Kritik

Ice Poison

„Ice Poison“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Zusammen mit seinem Vater züchtet ein junger Mann (Wang Shin-hong) Gemüse, doch die Preise, welche ihnen die Zwischenhändler für ihre Waren zahlen, reicht nicht mehr länger für die beide aus. Ermutigt von seinem Vater sowie seinen in der Nähe lebenden Verwandten versucht sich sein Sohn in verschiedenen Jobs, zuerst als Taxifahrer und dann als Verkäufer von gefälschten Markenhandys. Als er wieder einmal am Busbahnhof der Stadt auf Kunden wartet, die er mit seinem Motorroller chauffieren kann, lernt er Sanmei (Wu Ke-xi) kennen, die von China aus in ihre Heimat Taiwan zurückkehrt, da ihr Vater im Sterben liegt. Auch Sanmei versucht, sich ein Leben in Taiwan aufzubauen und ihrer Familie zu helfen. Das Leben mit ihrem herrischen Ehemann in China, an den sie als junges Mädchen verkauft wurde, ist sie mehr als leid und sie will ihre Tochter so schnell es geht nach Taiwan nachholen. Ihr Geldnot führt sie abermals zusammen mit jenem Taxifahrer, der sie bei ihrer Rückkehr empfing und sie beraten darüber, wie sie ihrer misslichen Lage entkommen können. Schließlich beschließen sie, Drogenkuriere für einen lokalen Dealer zu werden, was sich als folgenschwere Entscheidung herausstellt.

Verkauft und verraten
Nachdem ihm sein zweiter Film Poor Folk vor allem auf internationalen Filmfestivals viel Anerkennung eingebracht hatte, gelang es Regisseur Midi Z seinen Ruf als eines der verheißungsvollsten Talente Taiwans mit seinem dritten Spielfilm Ice Poison zu manifestieren. Dieser war unter anderem im Programm der Berlinale und wurde als taiwanesischer Beitrag für die Kategorie Bester fremdsprachiger Film für die Oscar-Verleihung eingereicht, schaffte es aber nicht in die finale Auswahl der Academy. Neben diesen Erfolgen ist Ice Poison vor allem eine Fortsetzung der Themen, die das Werk Midi Zs seit seinem Debüt Return to Burma begleiten, der Lage burmesischer Flüchtlinge in Taiwan, insbesondere der jungen Generation.

Die Geschichte verknüpft die Lebenswege zweier Menschen, die im Sinne des Themas, was Midi Z in Ice Poison verhandelt, einen gewissen exemplarischen Charakter haben. In schon fast schmerzlich langen Sequenzen begleiten wir beide Figuren, wie sie versuchen, sich ein Leben in Taiwan aufzubauen, unabhängig und selbstbestimmt, jedoch immer wieder mit Hindernissen in ihrem Weg konfrontiert werden. Der enervierende Kreislauf des ständigen Bittens und Bettelns, damit man gerade um die Runden kommt, welcher schon nach absehbarer Zeit wieder beginnt, hat seine emotionalen Spuren bei den beiden Figuren wie auch ihren Familien hinterlassen.

Im Allgemeinen ist der Akt der Revolte, das Ausbrechen aus diesem Kreislauf, kein Akt der großen Gesten, wie schon in den anderen Werken des Regisseurs. Wu Ke-xi und Wang Shin-hong, beides Akteure, die bereits in den vorherigen Filmen Midi Zs mitgewirkt haben, verstehen, dass ihre Figuren keine solchen Gesten verlangen, ist das Abrutschen in die Kriminalität doch Teil einer Welt geworden, die schon lange den Bezug zu einem Konzept wie Normalität verloren hat.

Ernüchternde Aussichten
In den Geschichten, die Midi Z erzählt, gibt es schon längst keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht mehr. Auch wenn den Figuren die Konzepte durchaus bewusst sind, ist es doch die Notwendigkeit, die Verzweiflung und die Frustration, die sie antreibt. Passend dazu verfolgen Midi Z und Kameramann Fan Sheng-Siang einen semi-dokumentarischen Ansatz, geprägt von vielen langen Einstellungen und statischen Kameraaufnahmen, welcher impliziert, dass diese Geschichten, wenn auch in überhöhter Weise, eine Realität widerspiegeln für viele Menschen.

Entgegen seinen vorherigen Arbeiten, welche einen gewissen Hang zu erzählerischen Redundanz haben, ist Ice Poison ein Werk von erstaunlicher Prägnanz. Jede Einstellung, jeder Dialog ist essenziell für die Geschichte, was dieser eine gewissen Ausweglosigkeit oder Schicksalhaftigkeit gibt. Die Aussichten seiner Figuren, auch in Ice Poison, sind ernüchternd und alles andere als verheißungsvoll, aber sie sind das Ergebnis einer Kette von Ereignissen, sodass sich die Kamera eine Beurteilung der Charaktere untersagt.

Credits

OT: „Bing Du“
Land: Taiwan
Jahr: 2014
Regie: Midi Z
Drehbuch: Midi Z
Kamera: Fan Sheng-Siang
Besetzung: Wang Shin-hong, Wu Ke-xi, Zhou Cai Chang

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2014
Taiwan Film Festival 2020

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Ice Poison
„Ice Poison“ von Midi Z ist ein Drama über Verzweiflung und Not. Innerhalb des zu dem Zeitpunkt noch übersichtlichen Gesamtwerks des Regisseurs ist „Ice Poison“ ein Indiz dafür, wie Midi Z als Geschichtenerzähler und in seinem Gefühl für die Inszenierung gewachsen ist. Er erzählt eine stille, eine oft ernüchternde Geschichte zweier Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen.
8von 10

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