Kritik

The Grudge 2020

„The Grudge“ // Deutschland-Start: 9. Januar 2020 (Kino)

Nachdem in einem Waldstück eine grausam zugerichtete Leiche in einem Auto gefunden wurde, führen Detective Muldoon (Andrea Riseborough) alle Hinweise zu einem Haus, dem der Ruf vorauseilt, es würde dort spuken. Dort trifft sie auf die verstörte Faith Matheson (Lin Shaye), welche seit vielen Jahren mit ihrem Mann in dem Haus wohnt. Als Muldoon auch dessen Leiche findet, geht sie, anders als ihr Partner Detective Goodman (Demián Bichir), von einem möglichen Mord aus, doch die Geschichten um einen Fluch sowie die zahlreichen Vermisstenfälle, auf die sie stößt, bringen sie nicht weiter, geben mehr und mehr Fragen auf. Auch der Hinweis auf Goodmans alte Partner, Detective Wilson (William Sadler), einem Polizisten, den die Ermittlungen in den Wahnsinn trieben, deutet auf einen Fluch hin, dessen Opfer von einem mysteriösen Geist heimgesucht werden. Während Goodman sie versucht vor weiteren Ermittlungen in dem Fall abzuhalten, aus Angst, ihr würde ein ähnliches Schicksal widerfahren wie seinem ehemaligen Partner, vertieft sich Muldoon in das Geheimnis um das Haus. Jedoch ist sie dem Geheimnis viel näher, als ihr lieb ist …

Die Wände zwischen den Welten
Als im Jahre 2002 der japanische Regisseur Takashi Shimizu mit Ju-On: The Grudge den dritten Teil seiner Filmreihe um einen mysteriösen Fluch drehte, drehte er nicht nur den Film, der ihm international Anerkennung einbringen sollte, sondern auch einen wegweisenden Film für das Horrorgenre. Die Conjuring-Filme, die Insidious-Reihe oder Annabelle wären ohne die Werke eines Takashi Shimizu, Hideo Nakata (Ring) oder Kiyoshi Kurosawa (Pulse) nicht denkbar, haben diese Künstler unter anderem unter der Marke „J-horror“ eine Strömung des Horrorgenres begründet, die sich zum einen der Ursprünge des Genres bedient, aber auch tief verwurzelt ist in der Kultur eines Landes. Hatten Regisseure wie Wes Craven noch mit der Scream-Reihe mit den Regeln des Genres gespielt, waren Ju-On oder Ring Filme, die eine Brücke schlugen zwischen der modernen Welt hin zur Vergangenheit, die einen symbolhaft in Form eines Fluches oder Monsters einholt.

Von daher ist es wohl nicht verwunderlich, dass gerade jemand wie Nicolas Pesce viel Potenzial in der The Grudge-Reihe zu erkennen glaubt. Schon mit seinem Erstling The Eyes of My Mother (2016) zeigte sich Pesce als genauer Beobachter des Horrorgenres, der talentiert darin ist, besonders auf visueller Ebene eine düstere Atmosphäre zu erzeugen und Konventionen zu bedienen, aber gleichzeitig eine moderne Inszenierung anzustreben. In vielen Interviews spielte er daher auf die potenzielle Mannigfaltigkeit der Ju-On/The Grudge-Filme an, die zwar nach bestimmten Regeln funktionieren, aber gleichzeitig auf kreativer Ebene sehr viele Freiräume zu bieten haben, die für ihn als Regisseur sehr interessant seien.

Thematisch ist Pesces Film die Anknüpfung, vor allem an die japanischen Filme der Reihe, sehr wohl gelungen. Während Shimizus Film von 2002, wie viele andere J-horror-Filme auch, von Vereinzelung, Isolation und dem Wegfall des sozialen Gefüges innerhalb der japanischen Gesellschaft sprechen, erweitert Pesces Film dies mit Bezug auf die Abschottung vieler Bürger. Die hohen Mauern, welche die Gemeinde, die sein Film zeigt, umgeben, suggerieren jenen Bereich der Sicherheit, ein Konzept, welches der Fluch naturgemäß aushöhlt. Die zahlreichen Außenaufnahmen Zachary Gallers, mit dem Pesce bereits in Piercing kollaborierte, betonen immer wieder den Schein einer Idylle.

Das Helfer-Syndrom und jump scares
Neben der Dekonstruktion von Sicherheit ist der Fluch, wie auch in Ring, mit einem Virus gleichzusetzen, der sich immer auf einen oder mehrere Wirte übertragen kann. Auch wenn sich Pesces Skript bisweilen von den Regeln der Reihe verabschiedet, zeigt auch sein Horrorfilm symbolhaft den Zersetzungsprozess jener Werte, die für den Erhalt einer Gesellschaft stehen. Nicht umsonst sind es sowohl bei Shimizu als auch bei Pesce immer wieder die Helfer, die Polizisten, die Pfleger oder einfach die „guten Menschen“, welche durch ihre Befindlichkeit Opfer des Fluches werden. Anhand eines Charakters, wie ihn Demián Bichir darstellt, sieht man, wie lähmend diese Angst sein kann.

Schlussendlich könnte The Grudge ein durchaus gelungener Film sein, wäre da nicht eine inszenatorische Schwäche, die mittlerweile zu einem wirklichen Fluch für das Genre geworden ist. Bei all den interessanten thematischen Aspekten und dem toll spielenden Ensemble wünscht man sich eine sehr viel subtilere und weniger berechenbare Inszenierung, vor allem der Schockmomente, bei denen Pesce in erste Linie auf die leidigen jump scares zurückgreift. Das ist sehr schade und wird den lohnenswerten Ideen seines Films nicht gerecht.

Credits

OT: „The Grudge“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce
Musik: The Newton Brothers
Kamera: Zachary Galler
Besetzung: Andrea Riseborough, Demián Bichir, John Cho, Betty Gilpin, Lin Shaye, Jacki Weaver

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The Grudge (2020)
3.88 (77.5%) 8 Artikel bewerten

The Grudge (2020)
"The Grudge" ist ein solider Horrorfilm mit vielen Verweisen auf die Ursprünge der Filmreihe. Trotz vieler guter thematischer Aspekte sowie eines guten Ensembles bleibt Nicolas Pesces Film durch seine größtenteils berechenbare Inszenierung hinter den Erwartungen. Dennoch ist der Film durchaus besser, als die teils vernichtenden Kritiken beispielsweise aus den Staaten es einem weismachen wollen.
6von 10

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