Kritik

Instinto

„Instinto“ // Deutschland-Start: 18. Juni 2020 (DVD)

Marco (Mario Casas) hat alles, wovon andere nur träumen können. Er sieht gut aus, führt ein erfolgreiches Unternehmen, hat ein aufregendes Leben. Und doch, so richtig glücklich ist er nicht. Immer wieder fährt er in einen Club, um sich dort anonymen und erotischen Fesselspielen hinzugeben, während er gleichzeitig in Therapie ist, um sein Gefühlsleben in Griff zu bekommen. In seiner Firma gibt es zunehmend Spannungen mit Mitbegründer Diego (Jon Arias) und dessen Frau Bárbara (Bruna Cusí), vor allem als Eva (Silvia Alonso) neu ins Team kommt. Das Verhältnis zu seinem jüngeren, geistig zurückgebliebenen Bruder José (Óscar Casas) ist nicht ganz einfach. Und dann taucht auch noch seine Mutter Laura (Lola Dueñas) auf, welche die beiden im Stich gelassen hat, als sie noch Kinder waren …

Attraktive Menschen, die sich entblößen und diverse Fessel- und Dominanzspielchen treiben, das erfreut sich in Filmen immer wieder größerer Beliebtheit. Die Fifty Shades of Grey Trilogie war an den Kinokassen ein großer Erfolg, die Vergewaltigungsfantasien in 365 Days bescherten Netflix viele Zuschauer und Zuschauerinnen, trotz oder vielleicht auch wegen der Kontroverse. Nun steht mit Instinto die nächste Produktion an, die mit nackter Haut und im Geheimen ausgespielten Gelüsten für ein gewisses Kribbeln sorgen möchte. Sexszenen gibt es bei der spanischen Serie einige, geradezu Beginn. Und doch kann man diese kaum mit den obigen Beispielen vergleichen. Sie ist nicht nur besser, sondern auch deutlich komplexer.

Eine Serie, mehrere Richtungen
Tatsächlich tat man sich keinen großen Gefallen damit, Instinto als einen Erotikthriller verkaufen zu wollen. Natürlich gibt es die erotischen Momente. Zudem findet man hier Intrigen und Spannungen, dazu tief versteckte Geheimnisse, welche immer eine gute Voraussetzung für einen Thriller sind. Doch diese Aspekte werden immer wieder durch andere durchbrochen, allen voran der Handlungsstrang um den geistig zurückgebliebenen José. Mit Erotik hat das natürlich wenig zu tun, auch Thriller würde man hierzu wohl kaum sagen wollen – der sich anbahnende gerichtliche Streit zwischen Marco und Laura ist dafür zu schwach, tatsächliche Showdowns gibt es nicht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass dieser Teil der Geschichte langweilig wäre. Im Gegensatz zu den eher auf schicke Oberfläche abzielenden anderen Passagen darf es hier um tatsächliche Gefühle gehen. Marco, der einerseits skrupelloser Geschäftsmann mit einer Aversion für Nähe ist, kümmert sich um den Bruder, versucht es zumindest, wird damit zu einer komplexeren Figur als viele andere, die hier über den Bildschirm flitzen. Das funktioniert auch gut wegen der Besetzung: Mario Casas, der mit Teenieromanzen wie Drei Meter über dem Himmel berühmt wurde und inzwischen vorrangig in düsteren Werken zu sehen ist – zuletzt etwa Dein Zuhause gehört mir – und Óscar Casas sind auch im wahren Leben Brüder, was dem Zusammenspiel eine intimere Note verleiht, selbst wenn der Handlungsstrang zu Wiederholungen neigt.

Die Geschichte hinter dem Sexfetisch
Der Erotik-Part ist innerhalb der Geschichte der unwichtigste, weshalb vor allem der anonyme Sex recht schnell wieder fallengelassen wird. Immerhin: Anders als bei den obigen Beispielen sind die Szenen bei Instinto kein reiner Selbstzweck, sondern werden inhaltlich mit den anderen Ereignissen verbunden. Tatsächlich ist eine der aufgeworfenen Fragen, woher Marco seine S/M-Fantasien hat. Diese werden auch beantwortet, was jedoch nur bedingt Grund zur Freude gibt. Die Auflösung ist relativ schnell, dazu noch verstörend, ruft weitere Fragen herauf, mit denen man als Zuschauer alleingelassen wird. Da wollte man das Publikum einfach nur ein bisschen billig schockieren, anstatt sich auf wirkliche psychologische Diskussionen einzulassen.

So ganz geht die Kombination der drei Handlungsstränge – Erotikszenen, Arbeitsintrigen, Familiendrama – nicht auf, dürfte beträchtliche Teile des Publikums auch irritieren. Wer vor allem das Kribbeln sucht, vielleicht mit Spannung verbunden, der wird nicht unbedingt etwas mit den dialoglastigen Szenen rund um José anfangen können, die von der Schwierigkeit handeln, mit geistig zurückgebliebenen Angehörigen umzugehen. Wer hingegen vor allem sensible erzählte Momente rund um zwei Brüder, um Verantwortung und wahre Gefühle sehen möchte, den könnten die Fesselsequenzen und ruppigen Affären aus dem Konzept bringen. Aber es ist doch eine interessante Mischung, einerseits authentisch, andererseits überzogen, wie man sie nun wirklich nicht alle Tage zu sehen bekommt.

Credits

OT: „Instinto“
Land: Spanien
Jahr: 2019
Regie: Carlos Sedes, Roger Gual
Drehbuch: Ramón Campos, Teresa Fernández-Valdés, Gema R. Neira
Musik: Lucio Godoy
Kamera: Jacobo Martínez, Ricardo de Gracia
Besetzung: Mario Casas, Ingrid García Jonsson, Silvia Alonso, Miryam Gallego, Jon Arias, Óscar Casas, Lola Dueñas

Bilder

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Instinto
„Instinto“ erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmannes, dessen Leben abwechselnd von Arbeitsintrigen, fesselnden Erotikspielen und dem schwierigen Umgang mit dem geistig zurückgebliebenen jüngeren Bruder geprägt ist. Die Mischung ist etwas eigenartig, die Serie mehr Drama als Thriller. Aber es ist nicht uninteressant und zumindest teilweise überzeugend gespielt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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