Kritik

Irgendwann ist auch mal gut

„Irgendwann ist auch mal gut“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (TV)

Es läuft gerade echt nicht gut im Leben von Karsten (Fabian Hinrichs). Ausgerechnet kurz vor Weihnachten macht das Auto des Leichenbestatters Zicken, sein Wellensittich stirbt, die lebensfrohe Mitarbeiterin Ellie (Maresi Riegner) hat lauter komische Ideen, wie man das bei der Arbeit besser machen könnte, und seine Frau will endlich die Scheidung abschließen. Wenigstens das Fest mit seinen Eltern verspricht ein bisschen herbeigesehnte Ruhe. Aber nichts da. Mitten beim gemütlichen Essen eröffnet ihm sein an Parkinson erkrankter Vater Theodor (Michael Wittenborn), dass er Selbstmord begehen will, seine Mutter Marion (Franziska Walser) gleich mit, weil sie nicht ohne ihn leben mag. Für Karsten steht fest: nicht mit ihm! Und so setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, um die beiden von ihrem Plan abzubringen …

Das Thema Tod ist eines, das wir im Leben gerne mal vor uns herschieben. Wer will sich schon damit auseinandersetzen, dass man irgendwann nicht mehr existiert? Richtig schockierend wird es jedoch, wenn jemand diesen Tod freiwillig sucht. Der erste Reflex ist an dieser Stelle: Tu das nicht, lass dir helfen! Was auch immer dein Problem ist, man kann es lösen! Doch was wenn eben nicht? Wenn Selbstmord tatsächlich die einzige Möglichkeit ist, Leid zu entgehen? Dann wird es schnell heikel. Die deutschen Dramen Hin und weg und Und morgen Mittag bin ich tot haben sich damit auseinandergesetzt, da waren es junge, unheilbar kranke Menschen, die selbstbestimmt und würdevoll aus dem Leben gehen wollten, was für das Umfeld naturgemäß nur schwer zu ertragen war.

Ein echter Galgenhumor
Das ist bei Irgendwann ist auch mal gut prinzipiell erst einmal sehr ähnlich. Während es bei den obigen Kollegen die Eltern, Partner und Freunde waren, die sich mit dem nahenden Tod eines geliebten Menschen auseinandersetzen mussten, da ist es hier eben der Sohn. Am Schmerz und der Unfassbarkeit ändert das wenig. Was die TV-Produktion von den vorangegangenen Kinofilmen jedoch deutlich unterscheidet, sind zwei Punkte. Der erste betrifft den Tonfall. Hier geht man eben nicht mit reinem Ernst und viel Betroffenheit zur Sache, sondern begleitet den Abwehrkampf mit Humor. Der ist mal etwas albern, an anderen Stellen schwarz, zuweilen auch skurril.

Der zweite Unterschied: Regisseur und Co-Autor Christian Werner legt den Fokus nicht auf den Todkranken, wie man es vielleicht erwarten könnte. Stattdessen ist es der Sohn, der im Mittelpunkt steht. Der baldige Freitod der Eltern ist sicherlich das schwerwiegendste Thema in seinem Leben, fügt sich aber nahtlos ein in ein Chaos, das an allen Ecken und Enden ausbricht. Dass dies ausgerechnet einem Mann passiert, der im Gegenteil alles kontrollieren will und versucht streng nach Vorschrift vorzugehen, ist ein Grund für die Komik des Films. Denn je mehr Karsten versucht, alles beisammen zu halten und zu bestimmen, umso weniger gelingt es ihm. So als würde man einem Jongleur immer mehr Bälle zuwerfen, obwohl die ersten schon auf dem Boden gelandet sind.

Ein Bad der Gefühle
Ob diese Form von Humor das geeignete Mittel ist, sich des Themas anzunehmen, darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein. Die Tragikomödie, welche auf dem Max Ophüls Preis 2020 Premiere hatte, ist teilweise so sehr damit beschäftigt, das Publikum unterhalten zu wollen, dass für Nachdenklichkeit nicht mehr die Zeit reicht – was auch an der Egozentrik der Hauptfigur liegt, die sichtlich Schwierigkeiten damit hat, sich auf andere einzustellen. Entsprechend gemischt sind die Gefühle, die man Karsten entgegenbringt, von Schadenfreude bis Mitleid ist da alles dabei, wenn er mit den Armen fuchtelnd durch die Gegend läuft, immer schriller und verzweifelter wird, alles Mögliche versucht, um doch noch alles irgendwie ins Lot zu bringen. Irgendwann ist auch mal gut spielt da geschickt mit der Neugierde des Publikums, in welchen Abgrund hier als nächstes gerannt wird, mit der Spannung, ob die Versuche von Karsten von Erfolg gekrönt sein werden.

Das macht Spaß, auch weil Fabian Hinrichs (8 Tage) sich ganz einer Figur hingibt, die lächerlich und tragisch zugleich ist. Und sie gibt einem doch immer wieder etwas zum Denken mit auf den Weg. Wie viel ist das Leben an sich wert? Gibt es eine Pflicht zum Leben? Ist Selbstmord egoistisch oder der Versuch diesen aufzuhalten? Eindeutige Antworten gibt Irgendwann ist auch mal gut nicht, überlässt es dem Publikum, im Anschluss nachzugrübeln und sich mit dem Leben auseinanderzusetzen, wie auch immer dieses aussieht. Werner gelingt es dabei, versöhnliche Töne anzuschlagen, ohne sich dem Kitsch zu ergeben, in den richtigen Momenten zu bewegen, obwohl er auf die aufdringliche Manipulation verzichtet, welche gerade im TV-Bereich zu oft Standard ist.

Kritik

OT: „Irgendwann ist auch mal gut“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Christian Werner
Drehbuch: Christian Werner, Daniel Bickermann
Musik: Peer Kleinschmidt
Kamera: Anne Bolick
Besetzung: Fabian Hinrichs, Franziska Walser, Michael Wittenborn, Maresi Riegner,  Julia Richter

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Irgendwann ist auch mal gut
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Irgendwann ist auch mal gut
In „Irgendwann ist auch mal gut“ erfährt ein krisengeplagter Bestatter, dass seine Eltern sich umbringen wollen, und will alles tun, um das zu verhindern. Der TV-Film kombiniert dabei einen skurril-albernen Humor mit ernsten Momenten, befasst sich eher mit dem Lebenden, der sich selbst in Frage stellen muss, und regt dadurch in mehrfacher Hinsicht zum Nachdenken an.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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