Kritik

Tatis Schützenfest Jour de fete

„Tatis Schützenfest“ // Deutschland-Start: 31. Dezember 1949 (Kino) // 15. Oktober 2015 (DVD/Blu-ray)

Das war aber knapp, um ein Haar wäre der Postbote François (Jacques Tati) fast von dem Fahnenmast erschlagen, der anlässlich des alljährlichen Festes errichtet wird! Doch die eigentliche Bedrohung, die kommt erst später, als das fahrende Kino einen Film über die Postboten in den USA zeigt. Denn die sind deutlich moderner – und schneller – unterwegs als der gute alte François mit seinem klapprigen Rad, was ihm im Anschluss jede Menge Spott einbringt. Das will der wiederum nicht so ohne weiteres auf sich sitzen lassen. Er wird es den anderen Dorfbewohnern schon zeigen! Es dauert jedoch nicht lange, bis er damit ein absolutes Chaos anrichtet …

Was Buster Keaton und Charlie Chaplin für die USA waren, da war Jacques Tati für Frankreich. Zwar startete er deutlich später mit dem Filmemachen als seine Kollegen, weshalb es in seinen Werken von Anfang an Sprache gab. Sie war nur nicht besonders wichtig, der Humor des Komikers war einer, der sich eher auf Bilder und Situationen verstand. Das zeigt sich sehr schön in seinem Spielfilmdebüt von 1947, welches in Deutschland unter dem eher irreführenden Titel Tatis Schützenfest bekannt ist. Denn François sagt viel, selbst wenn er nichts sagt, spricht dabei, ohne dass man ihn verstehen würde. Oder müsste.

Neu ist nicht immer besser
Das Thema des Films ist dabei zweierlei. Zum einen wendet sich Tati hier dem Widerstreit von Tradition und Moderne zu, den er auch in späteren Titel aufgreifen wird. Verkörpert wird dies durch die Figur des Postboten, dem jedes Mittel recht ist, um Geschwindigkeit und Effektivität seiner Touren zu erhöhen und damit seine Ehre wiederherzustellen. Das nimmt dann schnell etwas eigenwillige Formen an, um nicht zu sagen absurd, auf dem Weg ans Ziel wird da manchmal etwas zweckentfremdet und improvisiert. Ausgesprochen wird das zwar nicht, aber der Optimierungswahn, einhergehend mit einer gewissen Entmenschlichung, wird hier schon aufs Korn genommen.

Gleichzeitig ist Tatis Schützenfest aber auch das Porträt eines Dorfes. Bis beispielsweise die irre Posttour beginnt, leisten wir den diversen Einwohnern und Einwohnerinnen Gesellschaft, schauen ihnen bei der Vorbereitung des Festes zu, ein bisschen auch beim Alltag. Der mag nicht aufregend sein, von schnell ganz zu schweigen. Diese eher dokumentarisch angehauchten Passagen sind dafür voller Charme und Wärme. Trotz der kurzen Zeit, die wir dort verbringen, strotzt der Ort vor Persönlichkeit, ohne dass es deswegen gleich zu einer Verklärung kommen würde.

Zu Besuch bei alten Freunden
Das Gefühl von Authentizität kommt nicht von ungefähr: Tati hatte einige Jahre zuvor schon in dem Dorf gelebt, das ihm als Drehort diente. Viele der Menschen, die man in dem Film sieht, sind tatsächliche Bewohner und Bewohnerinnen. Kein Wunder also, dass man hier bei aller Übertreibung den Eindruck gewinnt, man ist unter sich. Vieles von dem, was in Tatis Schützenfest geschieht, ist von universeller, zeitloser Natur, weshalb die Komödie auch als Klassiker gilt. Und doch hat man sich den lokalen Charakter bewahrt, fing die Stimmung des ländlichen Nachkriegs-Frankreich ein.

Ob man die Filme und die Späße heute noch wirklich lustig findet, ist letztendlich auch ein wenig Geschmackssache. Die Witze sind ausgesprochen simpel, bestehen aus teils wenig bemerkenswerten Slapsticknummern, wenn der Postbote beispielsweise aufgrund einer Unaufmerksamkeit im Bach landet. Tati selbst ist natürlich einer der ganz Großen dieses Humortyps, auch weil er immer so aussieht, als hätte er überhaupt keinen Humor, was zu einem ziemlichen Kontrast führt. Aber es reicht bei seinem Frühwerk dann doch eher zu einem Schmunzeln als zu einem tatsächlichen Lachen.

Credits

OT: „Jour de fête“
Land: Frankreich
Jahr: 1949
Regie: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Tati, Henri Marquet, René Wheeler
Musik: Jean Yatove
Kamera: Jacques Marcanton, Jacques Sauvageot
Besetzung: Jacques Tati

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 1949
Locarno 1949
Cannes 2013
Fünf Seen Filmfestival 2020

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Tatis Schützenfest
In seinem ersten Spielfilm „Tatis Schützenfest“ zeigte der große französische Komiker Jacques Tati bereits Talent und Vorliebe für visuellen Humor und die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne. Die Witze sind meist eher simpel, dafür ist das liebevolle Porträt eines französischen Nachkriegs-Dorfes ausgesprochen charmant.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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