Kritik

Trafic Tati im Stoßverkehr

„Trafic – Tati im Stoßverkehr“ // Deutschland-Start: 17. Dezember 1971 (Kino) // 15. Oktober 2015 (DVD/Blu-ray)

Das neue Wohnmobil ist der ganze Stolz von Monsieur Hulot (Jacques Tati), der für eine Pariser Autofirma arbeitet. Und so lässt er sich nicht nehmen, das supermoderne, komfortable Fahrzeug selbst auf der kommenden Autoausstellung in Amsterdam vorstellen zu wollen. Dabei ist er nicht allein, eine Reihe von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen macht sich ebenfalls auf den Weg, eine junge PR-Agentin soll für den letzten Schliff sorgen. Doch dieser Plan geht nicht so wirklich auf. Immer wieder stößt die Delegation auf neue Hindernisse und muss sich am Ende fragen, ob sie es überhaupt noch bis nach Amsterdam schaffen …

Der beigefarbene, etwas knitterige Trenchcoat, der Schlapphut, vielleicht auch eine Pfeife – so kennen wir Monsieur Hulot. Und so kennen wir auch Jacques Tati, der oft mit seiner berühmten Kunstfigur gleichgesetzt wird. Dabei hat er sie gar nicht so oft verkörpert: Gerade mal vier Spielfilme und ein Kurzfilm umfasst die Komödienreihe um den gutmeinenden, tollpatschigen Herren, der von einem Unglück ins nächste stolpert. Doch das ist für ein Gesamtwerk, das ohnehin nur sechs Spielfilme umfasst, ein recht hoher Prozentteil. Abgesehen von seinem Debüt Tatis Schützenfest, das den folgenden Filmen schon sehr ähnelte, und seinem letzten Spielfilm, der TV-Zirkusrevue Parade, drehte sich also jedes längere Werk um die Figur, die den Franzosen berühmt machte.

Das Leid mit der Technik
Wer die anderen Filme kennt, der weiß deshalb ziemlich genau, was einen hier erwartet. Erneut dürfen wir Monsieur Hulot dabei zuschauen, wie er an der modernen Welt scheitert, sich mit der Technik herumplagt. Dafür wurde dieses Mal das Thema Auto genommen, das wie keine andere Technik für Emotionen prädestiniert ist. Und darüber macht sich Tati in Trafic – Tati im Stoßverkehr dann auch gerne lustig. Mal sind es die unsinnigen Erfindungen, welche das Auto zu etwas Besonderem machen sollen. Mal bekommen sich die Leute in die Haare, wenn sie sich gemeinsam auf den Straßen tummeln und dabei kräftig in die Quere kommen. Und natürlich will die Technik oft nicht so, wie sie soll.

Mit seinem berühmten Blick für Details und alltägliche Absurdität offenbart Tati hier, wie wir uns von einem Gerät abhängig machen, das Segen und Fluch zugleich ist. Der Straßenverkehr wird bei ihm zu einem Spiegel der Gesellschaft, in dem sich zeigt, was die Leute antreibt, wie sie sich verhalten und woran sie sich orientieren. Das ist durchaus satirisch, jedoch mit Herz und Wärme verbunden. Tatis Filme machen sich einerseits schon über die Leute und die aktuelle Welt lustig, verzichten aber auf Boshaftigkeit. Trafic – Tati im Stoßverkehr ist ein freundlicher Film, der einen zwar zum Lachen bringt, einen aber auch irgendwie gut fühlen lässt – was nicht zuletzt von der sehr entspannten Machart verstärkt wird.

Viel Bewegung um nichts
Tatsächlich verzichtet Tati darauf, eine wirkliche Geschichte erzählen zu wollen. Er gibt zwar ein Szenario vor, wenn er die französischen Autovertreter nach Amsterdam schickt, ein Ziel der Reise. Wie so oft ist aber der Weg das eigentliche Ziel. Wo es jedoch in Roadmovies normalerweise zumindest eine Form von Entwicklung gibt, wenn sich etwa Figuren näherkommen oder sie etwas über sich selbst lernen, da ähnelt die Fahrt hier mehr einem Hamsterrad. Alles bewegt sich, es bleibt kaum eine Zeit, um mal anzuhalten und sich zu besinnen. Und doch: Vom Fleck bewegt man sich in den mehr als anderthalb Stunden kaum.

Mit der Hektik heutiger Slapstickfilme hat das dennoch nicht so wahnsinnig viel gemeinsam. Es gibt keine lauten Explosionen, keine verheerenden Unfälle, die ein bisschen an die Schadenfreude im Publikum appellieren. Das wird deshalb sicherlich nicht jedem gefallen, manch einer wird sich langweilen bei dieser Parade von Nichtigkeiten und Dialogen, die so beiläufig sind, dass man sie kaum als solche wahrnimmt. Aber es ist doch sympathisch, einerseits nostalgisch, gleichzeitig aktuell und zeitlos, eine Reise, an die man sich gern erinnert, auch wenn man gar nicht so genau sagen kann, was eigentlich passiert ist.

Credits

OT: „Trafic“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1971
Regie: Jacques Tati
Besetzung: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Tati, Jacques Lagrange, Bert Haanstra
Musik: Charles Dumont
Kamera: Eduard van der Enden, Marcel Weiss

Bilder

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Trafic – Tati im Stoßverkehr
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Trafic – Tati im Stoßverkehr
In Jacques Tatis letztem Spielfilm mit seiner berühmten Kunstfigur Monsieur Hulot fährt er von Paris nach Amsterdam und landet dabei in zahlreichen absurden Szenen. „Trafic – Tati im Stoßverkehr“ ist dabei durchaus Satire auf die Menschen und ihre Beziehungen zu Autos, ist dabei aber nicht boshaft, sondern vielmehr eine entspannte Reise, nostalgisch und aktuell.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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