Kritik

Helmut Newton The Bad And The Beautiful

„Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ // Deutschland-Start: 9. Juli 2020 (Kino)

Zwei Bezeichnungen wollte er nicht mit seinen Fotografien in Verbindung gebracht sehen: Kunst und guter Geschmack. Inwiefern das reine Koketterie war oder tatsächliche Ablehnung, das sei mal dahingestellt. Klar ist aber, dass Helmut Newton oft und gern mit seinen Bildern provozierte. Er liebte Leserbriefe, heißt es an einer Stelle der Dokumentation Helmut Newton – The Bad and the Beautiful, die zu Ehren seines 100. Geburtstages in die Kinos kommt. Vor allem die kritischen, je kritischer umso besser. Und von denen gab es einige, etwa als Nadja Auermann leicht bekleidet mit einem Schwan im Bett posierte und damit viele Leute vor den Kopf stieß.

Aus Liebe zur nackten Frau
Dass Tiere mit im Spiel waren, das war für den gebürtigen Deutschen, der 1938 wegen seines jüdischen Glaubens aus dem Land fliehen musste, jedoch eine Ausnahme. Vielmehr war das Motto Newtons immer: weniger ist mehr. Und das galt insbesondere für die Kleidung, die bei seinen Modellen meist knapp bemessen war, sofern es sie überhaupt noch gab. Das brachte ihm den Vorwurf des Sexismus ein, seine Bilder reduzieren die Frauen auf ihre Körper, so die Kritik. Dem kann man sich nun anschließen oder nicht, so wie man allgemein der Modefotografie eine Objektivierung ihrer Modelle ankreiden könnte. Eins war Newton aber sicher nicht: ein billiger Voyeur.

Immer wieder erzählen die Frauen, mit denen er gearbeitet hat – im Film kommen beispielsweise Isabella Rossellini, Charlotte Rampling und Grace Jones zu Wort –, wie angenehm die Stimmung am Set war, wie respektvoll sich Newton verhielt, es nie Annäherungsversuche gab. Aber auch: wie perfektionistisch er veranlagt war. Der Fotograf arbeitete gerne mit natürlichem Licht, wartete teils ewig auf den einen Moment, wenn der Lichteinfall so war, wie er es sich zuvor ausgemalt hatte. Ein Beispiel hierfür ist die wieder mal unbekleidete, sich in der Sonne räkelnde Jones, deren Intimbereich durch einen Schatten verdeckt wird. Was genau er vorhatte, das verriet Newton der jamaikanischen Künstlerin nicht, so wie er des Öfteren seiner Arbeit mit einer Art schelmischen Humor nachging.

Die (fast) übliche Begeisterung
Aber das war einer der Gründe, warum die Befragten so gerne mit ihm arbeiteten: Seine Arbeit war gleichzeitig naturalistisch und kunstvoll, dabei irgendwie spaßig und ein klein wenig versaut. Wenn es Leute gab, die über eine Zusammenarbeit mit ihm etwas Negatives zu sagen haben, dann wurden diese hier ignoriert. Helmut Newton – The Bad and the Beautiful ist einer dieser typischen biografischen Dokumentarfilme, in denen kein böses Wort fallen darf, die Befragten zu einer kollektiven Heldenverehrung ansetzen. Das ist natürlich etwas einseitig, lässt einen auch immer etwas wundern, ob es da nicht sehr viel mehr zu sagen gegeben hätte. Andererseits erscheint die Begeisterung für den Fotografen ehrlich, in den vielen Anekdoten, die hier geteilt werden, schimmert immer eine aufrichtige Bewunderung durch.

Außerdem macht es einfach Spaß, hier hinter die Kulissen zu schauen, zu erfahren, wie das eine oder andere berühmte Bild von ihm entstanden ist. Schön ist auch, dass Regisseur Gero von Boehm eine ganze Reihe alter Interviews mit dem 2004 verstorbenen Fotografen auftreiben konnte, die noch einmal einen etwas persönlicheren Einblick geben. Das ändert zwar nichts an dem Gefühl, letztendlich doch nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Aber wenn die so unterhaltsam ist wie hier, dann sieht man das nach. Außerdem macht Helmut Newton – The Bad and the Beautiful Lust darauf, sich noch einmal etwas tiefer mit dem Protagonisten auseinanderzusetzen, weitere seiner ungewöhnlichen Aufnahmen anzusehen und sich am Ende vielleicht ein eigenes Bild davon zu machen.

Credits

OT: „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Gero von Boehm
Drehbuch: Gero von Boehm
Kamera: Pierre Nativel, Marcus Winterbauer, Alexander Hein, Sven Jakob-Engelmann
Interviews: Helmut Newton, Isabella Rossellini, Charlotte Rampling, Anna Wintour, Grace Jones, Nadja Auermann

Bilder

© Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation
© Pierre Nativel, LUPA FILM

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Helmut Newton – The Bad and the Beautiful
4.55 (90.91%) 11 Artikel bewerten

Helmut Newton – The Bad and the Beautiful
„Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ wandelt auf den Spuren des berühmten, aber auch kontroversen Modefotografen, der mit Vorliebe nackte Frauen verewigte. Die Vorwürfe des Sexismus werden zwar erwähnt, aber gleich wieder fallengelassen. Stattdessen ist der Dokumentarfilm einer der typischen Heldenverehrungen. Spaß macht er trotzdem, auch weil die befragten ehemaligen Modelle viele Anekdoten zu erzählen haben.
0ohne wertung

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.