Kritik

Slender Man DVD

„Slender Man“ // Deutschland-Start: 23. August 2018 (Kino) // 27. Dezember 2018 (DVD/Blu-ray)

Nein, natürlich glauben sie nicht an die Legende des Slender Man, von dem im Internet die Rede ist. Und doch sind die vier High-School-Freundinnen Hallie (Julia Goldani Telles), Wren (Joey King), Chloe (Jaz Sinclair) und Katie (Annalise Basso) neugierig, was hinter dem Ganzen stecken kann. Als sie sich ein Video rund um die mysteriöse Gestalt ansehen, ahnen sie deshalb noch nicht, was sie damit anrichten werden. Denn kurze Zeit später verschwindet eine von ihnen spurlos, der Rest wird von seltsamen Albträumen heimgesucht. Doch was tun? Während die anderen versuchen, ihr normales Leben irgendwie fortzusetzen, forscht Wren im Internet weiter nach, auf der Suche nach einer Möglichkeit, dem Schrecken ein Ende zu setzen …

Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Schon immer haben Horrorfilme gerne auf überlieferte Legenden und Sagengestalten zurückgegriffen, um das Publikum zum Fürchten zu bringen, haben Fantasywesen heraufbeschworen, die in Wäldern herumschleichen soll, oder auch Dämonen, die sich unvorsichtiger Menschen bemächtigen. Im Fall von Düstere Legenden wurden sogar eine ganze Reihe solcher Urban Legends erwähnt, teilweise gezeigt: Geschichten von Morden und Monstern, die immer hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden, an Lagerfeuern oder bei Partys. Der Slender Man ist eine dieser Urban Legends, welche vor einigen Jahren im Internet entstanden ist und sich anschließend in zahlreiche Blogs, Foren oder andere Formen des virtuellen Austauschs schlich.

Die neue Langeweile
Prinzipiell wäre das eigentlich ganz reizvoll, die neuen Medien in das Genre zu integrieren. Was also beispielsweise Ring für die VHS-Kassette war oder als Buch in Scary Stories to Tell in the Dark funktionierte, daraus könnte man doch Internethorror machen, der sich in irgendeiner Form der heutigen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten bedient. Tatsächlich bedeutet es in Slender Man aber nur, dass immer wieder die Mädels auf einen Desktop oder das Handy starren, zwischendurch mal in einem anonymen Forum gechattet wird. Mit der Figur hat das dann natürlich nichts zu tun, ebenso wenig mit dessen Herkunft. Sie machen nur das, was andere junge Protagonisten und Protagonistinnen in solchen Fällen immer tun.

Allgemein ist Slender Man eine Ansammlung von Genreeinerlei und Klischees, ein liebloses Abhaken von Konventionen, das weder eines Memes würdig ist, noch der Zeit, die man damit verschwenden würde, sich den Film anzusehen. Dass die Geschichte von David Birke stammt, der zuvor die Drehbücher des unterhaltsamen 13 Sins sowie des eiskalten Thrillers Elle geschrieben hat, mag man kaum glauben. Denn hier gelingt weder der Unterhaltungsfaktor, noch sollte man sich irgendeine Form von Spannung erhoffen. Ausgenommen vielleicht die, ob man es schafft, den Film bis zum Ende anzuschauen oder doch vorzeitig einschläft, um auf diese Weise dem Albtraum zu entkommen. Letzteres wäre auf jeden Fall die wertvollere Erfahrung.

Die Angst vor dem Nichts
Die Figur des 2009 erfundenen Slender Man ist dabei gar nicht mal das große Probleme. Sicher, ein lang gewachsener Mann ohne Gesicht ist vielleicht nicht der Gipfel der Kreativität, kann aber durchaus einen Zweck erfüllen. Der Film verpasst es jedoch völlig, ihn in irgendeiner Form sinnvoll zu nutzen. Wenn sich der französische Regisseur Sylvain White mal nicht an billigen Jump Scares versucht, dann scheint die Strategie in erster Linie darin zu bestehen, möglichst wenig zu zeigen. Das kann im Umfeld des Horrors durchaus Wirkung zeigen, wenn der Fantasie des Publikums die fehlenden Bilder überlassen zu werden. Diesem aber einfach nur Aufnahmen vorzusetzen, die so dunkel sind, dass man gar nichts sieht, während drumherum die Protagonistinnen schreien, das ist schon ziemlich billig.

Das ist in etwas so, als würde man mit geschlossenen Augen durch eine Geisterbahn zu fahren – nur dass sich hier noch nicht mal was bewegt. Das kann man natürlich machen, wenn man mag. Wer sich so leicht mitreißen lässt, dass schon das bloße Hören von Schreien eigene Angst auslöst, der wird vielleicht sogar Spannung finden. Ansonsten provoziert Slender Man jedoch in erster Linie ein herzhaftes Gähnen: Der Kinoauftritt der Internetkreatur ist entsetzlich langweilig, ebenso die Ermittlungen. Am meisten werden die eigenen Nerven noch durch die vier Freundinnen in Anspruch genommen, wenn auch nicht auf die beabsichtigte Weise. Selbst das Mitfiebern ist hier keine echte Option, abgesehen von dem gemeinsamen Wunsch, dass sie sich auf die Geschichte gar nicht erst eingelassen hätten. Denn das hätte uns auch diese anderthalb Stunden erspart.

Credits

OT: „Slender Man“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Sylvain White
Drehbuch: David Birke
Musik: Ramin Djawadi, Brandon Campbell
Kamera: Luca Del Puppo
Besetzung: Joey King, Julia Goldani Telles, Jaz Sinclair, Annalise Basso

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Goldene Himbeere 2019 Schlechteste Nebendarstellerin Jaz Sinclair Nominierung

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Slender Man
Das zugrundeliegende Internet-Meme war eine Sensation, der Film selbst ist es nicht. Nicht allein, dass „Slender Man“ es völlig verpasst, aus den neuen Medien irgendwie Kapital zu schlagen. Vielmehr ist der Horrorfilm von Anfang bis zum Schluss furchtbar langweilig, gefüllt mit nervigen Figuren und geradezu dreist unambitionierten Versuchen, Spannung zu erzeugen.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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