Kritik

Drei Tage und ein Leben Trois jours et une vie

„Drei Tage und ein Leben“ // Deutschland-Start: 3. September 2020 (Kino)

Als im Dezember 1999 in einem Dorf in den Ardennen ein kleiner Junge verschwindet, droht dies die komplette Gemeinschaft auseinanderzureißen. Ist ein Verbrechen geschehen? Und wenn ja, wer könnte es begangen haben? Doch obwohl die Bevölkerung intensiv die anschließenden Wälder durchsucht, finden sie keine Spur, keinen Anhaltspunkt, was vorgefallen ist – zumal am dritten Tag aufgrund eines verheerenden Sturms die Suche abgebrochen werden muss und damit die Hoffnung auf Aufklärung. 15 Jahre später kehrt Antoine (Pablo Pauly) an den Ort zurück, um mit seiner Mutter Weihnachten zu feiern, bevor er ins Ausland geht. Und noch immer ist das Dorf von den damaligen Ereignissen geprägt, gerade auch Antoine selbst, der seinerzeit noch ein Kind war …

Wann immer Thriller besonders fies sein wollen, dann nehmen sie sich Kinder zum Opfer. Eltern und Polizei, die verzweifelt darum kämpfen, entführte oder zumindest verschollene Kinder zurückzubekommen, das erzeugt noch mal ein klein wenig Extraspannung, wenn mit Beschützerinstinkten und Ohnmachtsgefühlen gespielt wird. Prisoners war so ein Fall, dass man das Geschehen als Zuschauer kaum noch bis zum Ende verfolgen kann, wenn sich die Panik der Angehörigen nach und nach auf das Publikum überträgt. Zumindest anfangs sieht es so aus, als würde Drei Tage und ein Leben in eine ganz ähnliche Richtung gehen. Denn hier fängt die Geschichte damit an, wie die Bevölkerung des Dorfes den Wald durchkämmt, in der Hoffnung, doch noch ein Lebenszeichen des 6-Jährigen zu finden.

Ein Dorf voller Geheimnisse und Schuld
Anschließend springt der Film jedoch in die Vergangenheit und erzählt von den drei Tagen, welche ihm den Namen gaben. Diese drei Tage bringen unerwartete Antworten mit sich, aber auch neue Fragen. Denn hier steht nicht das mutmaßliche Verbrechen im Vordergrund, sondern an das, was danach kommt. Das Leben, das durch diese drei Tage für immer verändert sein wird. Um einen wirklichen Thriller handelt es sich hierbei deshalb auch nicht. Zwar gibt es immer mal wieder Momente, auch im weiteren Verlauf, in denen die Spannungskurve angezogen wird. Wird die Wahrheit doch noch ans Tageslicht kommen? Und wenn ja, was werden die Konsequenzen sein? Die Adaption des gleichnamigen Romans von Pierre Lemaître (See You Up There) beschäftigt sich aber im Grunde mit ganz anderen Themen.

Regisseur Nicolas Boukhrief (Made in France) nimmt uns mit in ein Dorf, das bis zum Rand mit Geheimnissen und Schuld gefüllt ist. Da werden unausgesprochene Gefühle mit sich herumgetragen, Vorwürfe und Vorurteile gepflegt, zwischendurch auch mal Leute hintergangen. Das hört sich nach einem dieser gnadenlos überzogenen Seifenoper-Thrillern an, die nur das Mittel der Eskalation kennen, um Reaktionen zu erzwingen. Im Vergleich dazu ist Drei Tage und ein Leben jedoch deutlich zurückhaltender und ruhiger. Einiges von dem, was im Dorf falsch läuft, ist nur das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Ereignissen. Anderes ist die Folge mangelnder Kommunikation und des Unwillens sich auseinanderzusetzen.

Der lange Schatten der Tragik
Darin liegt dann auch die Tragik des Films: Es wäre alles zu vermeiden gewesen. Das wiederum macht es schwieriger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich mit der Vergangenheit zu arrangieren. Sie verfolgt die Menschen auf Schritt und Tritt, ist ein Schatten, der über allem liegt – selbst dann wenn sie sich seiner nicht mal bewusst sind. Passend dazu arbeitet Boukhrief dann auch viel mit Schatten und Dunkelheit, lässt Szenen nachts spielen oder verweigert selbst tagsüber die klare Sonne. Subtil ist das natürlich nicht: Der französische Filmemacher ordnet alles der Atmosphäre unter, macht daraus selbst kein Geheimnis, ist damit aber durchaus erfolgreich. In dem Dorf und dem Wald unterwegs zu sein, ist immer mit einer Schwermut verbunden.

Das ist gut besetzt, gerade Pablo Pauly (Lieber Leben) macht eine prima Arbeit als junger Mann, der von seiner Vergangenheit heimgesucht wird und einen Weg in die Zukunft sucht. Aber auch beim Rest gibt es nichts auszusetzen, wenn hinter den wortlosen Fassaden Wut und Trauer sich ihren Weg bahnen. Drei Tage und ein Leben ist dabei kein Film, den man sich der Überraschungen wegen anschaut. Selbst wer den Roman nicht kennt, sollte auf solche nicht hoffen. Zwar gibt es schon die eine oder andere Wendung, die noch mal neue Perspektiven oder neue Gefahren bedeutet. In erster Linie ist das hier aber ein Drama um Menschen, die lernen müssen, mit den Konsequenzen ihrer Taten oder auch Nicht-Taten zu leben, welche mit ihnen wachsen, sie mitunter zu dem machen, der sie sind – ob sie es wollen oder nicht.

Credits

OT: „Trois jours et une vie“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Nicolas Boukhrief
Drehbuch: Pierre Lemaître
Vorlage: Pierre Lemaître
Musik: Robin Coudert
Kamera: Manuel Dacosse
Besetzung: Sandrine Bonnaire, Pablo Pauly, Charles Berling, Philippe Torreton, Margot Bancilhon, Jeremy Senez, Dimitri Storoge, Arben Bajraktaraj

Bilder

Trailer

Interview

Nicolas BoukhriefWie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Autor des Romans? Und wie sehr sind wir von unserer eigenen Vergangenheit geprägt? Diese und weitere Fragen haben wir Nicolas Boukhrief in unserem Interview zu Drei Tage und ein Leben gestellt.

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Drei Tage und ein Leben
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Drei Tage und ein Leben
Die Romanverfilmung „Drei Tage und ein Leben“ beginnt mit der Suche nach einem Dorfjungen, der eines Tages spurlos verschwunden ist. Der Film ist dabei jedoch weniger Krimi oder Thriller, sondern vielmehr ein düsteres Drama über Erfahrungen, die uns unser ganzes Leben lang verfolgen, und Menschen, die damit umzugehen lernen müssen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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