Kritik

Eine größere Welt

„Eine größere Welt“ // Deutschland-Start: 9. Juli 2020 (Kino)

Auch wenn der Tod ihres Mannes nun schon eine Weile zurückliegt, Corine (Cécile de France) schafft es einfach nicht, darüber hinwegzukommen und ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Als sie mal wieder einen Heulkrampf erleidet, beschließt sie, erst einmal möglichst weit weg zu fahren. Die Wahl fällt auf die Mongolei, wo die Tontechnikerin für ihre Arbeit Schamaninnen aufnehmen soll. Corine ist absolut fasziniert von ihren Erlebnissen, vor allem aber von der Idee, dass es möglich sein soll, mit den Toten zu kommunizieren. Und so kehrt sie nach einem kurzen Zwischenstopp in Frankreich wieder zurück in das fernöstliche Land, um sich selbst zu einer Schamanin ausbilden zu lassen und auf diese Weise vielleicht wieder mit ihrem verstorbenen Mann Kontakt zu haben …

Wie geht man damit um, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist? Wenn man einen Alltag fortführen muss, der keiner mehr sein kann? Es braucht Zeit, heißt es da oft. Andere verlassen sich auf den Halt, den Familie, Freunde oder Familie geben können, eine sichernde Routine. Oder man greift zu Medikamenten und sucht in Therapien Rat. Im Fall von Corine wird aber deutlich: All das bringt nichts. Als ihr Paul gestorben ist, hat er eine Lücke hinterlassen, die sie nicht füllen kann, die sie überfordert. Eine größere Welt beginnt dann auch damit, eben dieses Scheitern zu inszenieren. Der große Schmerz, den die Französin fühlt, er überträgt sich auf das Publikum, obwohl es zunächst gar nicht weiß, was los ist und es im Laufe des Films den Verstorbenen nie kennenlernen wird.

Zwischen Trauer und Exotik
Aber Eine größere Welt ist kein Film über Paul. Er mag der Anfang der Reise sein und auch dessen Ziel. Die Reise an sich führt aber, anders als von Corine erhofft, nicht unbedingt näher an ihn heran. Basierend auf der wahren Geschichte von Corine Sombrun, die in die Mongolei fuhr, um sich dort zur Schamanin ausbilden zu lassen, erzählt Regisseurin und Co-Autorin Fabienne Berthaud (Sky – Der Himmel in mir) im Grunde zwei Geschichten. Die eine betrifft die Protagonistin selbst, die im Laufe ihres Aufenthalts lernt, mit ihrem Schmerz umzugehen. Trotz des exotischen Umfeld – mongolischer Schamanismus ist nun wirklich nichts, das man jedem Tag begegnen würde – ist das ein Thema, mit dem sich die meisten irgendwie identifizieren könnten. Der Verlust eines geliebten Menschen ist schließlich für alle eine Herausforderung, egal ob sie nun in Deutschland, Frankreich oder der Mongolei sind.

Gleichzeitig beleuchtet Eine größere Welt aber auch die Welt der Spiritualität. Als sich Corine aufmacht in das ferne Land, steht sie den Tätigkeiten zwar neugierig, aber doch auch skeptisch gegenüber. Und sie ist nicht allein, ihre spätere Beschäftigung mit dem Thema wird in ihrer Heimat auf wenig Gegenliebe stoßen. Selbst ihre Schwester Louise (Ludivine Sagnier) kann damit nichts anfangen, sähe es lieber, wenn die Trauernde sich auf die westliche Medizin verlässt anstatt östlichen Glauben. Berthaud zeigt hier den altbekannten Widerstreit von Wissenschaft und Glauben, von Moderne und Tradition. Und auch wenn sie ihrer Hauptfigur mit sehr viel Verständnis begegnet, ganz auflösen will sie den Konflikt nicht, hält lieber an dem Mysterium fest, ob an der Sache mehr dran ist.

Die Grenzen des Glaubens
Das erinnert natürlich schon ein wenig an die ganzen religiös motivierten Filme aus den USA, wo der Glaube dabei hilft, aus Abgründen wieder herauszukommen und Schicksalsschläge zu überwinden – siehe etwa I Can Only Imagine oder Breakthrough – Zurück ins Leben. Im Gegensatz zu diesen Kollegen ist die französisch-belgische Produktion aber deutlich zurückhaltender, ermöglicht es Fragen zu stellen, ohne dabei automatisch die Antwort vorgeben zu wollen. Zumal der Glaube allein nicht die Rettung für alles ist. Corine hat trotz ihrer Bemühungen nur begrenzt Erfolg, die Schamaninnen müssen sich mit unwürdigen Touristendarbietungen über Wasser halten, weil das ursprüngliche Leben, so idyllisch es auch wirkt, nicht genug abwirft.

Das Drama, welches 2019 in Venedig Premiere hatte, überzeugt dabei in zweierlei Hinsicht. Da wären zum einen natürlich die wunderbaren Aufnahmen von der Mongolei, die nicht nur das Fernweh im Publikum kitzeln, sondern Ausdruck einer tiefen Naturverbundenheit sind. Außerdem kann sich Berthaud auf ein tolles Ensemble verlassen. Die Belgierin Cécile de France (L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr, Der Preis der Versuchung) geht vollkommen in ihrer Rolle auf, wirft sich ohne Zurückhaltung in den Schmerz ihrer Rolle, später in die Tranceerfahrungen. Ihr zur Seite stehen die Einheimischen, die sich teilweise aus Laienschauspielern und -schauspielerinnen zusammensetzen, die zusammen mit den dokumentarischen Szenen dem Geschehen viel Authentizität verleihen. Ein bisschen schade ist, dass die Folgen von Corines Erfahrungen nur kurz angeschnitten werden, wenn die Trance zum Inhalt wissenschaftlicher Untersuchungen wurde. Aber auch so ist Eine größere Welt ein sehenswerter Einblick in eine fremde, langsam verschwindende Kultur.

Credits

OT: „Un Monde Plus Grand“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2019
Regie: Fabienne Berthaud
Drehbuch: Fabienne Berthaud, Claire Barré
Musik: Valentin Hadjadj
Kamera: Nathalie Durand
Besetzung: Cécile de France, Narantsetseg Dash, Tserendarizav Dashnyam, Ludivine Sagnier, Arieh Worthalter

Bilder

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Eine größere Welt
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Eine größere Welt
Eine von Trauer überwältigte Frau sucht berufliche Ablenkung in der Mongolei und lässt sich anschließend zur Schamanin ausbilden, um ihrem verstorbenen Mann näherzukommen. „Eine größere Welt“ ist einerseits das Porträt einer Frau, die ihr Leben wieder in den Griff bekommen will, gleichzeitig ein sehenswerter Einblick in eine fremde, langsam verschwindende Kultur.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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