Kritik

Parade Jacques Tati

„Parade“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2015 (DVD)

Wortlose Situationskomik, verbunden mit einer leichten Nostalgie und Melancholie – so kannte man Jacques Tati in seinen Filmen. Das gilt mit Einschränkungen auch für Parade, den letzten Film, den der große französische Humorist und Filmemacher noch zu seinen Lebzeiten fertigstellen konnte. Tatsächlich vergleichbar ist das Finale dabei nicht. Es ist nicht einmal sicher, ob man das hier wirklich als Film bezeichnen sollte, in derselben Weise, wie es Tatis Schützenfest oder Mein Onkel waren. Ob man dem Ganzen damit gerecht wird.

(Fast) live dabei
Nachdem Tati zuvor mit seinen Spielfilmen kein besonderes Glück hatte in finanzieller Sicht, nahm er einen Auftrag des schwedischen Fernsehens an. Genauer handelt es sich bei Parade um eine Art Varieté-Show, die live aufgezeichnet wurde. Die Künstler bestehen zu einem großen Teil aus Artisten, wie man sie in einem Zirkus sehen würde, ergänzt um ein paar Musiker. Wobei die Grenzen dort fließend sind: Wer im einen Moment noch ein Instrument in der Hand hält, kann im nächsten schon durch die Luft springen.

Das Besondere an Parade ist jedoch eine andere Grenze, die regelmäßig aufgehoben wird: die zwischen Künstlern und dem Publikum. Zu Beginn ermuntert Tati die Zuschauer und Zuschauerinnen, nicht einfach nur tatenlos zuzusehen, wie andere auf der Bühne stehen. Sie sollen ruhig selbst vorbeikommen und mitmischen. Das tun einige auch, schauen sich die Kulissen an, greifen ins Geschehen ein. Eine der lustigsten Szenen ist, wenn ein Herr immer wieder in die Manege läuft, mit dem Ziel, den Esel zu zähmen und auf ihm zu reiten – was seiner ebenfalls anwesenden Frau so gar nicht gefällt.

Liebevoll, aber nicht immer komisch
Auch sonst gibt es den einen oder anderen amüsanten Moment. Mal ist es die ältere Dame, welche an der Garderobe Platz für die zahlreichen Motorradhelme sucht. Auch die Zweckentfremdung eines Instruments kommt so überraschend, dass man gar nicht anders kann, als leise zu kichern. Insgesamt ist vieles an dem Film aber harmlos und ohne echten Zweck. Dass Tati hier keine Geschichte zu erzählen hat, ist dabei gar nicht mal so schlimm. Es kam ihm sowieso mehr auf die einzelnen Situationen an. Nur sind diese oft nicht mehr als der übliche Zirkusstandard. Natürlich ist es beeindruckend, wenn ein Mann aus dem Stand auf die Schultern eines anderen springen kann. Aber dafür braucht es nicht unbedingt einen Film. Es braucht auch nicht das Talent des französischen Komikers. Denn wirklich komisch ist das nicht unbedingt, was das Kollektiv hier vormacht.

Und doch, ohne Charme ist Parade sicher nicht. Als hätte Tati gewusst, dass dies sein letzter großer Auftritt sein würde, ist dieser Mitschnitt eine Verbeugung vor der Kunst der Artisten, vor einer Kunst, die nach und nach in Vergessenheit gerät. Mit einem Lächeln im Gesicht und voller Zuneigung blickt er auf die jüngeren Kollegen und Kolleginnen, auf das lachende Publikum, bevor der Vorhang fällt, die Parade vorbei ist. Und auch wenn der Spaß vielleicht nicht so groß gewesen ist wie erhofft. Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, wenn das Ende kommt und alle nach Hause gehen.

Credits

OT: „Parade“
Land: Frankreich, Schweden
Jahr: 1974
Regie: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Tati
Musik: Charles Dumont
Kamera: Jean Badal, Gunnar Fischer
Besetzung: Jacques Tati

Bilder

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Parade
3.8 (76%) 10 Artikel bewerten

Parade
Der letzte Film von Jacques Tati war kein Spielfilm. Stattdessen handelte es sich bei „Parade“ um den Mitschnitt einer Livesendung, die Varieté-Einlagen bot, bei denen das Publikum explizit zum Mitmachen aufgefordert wird. Das ist charmant, auch wegen des Nostalgiefaktors, aber nur manchmal tatsächlich lustig, zumal manche der Tricks nur der übliche Zirkusstandard sind.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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