Kritik

Muj strýcek Archimedes Mein Onkel Archimedes

„Mein Onkel Archimedes“ // Deutschland-Start: 24. Juli 2020 (TV)

Für Archimedes (Ondrej Vetchy) steht fest: Nur der Sozialismus ist eine gerechte, menschenwürdige Form des Zusammenlebens! Und so verlässt er 1949 seine Heimat Griechenland, um in der Tschechoslowakei ein neues Leben aufzubauen. Der Anfang ist hart, spricht er bei seiner Ankunft doch kein Wort Tschechisch. Doch zu seinem Glück gibt es da noch seine Nachbarn Karel (Miroslav Donutil) und Jarmila (Veronika Freimanova), welche Archimedes und dessen Frau Penelope (Dana Cerna) hilfreich unter die Arme greifen und den einen oder anderen Trick zeigen, wie man in dem sozialistischen Land über die Runden kommt. Als der Exilant aber eines Tages von seiner kranken Mutter träumt und für sie schnell in die Heimat will, werden ihm die Grenzen seiner Möglichkeiten aufgezeigt …

Leichter Zugang zu einem schweren Thema
Letztes Jahr gab es aufgrund des 30-jährigen Jahrestags des Mauerfalls eine ganze Reihe von Filmen, welche das Leben in der DDR thematisierten. Filme über das Leben der anderen Ostblock-Länder sind hierzulande hingegen relativ selten, so wie das osteuropäische Kino allgemein in Deutschland leider sträflich vernachlässigt wird. Umso schöner ist es, dass mit Mein Onkel Archimedes nun ein solcher Film gezeigt wird. Der ist zwar schon ein paar Jahre alt und für das tschechische Fernsehen entstanden, weshalb man hier nicht die ganz großen Bilder erwarten sollte. Aber es ist doch ein sehr sympathisches Werk, das sich auf eine eigene Weise dem Thema annähert.

Anders als die deutschen Kollegen, die aus solchen Rückblicken meist Problemdramen machen, nimmt der griechische Regisseur und Drehbuchautor George Agathonikiadis die Zeitreise mit Humor. Teilweise speist der sich aus den eher kuriosen Tricks und Strategien, mit denen Archimedes und Karel ihren Alltag bewältigen. Mein Onkel Archimedes zeigt die Tschechoslowakei als ein Land mit festen Regeln und Ansichten – und einem Volk, das sich ganz gut damit arrangiert hat, diese etwas eigenwillig zu interpretieren. Der andere Faktor betrifft natürlich das Aufeinandertreffen zweier Familien mit unterschiedlichem Hintergrund, die dennoch Freunde werden.

Mit Herz und Humor
Der Culture-Clash-Aspekt ist dabei eher zurückgenommen, so wie Mein Onkel Archimedes insgesamt eine recht leise Komödie ist. Agathonikiadis und sein Co-Autor Petr Hudsky ziehen es vor, das Publikum etwas zum Schmunzeln anzuregen, anstatt mit Gags auf dieses einzuprügeln. Selbst später, wenn es um die Versuche von Archimedes geht, wieder zu seiner Mutter zu gelangen, übt sich die europäische Coproduktion in Zurückhaltung. Auch wenn der Film an der Stelle thematisch Ballon näherkommt und ebenso unglaubliche Wagnisse eingeht, man versucht nicht, daraus großes emotionales Kapital zu schlagen, weder als Drama noch als Thriller – obwohl beides naheliegend gewesen wäre.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Mein Onkel Archimedes nicht doch auch zu Herzen gehen würde. Gerade die Freundschaft der beiden Familien ist sehr schön, zeigt Menschen beim Versuch, mit Händen und Füßen zu kommunizieren und füreinander da zu sein. Die Komödie ist damit auch ein Plädoyer dafür, anderen offen zu begegnen, egal wer sie sind, woher sie kommen und was sie tun. Die restriktiven Aspekte in der Tschechoslowakei werden durch die komödiantische, etwas märchenhafte Ausrichtung des Films tendenziell verharmlost, was nicht allen gefallen wird und an Ostalgie-Vorwürfe erinnert, die in den 90ern und 00er Jahren diversen Filmen und Shows gemacht wurden. Man sollte den Film daher nicht als reine Geschichtsstunde begreifen, sondern lieber als warmherzige Wohlfühlkomödie, die das Menschliche betont und nicht das System, Individuen über den Staat stellt. Und das ist manchmal auch ganz schön.

Credits

OT: „Muj strýcek Archimedes“
Land: Tschechische Republik, Frankreich, Deutschland
Jahr: 2017
Regie: George Agathonikiadis
Drehbuch: Petr Hudsky, George Agathonikiadis
Musik: Ales Brezina
Kamera: Petr Hojda
Besetzung: Ondrej Vetchy, Miroslav Donutil, Dana Cerna, Veronika Freimanova, Tadeas Stourac, Stanislav Zindulka, Marina Vlachaki

Bilder

Trailer

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Mein Onkel Archimedes
In „Mein Onkel Archimedes“ wandert ein vom Sozialismus überzeugter Grieche in die Tschechoslowakei aus, um dort ein neues Leben zu beginnen – was nicht ganz so ausfällt wie gedacht. Die Komödie nimmt sich des Themas mit Herz und leisem, skurrilem Humor an, ist letztendlich ein schöner Film über Freundschaft, die sich an kein System hält.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    ACHTUNG SPOILER!

    Onkel Archimedes (Ondrej Vetchy) und seine Frau Penelope (Dana Cerna) müssen 1949 Griechenland aus politischen Gründen verlassen und versuchen einen Neustart in der Tschechoslowakei. Ihre Nachbarn, der Pragmatiker Karel (Miroslav Donutil) und seine Frau Jarmila (Veronika Freimanova) helfen ihnen dabei. Archimedes merkt bald als überzeugter Sozialist, dass Väterchen Stalin offiziell nicht mehr angesagt ist.
    Das Aufeinandertreffen von idealistischem und pragmatischem Sozialismus liefert einen Teil der Komik. Wenn Karel und Archimedes mit dem Slogan ‘Ehre der Arbeit!‘ am Werkstor begrüßt werden, antwortet Karel ‘…, wenn sie gut bezahlt ist.‘
    Die Komik reicht vom ganz subtilen Humor (‘Heute kommen 300 Griechen!‘ – Und der Anführer heißt wohl Leonidas!‘) die Thermopylen lassen grüßen! bis hin zu den ersten Sprachschwierigkeiten: nachdem Penelope die Körperteile von Mensch und Tier gelernt hat, verlangt sie beim Metzger ‘Hast du Beine, du Sau?‘
    Als die Mutter von Archimedes daheim krank wird, will er zu ihr. Mehrere Fluchtversuche schlagen fehl (LKW, Heißluftballon). Es hätte eine Dramödie werden können, aber der Humor behält die Oberhand. Regisseur Agathonikiadis findet über den Umweg einer Verwechslung der Zugpassagiere eine europafreundliche Lösung.
    Nicht nur wegen des tschechischen Neulandes für Emigranten steht dieser geniale Film in der Prager Tradition von Jan Sverak mit Kolya und Leergut, was die Atmo, den Humor und den ernsten Hintergrund angeht.

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