Kritik

Das Maedchen Rosemarie 1958

„Das Mädchen Rosemarie“ // Deutschland-Start: 28. August 1958 (Kino) // 21. April 2017 (DVD/Blu-ray)

Die Lebensumstände von Rosemarie Nitribitt (Nadja Tiller) sind sicher nicht die besten. Geld hat sie kaum, dafür die Kleinganoven Horst (Mario Adorf) und Walter (Jo Herbst) im Nacken, mit denen sie sich eine Kellerwohnung teilt. Das soll sich natürlich ändern, weshalb sie regelmäßig die Nähe von wohlhabenden Geschäftsmännern sucht. Dabei läuft sie eines Tages zufällig Hartog (Carl Raddatz) über den Weg, der nach anfänglicher Distanz tatsächlich ihren Reizen erliegt und ihr das Leben bieten kann, nach dem sie sich sehnt. Doch das ist erst der Anfang, denn der Franzose Fribert (Peter van Eyck) hat noch ganz andere Pläne mit der Schönheit …

Prostituierte in Filmen werden oft von einer Reihe von Klischees begleitet. Da gibt es natürlich die Hure mit dem goldenen Herzen, die dem Helden unter die Arme greift – siehe aktuell in der Neuverfilmung Berlin Alexanderplatz. In Krimis und Thrillern dürfen sie gern auch mal Informantinnen spielen, als Bindeglied zur Unterwelt. Und natürlich bieten sie sich immer an für Sozialdramen, die von den Verwerfungen vergessener Gesellschaftsschichten erzählen. Da darf sich schon mal ein bisschen im Elend der Figuren gesuhlt werden, während Frau darauf wartet, von irgendeinem Mann gerettet zu werden. Dafür braucht es nicht einmal eine ausgeprägte Persönlichkeit, ein liebreizendes Äußeres reicht völlig.

Mit Schmutz zu Geld
Dass es auch ganz anders ginge zeigte Rolf Thiele 1958 in Das Mädchen Rosemarie. Basierend auf der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt erzählte der Regisseur und Co-Autor in dem Film von einer Frau, die anfangs ein bisschen naiv ist, aber von einem starken Willen angetrieben. Eine Frau, die genau weiß, was sie will, und dabei nicht so wirklich viele Skrupel mitbringt. Mit der realen Vorlage hat der Film eher weniger zu tun. Er greift jedoch eines der diversen Gerüchte auf, die über sie im Umlauf waren: Sie soll ihre Freier mit kompromittierenden Material erpresst haben und dadurch zu relativem Wohlstand gekommen sein – nicht unbedingt eine Voraussetzung für die übliche Heldin.

Das hört sich nach einem Thriller an, umso mehr, wenn man an das Ende der tatsächlichen Nitribitt denkt. Doch trotz des kriminellen Beimischung des Stoffes, Das Mädchen Rosemarie ist kein Genrefilm. Stattdessen ist der Film, der seinerzeit im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig lief, ein gleichermaßen tragisches wie bissiges Porträt des Nachkriegsdeutschlands. Die Entbehrungen sind vorbei, das Elend hat für viele ein Ende gefunden, während es wirtschaftlich durch die Decke geht – die 50er Jahre sind als Wirtschaftswunder in die Geschichtsbücher eingegangen. Doch es ist eben nicht alles Gold, was glänzt, hinter der schönen Fassade kann es durchaus schmutzig zugehen.

Die Angst vor dem schlechten Ruf
Thiele hatte deshalb auch so seine Probleme, den Film überhaupt herauszubringen. In einer Zeit, in der alles so prächtig läuft, man auch im Ausland wieder wer ist, da wollten die Behörden natürlich nicht, dass da zu genau hinter die blitzblanke Fassade geschaut wird. Vor allem nicht außerhalb. Dabei ist Das Mädchen Rosemarie gar nicht an einer authentischen Auseinandersetzung und einem detaillierten Gesellschaftsporträt interessiert. Das Drama ist überspitzt, fast schon satirisch, wenn es die feinen Herren als gar nicht so wahnsinnig fein aufzeigt. Wie sehr das auseinanderklaffen kann, zeigt das schöne Beispiel des Hotels, das durchaus von der Vermittlung hübscher Damen profitieren mag. Es darf nur keiner wissen.

Das geht mit tollen Bildern einher, die mit Kontrasten spielen, erstaunlich viel Musik, was den Film zuweilen zu einer Farce macht. Und natürlich mit einem engagierten Ensemble. Im Mittelpunkt steht dabei klar Nadja Tiller, die als selbstbewusste, laszive Goldgräberin ihre eigene Version der Femme Fatale entwirft und eine der markantesten Frauenfiguren im westdeutschen Gefälligkeitskino der 1950er verkörperte. Sie ist witzig, furchtlos und stark, dabei gleichzeitig auch tragisch, wie sie zum Spielball ihrer eigenen Ambitionen und den Regeln und Wünschen der Männer wird. Ein Mensch, der hoch hinaus und den eigenen Abgründen entkommen wollte, dabei jedoch nicht das Glück findet, nach dem sie sich sehnt.

Credits

OT: „Das Mädchen Rosemarie“
Land: Deutschland
Jahr: 1958
Regie: Rolf Thiele
Drehbuch: Rolf Thiele, Erich Kuby
Musik: Norbert Schultze
Kamera: Klaus von Rautenfeld
Besetzung: Nadja Tiller, Peter van Eyck, Carl Raddatz, Gert Fröbe, Hanne Wieder, Mario Adorf, Jo Herbst

Bilder

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Deutscher Filmpreis 1959 Beste Regie Rolf Thiele Nominierung
Bester Hauptdarstellerin Nadja Tiller Nominierung
Golden Globe Awards 1959 Bester fremdsprachiger Film Sieg
Venedig 1958 Goldener Löwe Nominierung

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Das Mädchen Rosemarie (1958)
„Das Mädchen Rosemarie“ erzählt inspiriert von der realen Edelprostituierten, wie sich eine Frau im Deutschland der 50er auf Männer und kriminelle Machenschaften einlässt, um nach oben zu kommen. Der Film ist eine Abrechnung mit dem Wirtschaftswunder, kratzt an der heilen Fassade, um nicht ohne Humor die Abgründe dahinter aufzuzeigen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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