urlaube und Familienfeiern eskalieren gerne mal oder werden ins Absurde übersteigert, was oft mit Verletzungen einhergeht – physischen wie psychischen.

Die Indie-Tragikomödie, die 2019 in der Cannes-Sektion „Un Certain Regard“ Premiere feierte und anschließend auf vielen weiteren Festivals lief, ist dabei sicherlich nicht für jeden geeignet. Der Humor ist speziell, auch die Kameraarbeit ist eher eigen, arbeitet viel mit langen Einstellungen. Die dramatischen Entgleisungen treffen durch die rau-skurrile Grundstimmung nie so richtig, selbst Tod und Unfall wirken nie ganz real. Und doch hat The Climb sehr viel zu erzählen, das nah am Leben ist, zeigt Eifersüchteleien und Unsicherheiten, idiotische Machtspielchen ebenso wie echte Zuneigung und Momente, die einem ganz unerwartet zu Herzen gehen. Ob man mit diesen beiden selbst befreundet sein wollte, da darf man geteilter Ansicht sein. Aber es ist doch schön und unterhaltsam, ihnen zumindest für eine Weile Gesellschaft zu leisten.

Credits

OT: „The Climb“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Michael Angelo Covino
Drehbuch: Michael Angelo Covino, Kyle Marvin
Musik: Jon Natchez, Martin Mabz
Kamera: Zach Kuperstein
Besetzung: Kyle Marvin, Michael Angelo Covino, Gayle Rankin, Talia Balsam, George Wendt, Judith Godrèche

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Cannes 2019 Goldene Kamera Nominierung
Film Independent Spirit Awards 2020 Bester Debüt-Film Nominierung

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The Climb
Basierend auf einem Kurzfilm erzählt „The Climb“ von den turbulenten auf und ab einer Männerfreundschaft. Die fragmentarische Tragikomödie ist dabei recht eigen, einerseits nah an den Menschen dran, dann wieder sehr absurd, ist authentisch, rau und verspielt in einem. Sie lässt einen am Leben teilhaben und dabei vieles hinterfragen – sowohl auf dem Geschehen wie bei einem selbst.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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